28.11.2018

Adventszeit ist Vorbereitungszeit

Adventlich leben

Sich auf das Geburtsfest des Erlösers vorzubereiten – dazu dient die Adventszeit. Das ist nicht wie Zuckerschlecken beim geruhsamen Bummel über den Weihnachtsmarkt. Das ist eine anspruchsvolle, eine herausfordernde Aufgabe. 

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Am Adventskranz wird die erste Kerze angezündet. Heimelig. Jedoch: Der Advent ist keineswegs nur eine gemütliche Zeit. Foto: istockphoto


Es riecht nach Glühwein und Bratwurst. Weihnachtslieder erklingen auf dem Platz. Zwischen den Buden schieben sich Menschen aneinander vorbei. Vor den Glühweinständen stehen Menschentrauben. Der Dom im Hintergrund bildet eine schöne Kulisse. Mehr nicht. So wie auf dem Osnabrücker Weihnachtsmarkt sieht es spätestens in wenigen Tagen in vielen Innenstädten aus. In den Geschäften herrscht dann Hochbetrieb. Für den Handel ist der Advent die wichtigste Jahreszeit. Süßer die Kassen nie klingen. 

Wir haben den Advent romantisch verkitscht. Mit Weihnachtsdeko, beleuchteten Fassaden, Glühweinduft und „Stille Nacht“ in Endlosschleife. Dabei sollte der Advent alles andere als heimelig sein – in der Kirche ist als liturgische Farbe Violett angesagt, die Farbe der Buße und Trauer. 


Ein Aufruf zum radikalen Neubeginn

Und die biblischen Texte im Advent sind auch keineswegs Kuscheltexte. Sie rufen auf zur Umkehr, zum radikalen Neubeginn. Im Evangelium dieses ersten Advents verkündet Jesus die Endzeit, in der „Völker bestürzt und ratlos“ sind. „Die Menschen werden vor Angst vergehen.“ Der Advent gilt als Bußzeit, ähnlich wie die 40 Tage vor Ostern. Christen sollen sich auf die Ankunft Gottes vorbereiten, wachsam und gerüstet sein. Kein Wort von glühweinseliger Konsumstimmung. „Wacht und betet allezeit, damit ihr ... vor den Menschensohn hintreten könnt“, mahnt Jesus seine Jünger im Evangelium.


Bei den ersten Christen war das eine konkrete Erwartung. Sie glaubten, dass Christi Wiederkunft unmittelbar bevorstehe. Heute leben wir nicht in der Erwartung, dass bald das Gottesreich anbricht. Dennoch: Der Advent fordert uns auf, adventliche Menschen zu werden, jederzeit mit der Begegnung mit Gott, mit seinem Eingreifen zu rechnen. 


Aber was heißt das konkret? Die Lesung aus dem Brief an die Gemeinde in Thessalonich gibt eine Ahnung davon: „Der Herr lasse euch wachsen, damit ihr ohne Tadel seid, geheiligt von Gott.“ Frommes Gerede mit jeder Menge Raum für eigene Interpretationen? Mitnichten: „Ihr habt von uns gelernt, wie ihr leben müsst, um Gott zu gefallen“, schreibt Paulus. Die Anleitung zum christlichen Leben findet sich ebenfalls im Neuen Testament. 


Papst Franziskus nennt sie einen „Aktionsplan: die Seligpreisungen und Matthäus 25. Ihr braucht nichts anderes mehr zu lesen.“ Hinter Matthäus 25 verbirgt sich die Rede vom Weltgericht: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Franziskus wird nicht müde, diese beiden Stellen als Richtlinie für Christen zu nennen. Zuletzt hat er sie in seinem Schreiben „Gaudete et exsultate“ über „den Ruf zur Heiligkeit in der Welt von heute“ erläutert. Gott will, „dass wir heilig sind“ und uns nicht „mit einer mittelmäßigen, verwässerten, flüchtigen Existenz zufriedengeben“, schreibt Franziskus.


Wie das gehen kann, schreibt er in „Gaudete et exsultate“. Der Papst macht klar: Gottesdienst und Menschendienst gehören zusammen. „Es ist nicht gesund, die Stille zu lieben und die Begegnung mit anderen zu meiden.“ Doch ohne Glauben geht es auch nicht: Christen dürfen die praktischen Forderungen des Evangeliums nicht „von ihrer persönlichen Beziehung zum Herrn, zu ihrer inneren Verbindung mit ihm, von der Gnade trennen. So wird das Christentum zu einer Art NGO“, also einer ganz normalen Hilfsorganisation. 


Adventlich leben heißt also, Gott zu suchen, die Beziehung mit ihm zu pflegen und aus dieser Beziehung heraus die Welt zu gestalten, barmherzig zu sein, ganz konkret: Hungernde speisen, Fremde aufnehmen, Kranke und Gefangene besuchen, Menschen Kleidung geben. Und dann die Seligpreisungen aus der Bergpredigt. „Mit der Bergpredigt können Sie kein Land regieren“, sagte der CDU-Politiker Jens Spahn Anfang des Jahres. Franziskus dürfte das anders sehen: „Die Worte Jesu mögen uns poetisch erscheinen, sie richten sich jedoch deutlich gegen den Strom der Gewohnheit, gegen das, was man in der Gesellschaft so tut.“ 


Auch wenn andere uns für schwach halten

Aus den Seligpreisungen lassen sich doch Verhaltensweisen für Menschen unserer Tage ableiten. Da wird es unbequem: Wenn etwa die Armut als selig gepriesen wird. Dabei geht es eben nicht nur um Armut im Geiste, sondern tatsächlich um ein „schlichtes und genügsames Leben“. Oder bei der Sanftmut. Selbst, wenn ich meine Überzeugungen verteidige, soll das bescheiden geschehen, schreibt Franziskus. Dann muss ich es manchmal hinnehmen, dass mich andere für „blöd oder schwach“ halten. „Lassen wir es zu, dass die anderen das denken.“   

Gegen den Strom schwimmen, sanftmütig, bescheiden, demütig, voller praktischer Liebe für Gott und den Nächsten – ein hohes Ideal, zu dem Christen berufen sind. Die Adventszeit ist Gelegenheit, sich selbst zu überprüfen, sein Leben neu auszurichten. Möglichkeiten dazu gibt es genug; bei den vielen besonderen Gottesdienstangeboten, beim Bettler an der Ecke. 

Dabei ist der Glühweinabend mit Freunden überhaupt nicht verboten. Christen sollen keine Miesepeter sein – auch damit können sie sich auf Papst Franziskus und auf Jesus berufen.

Ulrich Waschki