30.11.2018

Laie übernimmt Leitung einer Pfarrei

„Das werde ich oft erklären müssen"

Wenn im Bistum Osnabrück ein Gemeindeleiter in sein Amt eingeführt wird, war das bisher immer ein Priester. Zum ersten Mal übernimmt jetzt ein Laie die Verantwortung für eine Pfarreiengemeinschaft. Eine Ausnahme im Kirchenrecht macht es möglich.

Erste Reihe: Pastoralreferent Michael Göcking (am Ambo) ist in
Zukunft Vorgesetzter von Pater Dominik Kitta. Foto: pa/Gensch

Ein Pfarrer leitet die Kirchengemeinde. So steht es im kirchlichen Gesetzbuch, dem CIC. Dahinter steht die Überzeugung, dass Leitungsamt und Feier der Eucharistie in einer Person miteinander verbunden sein müssen. Eine Ausnahme ist allerdings für Notfälle vorgesehen. Stehen nicht genug Priester zur Verfügung, kann ein Laie eingesetzt werden. Wenn an diesem Sonntag (2. Dezember) in Wellingholzhausen der neue Gemeindeleiter in sein Amt eingeführt wird, dann tritt zum ersten Mal im Bistum Osnabrück dieser Notfall ein. Michael Göcking ist von Haus aus Pastoralreferent, hat also ein Theologiestudium absolviert. Jetzt wird er Pfarrbeauftragter.

Bis vor ein paar Wochen war Jörg Ellinger Pfarrer der Gemeinden Gesmold und Wellingholzhausen. Seit er Pastor in Hagen und Gellenbeck ist, sind die beiden Pfarreien, die eine Pfarreiengemeinschaft bilden, ohne ortsansässigen Pfarrer. Dass nun ein Laie sein Nachfolger wird, ist das vorläufige Ende einer längeren Entwicklung im Bistum.

Unter dem Stichwort „Kirche der Beteiligung“ werden Laien schon länger an der Verantwortung beteiligt. So gibt es zum Beispiel neben dem Pfarrgemeinderat in einigen Gemeinden Ehrenamtlichenteams, die den Pfarrer bei der Leitung der Pfarrei unterstützen. Als die Zahl der Neupriester immer geringer wurde, gab es im Bistum die Überlegung, auch an der Spitze einer Pfarrei Laien noch mehr zu beteiligen. Das bedeute nicht, dass die Gemeinde keinen Priester mehr haben werde, hatte Domkapitular Ulrich Beckwermert, der für den Einsatz des seelsorglichen Personals zuständig ist, vor knapp zwei Jahren in einem Interview des Kirchenboten gesagt (siehe „Stichworte“).

Gemeinde ohne Pfarrer, aber nicht ohne Priester

Zwei Priester sind für den Einsatz in Gesmold und Wellingholzhausen vorgesehen: Pater Dominik Kitta, in Osnabrück Leiter des kirchlichen Gerichts, wird sogenannter moderierender Priester, Thomas Parathattel wird Pastor. Beide sind in erster Linie für die sakramentalen Angebote zuständig, also Eucharistiefeiern, Taufen oder die Krankensalbung. Michael Göcking kümmert sich um alle Verwaltungsarbeiten, ist Mitglied in Pfarrgemeinderat und Kirchenvorstand, leitet das Seelsorgeteam. Er wolle darauf achten, viele Gemeindemitglieder an den Entscheidungen zu beteiligen, eben „Kirche der Beteiligung“ zu leben, sagt er im Gespräch mit dem Kirchenboten. Aber er wolle auf jeden Fall auch Seelsorger sein, zum Beispiel beim Beerdigungsdienst mitwirken.

