24.04.2019

Zur Erstkommunion am Weißen Sonntag

Am Tisch des Herrn

Mit dem Weißen Sonntag beginnen die Erstkommunionfeiern. Gleichzeitig wird Anfang Mai der 500. Todestag von Leonardo da Vinci begangen. Sein Abendmahl ist ein ganz besonderes Bild vom Tisch des Herrn.

Grafik: Christoph Kießig/Erzbistum Berlin
Grafik: Christoph Kießig/Erzbistum Berlin


Auch nach der letzten Renovierung vor zwanzig Jahren ist Leonardos Abendmahl in keinem guten Zustand. Aber solche Leerstellen wie auf dem Bild oben hat es denn doch nicht. Dieses Bild stammt von einer Aktion des Erzbistums Berlin am Gründonnerstag 2015. Auf öffentlichen Plätzen wurde damals Leonardos Abendmahl als Straßentheater nachgestellt – und Mitarbeiter verteilten an Passanten Karten mit diesem Bild mit den Leerstellen. „Jünger werden?“ stand darüber. Als Frage und Einladung.

„Die meisten Berlinerinnen und Berliner können mit dem biblischen Abendmahl nichts anfangen“, sagt Carla Böhnstedt, beim Erzbistum zuständig für die Citypastoral. „Aber dass wir Leonardos Abendmahl dargestellt haben, das haben sie sofort erkannt.“ Viele blieben stehen und zückten die Kamera, weil sie ein Kulturevent vermuteten, einen Flashmob, irgendetwas „Hippes und Cooles“, wie in Berlin üblich. „Und dann haben sie sich gewundert, dass die Kirche dahintersteckt“, sagt Böhnstedt. „Das war ein toller Anlass, um ins Gespräch zu kommen.“

Tatsächlich ist das Abendmahl eines der bekanntesten – und am häufigsten verfremdeten – Kunstwerke der Geschichte. Für Leonardo da Vinci war es eine Auftragsarbeit: 1494, er lebte zu dieser Zeit in Mailand, engagierte ihn Herzog Ludovico Sforza, um die Rückwand des Refektoriums im Mailänder Dominikanerkloster mit einem Abendmahl zu schmücken; das Kloster sollte zur Grablege von Sforzas Familie werden, da braucht man schon etwas Besonderes.

Fünf Jahre ließ sich Leonardo für das 4,60 Meter hohe und 8,80 Meter breite Gemälde Zeit, sehr zum Unwillen seines Auftraggebers und der Klosterbrüder. Noch schlimmer: Kaum war das Bild fertig, wurde es zum Sanierungsfall. Denn in technischer Hinsicht ist das Abendmahl kein Fresko, das auf den feuchten Mörtel aufgetragen wird. Da Vinci malte es auf die trockene Wand, übermalte es und experimentierte dabei mit verschiedenen Farbmischungen. Offenbar experimentierte er vergeblich, denn schon bald begann die Farbe abzublättern.

Im Zentrum nicht das Mahl, sondern der Verrat

Das tat der Bekanntheit des Gemäldes aber keinen Abbruch. Vielleicht auch deshalb, weil das Bild in seiner Komposition ungewöhnlich ist. Leonardo stellt nämlich keineswegs wie damals üblich die Eucharistie ins Zentrum des Bildes. Die Mitte der Geschichte sind für ihn nicht Brot und Wein, sondern es ist der Verrat des Judas. Gemalt hat er diesen alles verändernden Moment, als Jesus ankündigt: „Einer von euch wird mich verraten.“

Was dann geschieht, sieht man auf dem Bild: Die Apostel rücken ab von Jesus; sie stecken die Köpfe zusammen, jeder reagiert anders. „Das kann nicht sein!“, sagen die Männer links, springen auf, heben abwehrend die Hand. Ganz rechts außen wird diskutiert, wie Jesus das wohl meinen könnte. Der Jünger rechts neben Jesus zeigt gen Himmel: „Das möge Gott verhindern.“ Und links neben Jesus wird Petrus aktiv. Er zieht mit der linken Hand den Lieblingsjünger Johannes heran: „Frag Jesus, wer es ist“, flüstert er ihm zu. Das Messer hat Petrus schon in der rechten Hand. „Wenn ich den Namen weiß, stech ich ihn ab.“

