17.10.2019

Gebetsschule

Die Leidtragenden

Krankheiten und Unfälle können überwältigend sein, wenn man als Angehöriger alleine damit fertig werden muss. Das Gebet in Gemeinschaft kann dann helfen, den Schmerz zu verarbeiten. 

Foto: Christoph Brüwer
Schmerz und Erschöpfung stehen der Jesus-Figur am Lager Kreuz in Rieste ins Gesicht geschrieben. Gläubige tragen das Kreuz, um für Kranke und Sterbende zu beten. Foto: Christoph Brüwer

Über 130 Kilogramm lasten auf den Schultern der Gläubigen, während sie um die Johanniskirche im niedersächsischen Lage-Rieste schreiten. Die Frauen und Männer tragen ein schweres Kreuz – ganz physisch. Um für einen schwerkranken oder verunglückten Verwandten, Nachbarn, Kollegen oder Freund zu beten, tragen sie das über 700 Jahre alte Lager Kreuz. Auf dem Weg um die Kirche spricht ein Vorbeter die Gebete des schmerzhaften Rosenkranzes, die anderen Gläubigen beten im Stillen mit. Drei bis sechs Menschen tragen das Kreuz meist gleichzeitig. Nach jeder halben oder ganzen Runde wechseln sie sich mit anderen Trägern ab, bis das letzte Gebet des Rosenkranzes gesprochen ist. Dann bringen die Gruppen das Kreuz zurück in die Kirche und beten still, bevor sie nach Hause fahren.

Seit Jahrhunderten kommen Wallfahrer in den Ort im Landkreis Osnabrück, um dort zu beten. Denn dem Kreuz wurde zugeschrieben, Wunder zu bewirken. Nach einem Angriff des Osnabrücker Fürstbischofs auf die Johanniter in Lage-Rieste im Jahre 1384 brannte auch die Kirche. Das Kreuz blieb dabei unversehrt, sagt Pater Bernhard Leisenheimer, der dem Orden vom Heiligen Kreuz (OSC) angehört und Seelsorger in Lage-Rieste ist. Diese Geschichte habe sich dann verbreitet.

Solidarität ist ein Ausdruck von Liebe

Auch deshalb kommen die Gläubigen heute nach Lage-Rieste. Wenn Gruppen zu klein sind, organisiere der Küster manchmal sogar Gemeindemitglieder aus der Umgebung, die das Kreuz tragen, sagt Pater Bernhard. Es gebe zwar auch andere Kreuzesprozessionen und -anbetungen, in dieser Art und Weise sei die Kreuzestracht aber einmalig. 

Wenn das Leid übermächtig werde, dann kämen häufig auch Zweifel am eigenen Glauben, sagt Pater Bernhard. Übermächtig wird das Leid besonders dann, wenn die Krankheit eines Angehörigen oder Freundes plötzlich kommt. Dann könnten die Gemeinschaft und das Gebet mit anderen den eigenen Glauben stärken, sagt der Kreuzbruder. „In dieser Solidarität lebe ich aus dem Glauben der anderen, wenn der eigene schwach geworden ist.“ In Gemeinschaft sei es leichter, gegen die Zweifel zu bestehen. Ein Pilger habe ihm einmal gesagt: „Wir tragen das Kreuz, weil wir uns selber im Glauben getragen wissen.“ 

Der Zusammenhalt derer, die gemeinsam für Angehörige beten und das Kreuz tragen, sei ein Ausdruck von Liebe, sagt Pater Bernhard. Durch diese Liebe könnten selbst in ausweg­losen Situationen Glaube und Hoffnung wieder stark werden. „Diese Menschen sind die Leidtragenden. Sie machen sich solidarisch und tragen das Leid der anderen.“

Kann das Beten in Gemeinschaft denn überhaupt helfen? „Ja, wenn man weiß, worum es geht, dann hilft Beten eine ganze Menge“, sagt Pater Bernhard. Die Gläubigen hofften natürlich, dass der Kranke wieder gesund wird. „Das ist ein Teil des Gebets. Der Rest müsste eigentlich lauten: Mache uns bereit, reif zu werden an dem, was du tust.“ Denn immer wieder passiere es, dass die Kranken eben nicht geheilt werden könnten und die Angehörigen damit leben müssten. 

Das Gebet sei häufig das Letzte, was einem noch bleibe. „Es gibt nur einen, an den ich mich wirklich wenden kann, der unverbrüchlich da ist. Und das tue ich mit und für andere“, sagt der Geistliche. Der Auslöser für das Gebet sei zwar immer Leid, aber Hoffnung und Dank schwängen auch immer mit. 

Pater Bernhard erzählt von einem Ehepaar, dessen Tochter mit Hirnblutungen behandelt werden musste. Die Eltern kamen nach Lage-Rieste, um dafür zu beten, dass sie wieder gesund wird. Als die Tochter starb, kamen sie noch einmal zurück, um Gott für die Jahre zu danken, die sie mit ihrer Tochter verbringen durften. 

Gerade deshalb sei es wichtig, in der Notsituation zu beten, sagt Pater Bernhard. „Nicht zu beten wäre schon aufgeben – den anderen und sich selbst.“

Christoph Brüwer