In den Gemeinden hat er in den vergangenen Wochen eine Aufbruchstimmung gespürt, die Traurigkeit halte sich in Grenzen. „Die Leute wissen, wie die Alternative ausgesehen hätte – eine noch größere Pfarrei“, sagt Göcking. Solchen Plänen hatte die Bistumsleitung allerdings schon früh eine Absage erteilt. Pfarreien mit mehreren Zehntausend Mitgliedern, wie sie in anderen Bistümern entstanden sind, sollen in Osnabrück keine Wirklichkeit werden. St. Petrus (Gesmold) und St. Bartholomäus (Wellingholzhausen) kommen auf knapp 7000 Katholiken.

Ende März wird ein Zwischenfazit gezogen

Trotzdem müssen sich die beiden Pfarreien auf Veränderungen einstellen. Die Zahl der Gottesdienste wird reduziert, Eucharistiefeiern wird es im Wechsel am Samstagabend und Sonntagvormittag geben – oder einen Wortgottesdienst. Bislang wurde zu jeder Beerdigung auch ein Requiem gefeiert, das werde es jetzt nur noch auf Wunsch geben, sagt Göcking. Die Gemeinden wollten zunächst Erfahrungen sammeln, für Ende März sei bereits eine Gemeindeversammlung anberaumt, in der der weitere Weg besprochen werden soll.

Beim Einführungsgottesdienst an diesem Sonntag gibt es einige Besonderheiten. Die Schlüssel, die üblicherweise symbolisch dem Pfarrer überreicht werden, wird Michael Göcking erhalten. Das Glaubensbekenntnis, das sonst der Pfarrer spricht, wird das gesamte Seelsorgeteam sprechen. Und Michael Göcking wird auch predigen. Auch hier werden sich die Gemeinden umstellen müssen. Laien dürfen laut Kirchenrecht in der Eucharistiefeier nach dem Evangelium nicht predigen, der neue Gemeindeleiter wird es dennoch tun. Zuvor spendet ihm der zelebrierende Priester den Segen – ähnlich wie ihn der Diakon erhält, bevor er das Evangelium verkündet.

27 Jahre lang hat Michael Göcking in seiner Eigenschaft als Pastoralreferent an einer Berufsschule unterrichtet, seit 2007 ist er Dekanatsreferent und hat dem Dechanten Verwaltungsarbeit abgenommen. Zuletzt war er Seelsorger für die Landesgartenschau in Bad Iburg, feierte vor kurzem seinen 60. Geburtstag. Mit der Beförderung zum Pfarrbeauftragten hatte er nicht gerechnet. „Ich freue mich auf die Aufgabe. Das wird eine neue Herausforderung“, sagt er. Kürzlich hatte er im Gespräch mit dem Journalisten einer Nachrichtenagentur erklärt, was sich für ihn ändere. „Ich habe gemerkt, dass unsere Frage nach der Gemeindeleitung durch Laien ein katholisches Spezifikum ist. Ich werde in Zukunft sicherlich oft erklären müssen, dass ich nicht der Pfarrer bin“, sagt er und lächelt gelöst dabei. Auch im privaten Bereich zeigt sich das schon. Freunde hätte seine Frau kürzlich mit „Frau Pfarrer“ begrüßt. Natürlich nur im Scherz.

Matthias Petersen

 

Stichworte

Unter dem Begriff Priester sammeln sich alle weiteren Begriffe für Männer, die vom Bischof die Weihe erhalten haben. Zunächst ist der Priester Kaplan (mancherorts auch Vikar) und wird nach einigen Jahren der Ausbildung zum Pastor oder zum Pfarrer ernannt. Der Pfarrer leitet die Pfarrgemeinde und ist Dienstvorgesetzter für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Pastor ist für einen Teilbereich zuständig. Der moderierende Priester lebt im Gegensatz zum leitenden Pfarrer nicht innerhalb der Gemeindegrenzen, sondern übt an einem anderen Ort bereits eine Aufgabe aus. Er hat die geistliche Verantwortung für den Weg der Pfarrei. Der Pfarrbeauftragte (Mann oder Frau) ist ein Theologe, zum Beispiel ein Pastoral- oder Gemeindereferent oder ein Diakon.