Leonardo hat das Menschliche in dieser Szene betont. Die Frage, die oft und überall gestellt werden kann: Wer ist der Verräter? Bin ich selbst zu einem Verrat fähig? Kann ich den Verrat verhindern? Diese Akzentverschiebung vom Göttlichen ins Menschliche ist typisch für ihn, denn Leonardo war kein besonders frommer Mann. Sicher: Er malte für die Kirche. Aber die Kirche war damals eben – abgesehen von ein paar Superreichen – der finanzkräftigste Auftraggeber. Und biblische Szenen waren – abgesehen von ein paar Porträts – das üblichste Motiv. Aber religiös kann man ihn wohl am besten als Agnostiker bezeichnen, als jemand, der weiß, dass er nichts weiß. Vielleicht gibt es Gott, vielleicht auch nicht. Vielleicht hat Leonardo darauf gehofft, sicher war er sich wohl nicht.

Sicher ist aber, dass er fasziniert war von Jesus. Und von Menschen, die ihn umgaben, sich ihm näherten, von ihm lernen wollten, von ihm Heilung erhofften. Oder ihn verrieten, wie Judas. Die um ihre Beziehung zu Jesus und zu ihrem Glauben an Gott rangen. Genau das zeigt sich am Abendmahl: Jesus sitzt still, ruht in sich; in Bewegung sind die Menschen, die darum ringen, was sie tun und glauben sollen.

„Für unser Straßentheater haben wir auf der Karte, die wir an die Passanten verteilt haben, bewusst vier Jünger ausgespart“, sagt Carla Böhnstedt. „Hier kann man sich selbst sehen und die Frage beantworten: Wo bin ich am Tisch des Herrn?“ Wie würde ich reagieren, wenn ich dabeisäße? Wie denke ich über Jesus? Bin ich ihm treu oder verrate ich ihn? Möchte ich überhaupt an seinem Tisch sitzen? Und wenn: Wo? Gleich neben ihm oder doch besser rechts oder links außen?

Noch mehr als die Passanten haben sich die Darsteller mit ihren Rollen auseinandergesetzt. „Wir haben die Rollen per Losverfahren verteilt“, sagt Böhnstedt. „Zufällig hat der Jüngste die Rolle des Jesus gezogen. Er hat sofort gesagt: Das kann ich nicht, so fromm bin ich nicht.“ Gespielt hat er ihn trotzdem. Genauso wie alle anderen ihre Rollen übernommen haben. „Wir haben lange über die Personen gesprochen“, so Böhnstedt. „Am Schluss wollte keiner mehr tauschen.“ 

Sehr intensiv sei die Vorbereitung gewesen und auch der Gründonnerstag, an dem das Abendmahl mitten im Berliner Trubel viermal dargestellt wurde. „Das war natürlich auch eine Überwindung, sich so der Meute auszusetzen“, sagt Böhnstedt. „Man weiß ja nicht, was passiert, wie die Leute reagieren, wenn wir mit dem langen Tisch und den ganzen Requisiten vor dem Brandenburger Tor sitzen.“

Das Bild fordert zu einer Antwort heraus

Glaube ist eine Herausforderung. Vielleicht noch nicht so sehr für die Kommunionkinder, die in diesen Wochen erstmals zum Tisch des Herrn geladen sind. Aber doch für uns Erwachsene. So wie Leonardo da Vinci sein Leben lang um den Glauben gerungen und doch gewaltige religiöse Werke geschaffen hat, die bis heute beeindrucken, so ist auch jeder Einzelne immer wieder gefragt: Wo stehe ich im Glauben? Wo sitze ich am Tisch des Herrn? 

Leonardo da Vinci starb am 2. Mai 1519, er wurde 67 Jahre alt. Sein Grab befindet sich in der Kapelle von Schloss Amboise in der Nähe von Tours in Frankreich. Das Abendmahl in Mailand kann man nur nach Anmeldung besuchen. Bröckelgefahr!

Ein Video über das Abendmahlsprojekt in Berlin finden Sie im Internet unter: www.tinyurl.com/yxmdsyvz

Susanne Haverkamp