23.01.2019

Antisemitismus in Deutschland

Kampf dem Judenhass

Antisemitismus breitet sich in Deutschland aus. Felix Klein, der Beauftragte der Bundesregierung für das Thema, will Opfern künftig besser helfen. Er sagt, oft basiere Judenhass auf Unwahrheiten und Gerüchten. Und er fordert, die Schulen sollten früher über jüdisches Leben aufklären. 

Auf der Straße wird ein Rabbi bespuckt. In Berlin verdrischt ein Asylbewerber einen Mann mit Kippa. In etlichen Schulen des Landes werden jüdische Kinder gemobbt. Weil der Judenhass ausgerechnet im Mutterland der Schoah wieder ein besorgniserregendes Ausmaß angenommen hat, hat die Bundesregierung im Mai 2018 einen Antisemitismusbeauftragten ernannt.

Felix Klein betont, dass der Antisemitismus vorwiegend auf Unwahrheiten und Gerüchten beruht – egal, ob er nun von muslimischen Migranten, von Rechten oder Linken kommt. Zudem hat er beobachtet, dass der Judenhass in fast allen gesellschaftlichen Schichten verbreitet ist. „Das hat mit dem Bildungsniveau wenig zu tun“, sagt er.

Laut Klein ist vor allem der „israelbezogene Judenhass“ auf dem Vormarsch. So würden 40 Prozent der Deutschen dem Satz zustimmen „So wie die Israelis die Palästinenser behandeln, müssen sich die Juden nicht wundern, dass sie unbeliebt sind“. Auch wenn Übergriffe auf Juden und ihre Einrichtungen fast weltweit zunehmen, sieht Klein den Antisemitismus hierzulande vor dem Hintergrund des von Deutschen betriebenen Völkermords an sechs Millionen Juden als „besonders alarmierend“. 
Nach Vorbild des Bundes haben inzwischen acht Bundesländer einen Antisemitismusbeauftragten berufen, andere wollen nachziehen. Mit ihnen zusammen will Klein in den kommenden Wochen das weitere Vorgehen beraten. 

Als erste Maßnahme hat Klein die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) ins Leben gerufen. Dort können sich rund um die Uhr Menschen melden, die Opfer antisemitischer Anfeindungen wurden, auch solcher „unterhalb der Strafbarkeitsgrenze“, betont Klein. Rias soll aber nicht nur Opfer beraten, sondern auch Zahlen liefern und so helfen, das oft noch verkannte Problem sichtbarer zu machen, sagt der Völkerrechtler. 

Begegnungen helfen gegen eine verzerrte Wahrnehmung

Im Kampf gegen den Antisemitismus setzt Klein auf Aufklärung und verspricht sich viel von Dialogprojekten wie Likrat, das der Zentralrat der Juden 2017 ge-startet hat. Im Rahmen von Likrat werden junge Juden an Schulen geschickt, um dort mit Nichtjuden ins Gespräch zu kommen. „Begegnungen helfen, die verzerrte Wahrnehmung aufzulösen“, sagt Klein. Er fordert die Schulen auf, viel früher über jüdisches Leben aufzuklären: „Das darf nicht erst mit der Aufarbeitung der NS-Diktatur anfangen.“ 

Bei der Erinnerungskultur möchte Klein verstärkt den Blick auf Menschen richten, die Widerstand gegen die Nazis geleistet haben. Etwa jenen Polizisten, der in Berlin eine Synagoge bei den Pogromen 1938 vor dem brandschatzenden Nazimob schützte. Bei muslimischen Schülern kämen Berichte und Dokumentationen über Mohamed Helmy gut an, berichtet Klein. Der ägyptische Arzt hat, obwohl er selbst verfolgt und angefeindet wurde, mehrere Juden gerettet. Wir bräuchten „aktive Identifikationsfiguren“, sagt Klein.

Andreas Kaiser