17.10.2019

Religionssoziologe im Interview

Hat Glaube Zukunft?

Jesus ist skeptisch: Wird er, wenn er wiederkommt, noch Glauben auf der Erde finden? 2000 Jahre später wird die Frage immer drängender. Der Münsteraner Religionssoziologe Detlef Pollack sagt: Die Sorge Jesu ist berechtigt.

Foto: kna/Harald Oppitz
Lernt die nächste Generation den Glauben noch kennen? Fest steht: Die Beteiligung am kirchlichen Leben geht hierzulande zurück. Foto: kna/Harald Oppitz

Professor Pollack, wir wissen nicht, wann der Menschensohn kommt: Für welche Zeiträume kann man verlässliche Aussagen machen? Und wie?
Wenn man Vorhersagen für die Zukunft treffen will, muss man in die Vergangenheit schauen und Entwicklungen aus der Vergangenheit in die Zukunft hinein interpolieren. Wie verlässlich das ist, hängt von den Indikatoren ab. Und was den Zeitraum betrifft, so stehen die Voraussagen immer unter dem Vorbehalt, dass die äußeren Rahmenbedingungen mehr oder weniger gleich bleiben. In jedem Fall sollte man nur um jenen Zeitraum in die Zukunft hineingehen, den man auch in der Vergangenheit überblicken kann.

Wie sieht es mit dem Glauben in Deutschland aus? Welche Indikatoren gibt es?
Der erste und wichtigste ist, was die Menschen darüber sagen, ob sie an Gott glauben. Da kann man für Westdeutschland sagen: Seit den 1950er Jahren gibt es einen langsamen, aber stetigen Rückgang. Haben Befragungen zufolge 1950 noch 90 Prozent gesagt, dass sie an Gott glauben, sind es heute nur noch rund zwei Drittel. In Ostdeutschland sind es aufgrund der repressiven Kirchenpolitik des DDR-Regimes weniger als 30 Prozent.

Ist das eine biblisch-christliche Gottesvorstellung?
Längst nicht bei allen. Viele glauben eher an eine höhere Macht, an eine kosmische Energie als an einen persönlichen Gott, der in Kontakt mit uns steht. Gleichzeitig fühlen sich immer noch viele mit dem Christentum verbunden. Rund 60 Prozent gehören im Westen einer christlichen Kirche an. Es gibt eine breit akzeptierte christliche Tradition und eine Grundsympathie für christliche Werte. Und das trotz der enormen Verwerfungen, die die Kirchen in den letzten Jahrzehnten erlebt haben.

Was dazu führt, das die Kirchen leerer und die Austritte mehr werden.
Ja, das sieht man an einem dritten – neben dem Gottesglauben und der Kirchenzugehörigkeit – wichtigen Indikator: der Beteiligung am kirchlichen Leben. Und die nimmt stetig ab. Einerseits, was die öffentliche Glaubenspraxis angeht, also die Teilnahme an Gottesdiensten oder auch die Inanspruchnahme von kirchlichen Feiern wie Taufe, Trauung oder Bestattung. Andererseits aber auch, was die private Glaubenspraxis angeht, also so etwas wie das persönliche Gebet oder die Meditation.

Schauen wir in die weite Welt: Gibt es Gegenden, in denen mehr geglaubt wird? 
Zweifellos wird in anderen Kontinenten mehr geglaubt. Das gilt insbesondere für Afrika, für Lateinamerika und für Teile Asiens. Dort weist der Glaube noch eine hohe Lebendigkeit auf.

Warum ist das so?
Es gibt nicht einen, sondern eine Vielzahl von Faktoren, die man hier nennen könnte. Aber ich greife einmal die beiden wichtigsten heraus. Der betrifft den Wohlstandsanstieg. Das ist nicht so gemeint, dass Geld den Glauben an Gott vertreibt. Wohl aber zeigt sich, dass dort, wo es mehr gesellschaftliche Ressourcen gibt, der Konkurrenzdruck auf die religiöse Zugehörigkeit und die Beteiligung am kirchlichen Leben wächst. Es gibt einfach andere Dinge zu tun, als sich in der Kirche zu engagieren. Etwa im Bereich der Freizeit oder auch im Beruf.

Und der zweite Faktor?
Der zweite entscheidende Faktor ist die Individualisierung. In den modernen westlichen Demokratien wollen Menschen über ihr Leben selbst bestimmen. Die Inhalte des Glaubens, die Formen der Gottesverehrung sind in Glaubensgemeinschaften jedoch vorgegeben. In den westlichen individualisierten Gesellschaften hat es daher die christliche Kirche schwer, mit ihren Dogmen und Ritualen von den Menschen anerkannt zu werden.

 

Foto: B. Heeke/Exzellenzcluster Religion Politik
Detlef Pollack ist Professor für
Religionssoziologie in Münster.
Foto: B. Heeke/Exzellenzcluster Religion Politik 

Ist das überall gleich?
Weltweit können wir beobachten, dass mit der Erhöhung des Lebensstandards und der Ausbreitung individualisierter Lebensformen die Akzeptanz des christlichen Glaubens zurückgeht, selbst in einem so religiös vitalen Land wie den USA ist das der Fall oder auch in Südkorea, wo die Kirchen in den letzten Jahrzehnten wuchsen, inzwischen aber den Höhepunkt ihres Wachstums überschritten haben.

Sind die anderen Weltreligionen  attraktiver?
Nein, nicht wirklich. Das Pew Research Center hat berechnet, wie sich die Verteilung der Weltreligionen entwickeln wird. Heute ist das Christentum die weltweit größte Religion. In 15 bis 20 Jahren wird der Islam das Christentum abgelöst haben. Das liegt nicht an verstärkten Konversionen, sondern schlicht an höheren Geburtenraten in islamisch geprägten Ländern. Die Zahl der Buddhisten wird eher abnehmen und der Hinduismus im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung in etwa gleich stark bleiben. Was das Judentum betrifft, wird der Anteil an der Gesamtbevölkerung abnehmen. Das Judentum ist ja ohnehin keine missionarische Religion.

Kann man also sagen, dass Jesus mit seiner skeptischen Frage nicht ganz falsch liegt?
Zumindest was die hochentwickelten Länder betrifft. Tatsächlich geht nicht nur die Kirchenbindung stark zurück, sondern auch die individuelle Religiosität, wenn auch nicht im gleichen Tempo. Zugleich bedeutet das natürlich nicht etwa das Ende des Glaubens. Vielmehr gibt es weiterhin eine Anziehungskraft des Religiösen und auch eine Neugier darauf und ein Interesse daran.

Susanne Haverkamp