Familie

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„Ich will nicht in die Kirche!“

Es gibt sie noch: Eltern, die sonntags zur Kirche gehen und die ihren Kinder zeigen wollen, dass eine Stunde für Gott und die Gemeinschaft wichtig sind. Doch je älter die Kinder werden, desto häufiger stoßen Eltern auf Unverständnis und Widerstand. Was können Sie tun?

Till (7) liegt auf dem Fußboden und ist in ein Lego-Bauwerk vertieft. Erst auf die dritte Ansprache reagiert er: „Kirche, och ne, ich bau‘ gerade so schön!“

„Kinder bis zum Erstkommunionalter gehen locker mit, wenn die Eltern gehen“, sagt Albert Biesinger, Professor für Religionspädagogik an der Uni Tübingen. Er spricht aus Erfahrung, denn er ist selber Vater, Großvater und als Diakon in der Erstkommunionkatechese tätig. Doch trotz grundlegender Bereitschaft: Manchmal sind Kinder einfach beschäftigt und wollen nicht unterbrochen werden. So wie sie manchmal auch keine Lust auf Fußballtraining oder Musikschule haben, obwohl sie grundsätzlich gern dorthin gehen. Dann hilft nur Konsequenz: „Wir gehen jetzt und nachher bauen wir weiter!“
„Das große Loch kommt nach der Erstkommunion“, berichtet Biesinger. Dann ist für viele Kinder erst mal genug mit Kirche, zumal die anderen auch nicht mehr kommen. Da ist es gut, Verabredungen mit anderen Familien zu treffen, denn für die Kinder ist es eine Motivation, wenn Freunde auch in die Kirche kommen. Oder wenn man darauf verweisen kann, dass nach dem Gottesdienst noch etwas los ist, etwa Frühschoppen im Gemeindehaus mit Spielaktionen für Kinder.

Timo (10) und Angela (12) sitzen beim Frühstück. Der Vater drängelt. Die Geschwister sehen sich an: „Nicht schon wieder Kirche.  Das ist so öde!“

Je älter die Kinder werden, desto kritischer sind sie. Und: Ein bisschen Recht haben sie! Eine Messe, die sich ausschließlich an Erwachsene richtet, ist für Kinder öde; und sogar Erwachsene fragen sich nach einer schlechten Predigt manchmal: Warum bin ich eigentlich hier? „Wenn man in der Stadt wohnt, kann man nach einer Gemeinde suchen, die auch Kinder und Jugendliche anspricht“, rät Religionspädagoge Biesinger. Das müssen keine Kindermessen sein. „Es reicht schon das Bemühen, generationsübergreifend zu feiern“. Zum Beispiel durch eine Mischung von alten und neuen Liedern oder durch die Beteiligung von Kindern an den Fürbitten.
Bei Kindern, die so alt sind, dass sie locker allein zu Hause bleiben können, wird der Wert von Strenge und Konsequenz geringer. Sie brauchen das Gefühl, ernstgenommen zu werden. Deshalb kann es helfen, ab und zu ihr Quengeln zu erhören. „Ich erinnere mich, dass meine Schwester manchmal keine Lust hatte“, erzählt ein Pfarrer. „Da haben meine Eltern gesagt: Gut, bleib zuhause, aber wir anderen gehen jetzt. Am nächsten Sonntag war sie wieder mit dabei.“ Andererseits darf es auch Regeln geben, etwa diese: „Wenn Familiengottesdienst ist, gehen wir gemeinsam hin!“

Elena (14) liegt noch im Bett. Die Mutter kommt rein. „Aufstehen, sonst kommen wir zu spät zur Kirche.“ Elena grummelt nur. „Geht alleine. Ich will ausschlafen!“

Die Pubertät ist eine schwierige Zeit. Jugendliche hinterfragen alles, was ihre Eltern für gut und richtig halten. In dieser Phase schadet Zwang mehr, als er nutzt. „Man muss die Kinder erproben lassen, wie es geht ohne Gott“, rät Biesinger. „So wie das Kind sich körperlich verändert, häutet sich auch der Glaube.“ Die Jugendlichen müssen eine eigene Position gewinnen. Dabei ist Abstand oft ein notwendiger Schritt und „mit Mama und Papa zu gehen“ eher peinlich. Um so wichtiger sind kirchliche Jugendgruppen. „Meine Tochter ist Messdienerin geblieben“, erzählt eine Mutter, „Da ging sie wenigstens ab und zu.“ Andere kann man auf Jugendvespern oder Jugendmessen aufmerksam machen. Oder sie erleben Fahrten zum Weltjugendtag oder nach Taizé. „Die Hirnforschung hat gezeigt, dass Jugendliche in der Pubertät nur dann religiös andocken, wenn der Glaube mit Emotionen zu tun hat“, sagt der Experte. Mit positiven Emotionen wie bei Jugend-Events, nicht mit negativen Emotionen wie ständiger Stress mit den Eltern. Andererseits fühlen sie sich weiterhin auch ihrer Familie verbunden. Deshalb rät Biesinger dazu, so lange es geht, Verabredungen zu treffen wie diese: „Ab und zu wollen wir als Familie gemeinsam gehen.“

Philipp (16) wird grundsätzlich: „Wenn ihr unbedingt in die Kirche wollt: bitte! Aber hört auf, mich dauernd zu fragen. Ich gehe da nicht hin!“

Was tun, wenn der pubertäre Abstand sich zu dauerhafter Distanz verfestigt? „Als meine Tochter nichts mehr von Kirche wissen wollte, habe ich trotzdem sonntagsmittags regelmäßig erzählt, was in der Kirche los war“, berichtet eine Mutter. Kirche, Gemeinde, Religion und Gott blieben ein Thema, auch wenn „mitgehen“ kein Thema mehr war. „Als Eltern müssen wir einfach akzeptieren, dass unsere Kinder ernsthaft zweifeln. Aber ich sage: Sie zweifeln Gott entgegen!“, meint Religionspädagoge Biesinger. Umso schöner ist, wenn diese Kinder in späteren Lebensphasen, etwa, wenn sie selber Kinder haben, zur Kirche zurück finden. „Wir können ihnen Brücken bauen“, sagt Biesinger. „Darüber gehen müssen sie selber.“



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