12.03.2019

Früherer Missbrauchsfall öffentlich geworden

„Vieles nicht gut gemacht"

Erneut mussten am vergangenen Wochenende zwei Kirchengemeinden, Hagen a.T.W. und Osterbrock, darüber informiert werden, dass ihr früherer Pfarrer des Missbrauchs beschuldigt wird. Bistumsvertreter waren vor Ort – und fanden deutliche Worte.

Auftaktgottesdienst zur Frühjahrsvollversammlung in Lingen: In der St.-Bonifatius-Kirche konfrontierten Gläubige die deutschen Bischöfe mit ihren Forderungen, darunter Mitglieder der Pfarreiengemeinschaft Hagen a.T.W., wo längere Zeit zwei Priester wirkten, die des Missbrauchs beschuldigt werden. Foto: Manfred Münchow

Vor zehn Jahren hätte es ein so offenes Gespräch nicht gegeben, davon ist Domkapitular Ulrich Beckwermert überzeugt. Er ist zusammen mit Nicole Muke vom Seelsorgeamt und Justiziar Ludger Wiemker nach Hagen gekommen, um im vollen Pfarrsaal darüber zu informieren, dass der frühere Pfarrer der Gemeinde, der von 1968 bis 1980 hier wirkte, in der Zeit davor, als er am Knabenkonvikt in Meppen Seelsorger war, Minderjährige sexuell missbraucht haben soll. Es ist die Offenheit der Redebeiträge, die den Domkapitular freut. In dieser Atmosphäre kann er von seiner eigenen Überzeugung erzählen: „Wir haben die Dinge in der Vergangenheit nicht gut gemacht“, sagt er. Und: „Es ist nicht mehr die Zeit, nachzudenken. Es müssen jetzt Entscheidungen gefällt werden“, sagt er und erwähnt die Frage nach dem Pflichtzölibat und dem Frauenpriestertum.

2010 hatte sich ein Mann an das Bistum gewandt und Vorwürfe gegen den Priester erhoben, sagt Justiziar Ludger Wiemker. In einem Gespräch mit dem damaligen Domdechanten Heinrich Silies habe er von einer Anzeige absehen wollen, weil der Priester schon schwerkrank war. Er habe dem Pfarrer verziehen, er könne in Frieden sterben, wird der Betroffene zitiert. Weil ihn die Berichterstattung in den Medien nun doch wieder aufgerüttelte habe, habe sich der Mann vor ein paar Tagen dann einem Redakteur der Tageszeitung anvertraut. „Heute würden wir die Sache auf jeden Fall anzeigen“, sagt Domkapitular Beckwermert.

Die guten Taten treten jetzt in den Hintergrund

Dann zeigt sich im Pfarrsaal: Es ist auch die Atmosphäre, in der Gemeindemitglieder deutliche Worte finden. Er sei von dem früheren Pfarrer schwer enttäuscht und könne ihm das nicht verzeihen, sagt ein Mann. Der Geistliche sei durch den Ort gezogen und habe Geld gesammelt für den Kirchbau. Das sei doch heuchlerisch. Andere gehen auf das Verhalten des Bistums ein. Der Bischof müsse zurücktreten, sagt einer. Eine schwere Forderung, über die dann aber auch in aller Sachlichkeit gesprochen wird. Unterstützer für die Forderung gibt es nicht, dagegen sagen mehrere Teilnehmer, dass der Bischof hier zwar einen Fehler gemacht habe, indem er den Fall nicht zur Anzeige brachte. „Aber er räumt seinen Fehler ein. Und wir brauchen den Bischof jetzt. Immer wenn es in der Kirche einen Schritt nach vorne geht, ist er dabei“, sagt jemand. Niemand widerspricht.

Eingangs hatte Pfarrer Hermann Hülsmann die Anwesenden begrüßt. Es sei kein schöner Termin, sagte er, aber sei über jeden froh, der gekommen ist. „Wir können heute eine Hilfe bekommen, wie wir mit der für uns alle nicht leichten Situation umgehen können“, sagte er. Pfarrgemeinderatsvorsitzende Helga Witte erinnert an den „Pfarrer ihrer Jugend“, dessen gute Taten jetzt in den Hintergrund träten. „Uns liegt jetzt aber auch sehr am Herzen, dass wir Pfarrer Hülsmann den Rücken stärken.“

Ortswechsel: An der Wand des Osterbrocker Pfarrsaals, gleich links neben dem Kreuz, ist an diesem Sonntagmittag ein heller Fleck zu sehen. Hier hing bis vor wenigen Tagen ein Foto von Pfarrer G. – von 1980 bis 1995 Seelsorger in St. Isidor. Im Ruhestand war er in dem Ort geblieben, ist hier gestorben und auf dem Friedhof beigesetzt worden. Aber nach den Vorwürfen, dass er in den sechziger Jahren mehrfach Jungen am ehemaligen Bischöflichen Knabenkonvikt in Meppen sexuell missbraucht haben soll, mag man sein Bild heute nicht mehr sehen.

