07.11.2018

Warum der Abschied am offenen Sarg sinnvoll ist

"Riechen, sehen, fühlen"

Wenn Verstorbene offen aufgebahrt werden, sind sie nach ihrem Tod nicht gleich weg und verschwunden. Bestatter raten dazu, sich auf den Abschied am offenen Sarg einzulassen, um den Toten bewusster gehenlassen zu können.

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Offen aufgebahrt kann man seine Liebsten noch einmal sehen und berühren und so Abschied nehmen. Foto: kna

Wenn jemand stirbt, sind trauernde Angehörige oft atemlos. Rasch wird ein Bestatter verständigt, der den Toten abholt, mit der Familie einen Sarg aussucht und die Beerdigung organisiert. Aber wann nehmen Angehörige und Freunde in Ruhe Abschied von dem Toten? Eine mitunter trubelige Beerdigung ist nicht immer der richtige Rahmen.

Manch einer entscheidet sich deshalb dafür, den Vater oder die Ehefrau für ein paar Tage im offenen Sarg zu zeigen. Das geschieht meist in den Räumen eines Bestattungsunternehmens, im Einzelfall auch daheim. So exotisch, wie man vielleicht meint, ist die Aufbahrung in Deutschland nach Expertenangaben zwar nicht – aber viel seltener als etwa in Großbritannien oder Frankreich.


Bei der Beerdigung fehlt oft die Ruhe
 

Dabei liegen aus Sicht des Kölner Bestatters Johannes Ahlbach die Vorteile auf der Hand: „Ich habe manchmal das Gefühl, dass eine Beerdigung zu einem Event verkommt.“ Soll heißen, dass dort die Ruhe und Bewusstheit für den Abschied fehlen können. Er habe beobachtet, dass dieser in der Intimität am offenen Sarg in einem schönen Raum für manch einen Angehörigen bedeutender gewesen sei als bei der Beerdigung, sagt Ahlbach.
„Riechen, sehen, fühlen“: So fasst der Fachmann die Eindrücke zusammen. Wenn man es so sieht, erscheint diese Form des Lebewohls sehr konkret und buchstäblich sinnlich. Eine Chance, den Tod auch wirklich zu begreifen. Zu sehen sind etwa Totenflecke, der Körper fühlt sich kalt an, und nach einer gewissen Zeit riecht er eben auch, wie Ahlbach erklärt.
Nicht jeder wolle den Toten noch einmal sehen, zum Beispiel, wenn bei einer langen Krankheit der Abschied schon eine gewisse Zeit gedauert habe. Oder nach einem Unfall und Obduktionen. „Denn das ist der letzte Eindruck, den man von einem Verstorbenen hat“, betont Ahlbach.


Die Toten werden gewaschen, mitunter rasiert, geschminkt und angekleidet. Der offene Sarg steht in speziellen, klimatisierten Räumen mit „Wohnzimmercharakter“, so Ahlbach. Wer will, kann dort mit dem Toten sprechen, schimpfen, ihn ansehen, beten, singen, ihm Bilder malen oder ein letztes Mal auf ihn anstoßen. „Bis man denkt: Jetzt ist besser Schluss.“


In Nordrhein-Westfalen ist spätestens nach zehn Tagen Schluss. Denn in der Regel muss dort in diesem Zeitraum ein Leichnam bestattet werden, wie Ahlbach sagt. Selten bleibe ein Mensch nach seinem Tod in den eigenen vier Wänden, etwa im Bett oder im Sarg im Wohnzimmer. Wichtig sei dann, dass die Familie für einen kühlen Raum sorge.

 

Viele kennen keine Abschiedsrituale

Nach dem Wegbrechen der Großfamilie und den damit einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungen habe der Tod seine Alltäglichkeit eingebüßt, sagt Ahlbach. Heute herrschten mitunter eine Verdrängung und auch Aberglaube. Er bedauere es, sagt der Bestatter, dass heute oft Rituale fehlten, die hilflosen Angehörigen in einer so schwierigen Situation helfen könnten.


Auch wenn der Abschied am offenen Sarg keineswegs die Regel ist, wird er nach den Worten des Geschäftsführers des Kuratoriums Deutsche Bestattungskultur, Oliver Wirthmann, zunehmend entdeckt. Das hänge auch mit einem Wunsch nach individueller Gestaltung zusammen. Dass nicht wenige Menschen Angst davor hätten, sei „frappierend in einer Gesellschaft, die sich als so frei und souverän in so vielen verschiedenen Bereichen begreift“.


Prominente hätten zu Lebzeiten ein Geschäft mit ihrer Öffentlichkeit gemacht, sagt Wirthmann. „Dann hat auch die Bevölkerung das Recht, öffentlich Abschied zu nehmen.“ Etwa im Fall der Sängerin Aretha Frank-lin, der im August viele Fans am offenem Sarg die letzte Ehre erwiesen. Oder beim Kölner Kardinal Joachim Meisner: Er war nach seinem Tod im Sommer 2017 in einer Kölner Basilika aufgebahrt worden. Im kirchlichen Kontext gebe es insgesamt „mehr Verständnis dafür und auch dafür, den Tod zu zeigen“, sagt Wirthmann.


Bestatter Ahlbach erinnert sich an eine 17-Jährige, die von einem Lastwagen überrollt worden war. Die Eltern wollten sich von ihrem Kind verabschieden, die Ärzte rieten davon ab. Am Ende hätten seine Mitarbeiter die Leiche so zurechtgemacht, dass sie im offenen Sarg liegen konnte. Ahlbach: „Die Eltern waren sehr dankbar.“

Leticia Witte