19.09.2022

Amazonas-Bischof Vizcarra im Interview

"Die Auswirkungen der Pandemie waren fatal"

Der Bischof und Jesuit Gilberto Alfredo Vizcarra (62) aus Peru setzt sich auf internationaler Ebene für Mensch und Natur im Amazonasgebiet ein. Im Interview spricht er über die Lage in der Region.

foto: kna/Harald Oppitz
Auf Deutschlandbesuch: der peruanische Bischof Gilberto Afredo Vizcarra berichtet über die Lage im Amazonasregenwald. Foto: kna/Harald Oppitz


Herr Bischof, Sie halten sich zurzeit in Deutschland auf. Warum?
Zunächst einmal will ich die Zusammenarbeit meines Vikariates mit dem Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat stärken. Sie unterstützen unser Engagement seit Jahren. In der Corona-Pandemie beschränkte sich die Zusammenarbeit auf Nothilfe mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln, damit die Menschen überleben. Die gemeinsamen strukturellen Aktivitäten waren zeitweise vollständig lahmgelegt. Nun geht es darum, die Dinge wieder in Gang zu bringen und neue Perspektiven zu entwickeln. Auch mit Kolping International bin ich darüber im Gespräch.


Sie sind außerdem auch im Austausch mit dem Bundesentwicklungsministerium. Worum geht es da?
Das Vikariat Jaen befindet sich am Rande des Regenwaldes. Wir werben dort für einen nachhaltigeren Umgang mit der Natur, damit die Lunge der Erde nicht weiter zerstört wird. Zu diesem Zweck möchte ich eine Forschungseinrichtung ins Leben rufen. Sie soll konkrete Vorschläge für einen sozial-ökologischen Wandel in der Bevölkerung erarbeiten. Es wäre schön, wenn uns die Bundesregierung dabei helfen könnte. Eine Kooperation gegen Regenwald-Abholzung gibt es bereits.


Sie haben 2019 an der von Papst Franziskus einberufenen Amazonas-Synode teilgenommen? Hat sich die Lage in Ihrer Heimat seither verändert?
Leider hat sich die Situation nicht gebessert - denn die Auswirkungen der Pandemie waren auch für die Natur fatal. Die seit mehr als zwei Jahren anhaltende Lähmung betrifft nicht zuletzt den peruanischen Staat, der bis heute weitgehend abwesend ist. Illegaler Bergbau, Abholzung und Drogenanbau konnten fast ungehindert voranschreiten. Große Teile des Regenwaldes wurden so verwüstet. Allein in der Hochphase der Pandemie 2020 gingen in Peru mehr als 200.000 Hektar Wald verloren. Das ist enorm.


Wie ist es der indigenen Bevölkerung in dieser Zeit ergangen?
Acht Stammesführer, die sich dem illegalen Raubbau entgegenstellen wollten, sind ermordet worden.


Und der Staat hat nichts unternommen?
Nein - vollständige Abwesenheit. Das ist alles sehr traurig und beklagenswert. Die Regierung hat insgesamt keinen Plan für einen wirksamen Schutz des Amazonasgebiets. Allenfalls gibt es hier und dort vereinzelte Aktionen, aber die sind nur punktuell und nicht von Dauer.


Peru erlebt obendrein eine schwere politische Krise. Präsident Pedro Castillo steht zunehmend unter Druck. Sind die Vorwürfe berechtigt - ist er tatsächlich korrupt?
Schwer zu sagen. Viele Indizien aus Familie und Umfeld des Präsidenten deuten darauf hin. Die laufenden Ermittlungen müssen dringend Klarheit schaffen, sonst nimmt die Instabilität im Land immer weiter zu.


Was kann die Kirche in dieser heiklen Lage tun?
Die Bischofskonferenz hat sich bereits deutlich zu Wort gemeldet und alle Verantwortlichen ermahnt, das Gemeinwohl nicht aus dem Blick zu verlieren. Anders kann man diese Krise, eine zusätzliche Lähmung, nicht überwinden. Leidtragende sind - wie so oft - die Schwächsten der Gesellschaft.


Die Weltöffentlichkeit blickt derzeit auf die Ukraine, weniger in die Amazonasregion. Inwiefern ist Peru vom Krieg in Osteuropa betroffen?
Die Auswirkungen sind trotz der großen Entfernung beeindruckend. Die Preise haben sich teils mehr als verdoppelt. Für die Bevölkerung ist das natürlich verheerend. Im Vikariat haben wir mehrere kleine Lebensmittelgeschäfte eröffnet, um die Armen mit dem Nötigsten zu versorgen - zu fairen Bedingungen. Das hat dazu geführt, dass benachbarte Läden und Märkte die Preise ebenfalls nach unten korrigierten. Dennoch ist die Entwicklung der vergangenen Monate für viele ein schwerer Schlag.


Was kann Deutschland tun, um den notleidenden Menschen in Peru zu helfen?
Das Wichtigste ist, wie Papst Franziskus gesagt hat, sie wieder zu "Protagonisten ihrer eigenen Geschichte" zu machen. Wir brauchen einen internationalen Plan für das Amazonasgebiet, um die Lebensbedingungen zu verbessern. Geld allein reicht nicht.

kna