Weihbischof Johannes Wübbe (r.) informierte die Gemeinde in
Osterbrock über den neuen Missbrauchsfall. Mit am Tisch Pfarrer
Jürgen Altmeppen (Mitte) und Stefan Freck vom Seelsorgeamt.
Foto: Petra Diek-Münchow

Denn die Fassungslosigkeit und auch der Zorn der Osterbrocker ist bei der Gemeindeversammlung nach dem Hochamt mit Händen zu greifen. Bis in jede Ecke hinein ist der Saal voll besetzt. Und mehreren Teilnehmern stehen die Tränen in den Augen, denn der frühere Pfarrer war sehr geschätzt und verehrt worden. Von „einer riesengroßen Enttäuschung“ ist die Rede und von der heilen Welt, die gerade krachend zusammenbricht. Ein jüngerer Mann erzählt, dass er Messdiener bei G. war, dass er von ihm gefirmt worden ist. „Das hätte doch kein Mensch gedacht, dass sowas sein kann. Das ganze Vertrauen ist weg. Was sollen wir jetzt unseren Kindern erzählen? Sollen wir die weiter zur Kirche schicken? Irgendwie hat man doch jetzt Hintergedanken.“

Deutlich wird auch, dass viele Osterbrocker sauer sind auf das Bistum. Sie bestürmen Weihbischof Johannes Wübbe und Stefan Freck vom Seelsorgeamt mit Fragen. Warum sind wir nicht früher informiert worden? Warum hat man den Pfarrer, als er noch lebte, nicht mit den Vorwürfen gegen ihn konfrontiert? Warum sind keine Nachforschungen angestellt werden? „Das verstehe ich nicht“, sagt eine Vertreterin der Gremien. Und es gibt viele Gäste, die mit harten Worten den früheren Umgang der Kirche mit sexueller Gewalt kritisieren. „Warum wurden solche Kinderschänder einfach in andere Gemeinden strafversetzt, wo sie noch Kontakt zu Kindern und Jugendlichen hatten? Das ist eine Unverschämtheit“, sagt jemand. Und mancher mag nicht glauben, dass die Vorwürfe gegen den Pfarrer nicht früher bekannt waren. „Ich kann nicht glauben, dass das damals keiner gemerkt hat.“

„Ist Bischof Bode noch der richtige Mann für das Amt?"

Auch dem derzeitigen Pfarrer der Pfarreiengemeinschaft Geeste, Jürgen Altmeppen, und Diakon Ansgar Maul ist die Erschütterung über den Fall anzusehen. Während des Hochamtes war Altmeppen an das Ambo getreten und hatte unter Tränen gesagt, wie sprachlos, hilflos und auch zornig ihn das Geschehen macht.

Der Weihbischof und Stefan Freck versuchen, Antworten auf die vielen Fragen zu geben. „Wir wollen Sie damit nicht alleinlassen“, verspricht Freck. Und Wübbe sagt, dass er „die Wut gut verstehen kann“. Die Enttäuschung sitzt trotzdem tief. Und die Frage nach der Verantwortung wird gestellt. „Ist Bischof Bode noch der richtige Mann für das Amt?“, wirft ein Mann in die Runde. Mehrere Gäste sagen laut, dass sie genug haben und ernsthaft überlegen, aus der Kirche auszutreten.

Pfarrer Altmeppen hat einen Brief formuliert, der nun in den Kirchen der Pfarreiengemeinschaft ausliegen soll. Darin wird jeder ermutigt, der betroffen ist oder etwas zu den Vorwürfen äußern möchte, sich zu melden. Johannes Wübbe und  Stefan Freck bieten den Gemeindemitgliedern ausdrücklich die Hilfe und die Begleitung des Bistums an. „Sie müssen uns sagen, was Sie jetzt an Unterstützung brauchen“, sagt der Weihbischof. Und er verspricht, dass das Bistum Kontakt zu den beiden bis jetzt bekannten Opfern aufnehmen will, dass er weitere Fragen aus dieser Versammlung klären wird und dass Stefan Freck schon beim nächsten Treffen Antworten mitbringen will. Schon in diesen Tagen gibt es einen weiteren Termin mit Kirchenvorstand, Pfarrgemeinderat und dem pastoralen Team, um zu beraten, wie es in Osterbrock weitergehen kann. „Wir haben jetzt den Auftrag, zu handeln“, sagt Freck.  

Matthias Petersen/Petra Diek-Münchow