Bistum Osnabrück

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Pilgern – nichts für Langschläfer

8700 Pilger bei Telgter Wallfahrt / Bischof Bode spricht zu jungen Leuten über Glaubwürdigkeit

Von Jürgen Flatken


Einzug in Telgte mit Gebet und Gesang. „Ohne Telgter Wallfahrt ist das Jahr nichts für mich“, sagen Teilnehmer, die schon seit vielen Jahren mitpilgern. Beim „Gebet mit den Füßen“ schöpfen sie Kraft für den Alltag. 
Foto: Andreas Große Hüttmann


Osnabrück/Telgte. Echten und glaubwürdigen Menschen zu begegnen – dazu ist die größte Fußwallfahrt Deutschlands gut geeignet. Bischof Franz-Josef Bode wandte sich bei der Telgter Wallfahrt diesmal vor allem an junge Menschen, die mittlerweile die Hälfte der Teilnehmer ausmachen.  

In den ersten Monaten entsteht das, was ein Kind stark fürs Leben macht – Urvertrauen. Psychologen und Hirnforscher sagen: Wer am Anfang seines Lebens eine sichere, liebevolle Beziehung zu seinen Eltern erlebt hat und Urvertrauen in die Welt, in die Menschen und sich selbst entwickeln konnte, hat ein gutes Fundament für die weitere Entwicklung mitbekommen. Doch Jugendliche und junge Erwachsene stellen sich heute immer öfter die Frage: „Wem kann ich trauen? Wie kann Vertrauen gelingen? Was soll ich glauben?“ und vor allem: „Wem soll ich noch glauben?“
Mit genau diesen Fragen sah sich Bischof Franz-Josef Bode konfrontiert, als er vor einiger Zeit junge Erwachsene dazu aufrief, ihm zu schreiben, was sie im Alltag bewegt. In seiner Predigt auf dem Rastplatz in Oedingberge bei Glandorf während der 157. Telgter Wallfahrt versucht er, Antworten auf diese existenzielle Frage zu finden. Den Anfragen stellt er das diesjährige Leitwort der Wallfahrt gegenüber: „Ich weiß, wem ich glaube.“ „Dieses selbstbewusste Wort des heiligen Paulus wird heute gerade jungen Menschen nur schwer über die Lippen kommen“, führt Bode aus. Angesichts einer Politik, in der es so viele leere Versprechungen und Meinungen gäbe, je nach Gunst der Wähler, angesichts einer Wirtschaftskrise, die die Machenschaften von Spitzenmanagern und Bankern entlarve und auch angesichts von Seelsorgern und Priestern, die durch Fehlverhalten oder Missbrauch ihrer religiösen Autorität das Vertrauen verspielten, könne man nur noch die Vertrauensfrage stellen. „Dabei ist und bleibt es ein hoher Wert junger Leute, echten und glaubwürdigen Menschen zu begegnen“, sagt Bode.

Gemeinschaft gibt Antwort auf Glaubensfragen

Und welcher Ort wäre besser dazu geeignet, als die größte Fußwallfahrt Deutschlands. „Die Stimmung ist wirklich super. Anfangs hatte ich ja ein wenig Sorge wegen der unsicheren Wetterlage, aber größere Schauer sind Gott sei Dank ausgeblieben“, freut sich Wallfahrtsleiter Karlheinz Schomaker. Noch mehr freut er sich aber darüber, dass die Wallfahrt vor allem bei jungen Leuten immer beliebter wird: „Der Zuspruch hält unvermittelt an. Über die Hälfte der 8700 Pilger ist unter 30 Jahre alt. Das Durchschnittsalter liegt bei 30 bis 35 Jahren“, berichtet Schomaker. „Hier lernen die jungen Leute eine andere Art des Glaubens kennen, Glauben in einer Gemeinschaft“, versucht er das Phänomen zu ergründen. „Sie finden hier eine Plattform, um sich auszutauschen; hier bekommen sie Antworten auf ihre  Glaubensfragen. Wo findet man das denn heute noch?“
Daher freut es ihn besonders, dass Bischof Bode sich in seiner Predigt vor allem an die jungen Menschen wendet. „Es gibt kaum eine Veranstaltung, bei der so viele junge Erwachsene dabei sind“, erklärt Bode, warum er sich an diesem Morgen auf der Hälfte der Strecke speziell an die jungen Pilger wendet. „Sie erleben in dem gemeinsamen Rhythmus des Wanderns eine Kirche im Aufbruch, eine Glaubensgemeinschaft, die uns wieder Grund unter die Füße gibt.“

Um 1.15 Uhr klingelt schon der Wecker

Dabei ist nicht nur die Jugend unterwegs. „Von acht bis 80 Jahren ist alles dabei“, beschreibt Schomaker das Teilnehmerfeld. Für viele ist es eine liebgewonnene Tradition, einmal im Jahr nach Telgte zum Gnadenbild der Gottesmutter zu pilgern. Wie für Maria König: „Ich bin seit 1955 dabei“, erzählt sie, „bis auf die Zeit, in der meine Kinder kamen. Ohne Telgter Wallfahrt ist das Jahr für mich nichts. Hier schöpfe ich Kraft für den Alltag und kann meine Akkus wieder aufladen.“ Das Beten mit den Füßen und die Gemeinschaft sind für die 65 Jahre alte Osnabrückerin das Besondere an diesem Ereignis. „Es macht unheimlich Spaß, mit so vielen Leuten den Glauben zu demonstrieren“, erklärt Thomas Appelbaum seine Motivation. Denn Pilgern ist nichts für Langschläfer. „Um 1.15 Uhr klingelte der Wecker, um halb drei war Messe und dann ging es auch schon los“, beschreibt der 45-Jährige seinen Start in den Tag. Zusammen mit mehr als 700 Pilgern machte er sich in der Nacht von Freitag auf Samstag auf den rund 43 Kilometer langen Weg nach Telgte. Die in den frühen Morgenstunden noch beschauliche Pilgerzahl wächst im Laufe des Vormittags auf über 8700 an. Der elfjährige Justus ist dabei, einfach „weil‘s Spaß macht“.  
Bischof Franz-Josef Bode ist sich sicher, dass, wer sich auf das „Abenteuer Telgter Wallfahrt“ einlasse, wieder etwas Klarheit in Kopf und Herz darüber habe, wem man letztlich wirklich vertrauen und glauben dürfe: „Jesus Christus, der mit uns unterwegs ist“.



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