18.06.2019

Neues Firmkonzept aus Nürnberg

Gott handelt gratis

Spätestens wenn sie die Firmung hinter sich haben, bleiben die meisten Jugendlichen der Kirche fern. Ein neues Konzept in Nürnberg soll dem entgegenwirken. Das Sakrament steht dabei am Anfang. 

Foto: kna/Harald Opptiz
Junge Menschen auf ihrem individuellen Glaubensweg zu stärken, ist das Ziel des Nürnberger Firmkonzepts – vor und nach dem Sakrament, das der Kölner Weihbischof Rolf Steinhäuser hier einer jungen Frau spendet. Foto: kna/Harald Oppitz


Lange Vorbereitung, am Ende ein großer Gottesdienst und dann war es das für die meisten erst mal mit Kirche für lange Zeit. Diese Erfahrung mit der Firmung prägt viele Gemeinden in Deutschland. Eine Handvoll Seelsorgerinnen und Seelsorger in Nürnberg wollte sich nicht länger mit dieser Frustration abfinden. Sie haben ein völlig neues Konzept aufgesetzt, von dem sie nicht ohne Stolz behaupten, es sei bundesweit einmalig und könnte auch für andere Großstädte Vorbildwirkung entfalten. Sogar einen Slogan haben sie: „Gönn Dir“, ruft eine junge Frau auf einem Plakat.

Seit Herbst 2017 haben die Gemeinde- und Pastoralreferenten darüber gebrütet. In ihren Gemeinden meldeten sich zuletzt im Schnitt nur noch 20 Prozent eines Jahrgangs zu dem Sakrament an, das eigentlich ihre Eingliederung in die Kirche besiegeln soll. Geblieben sind danach aber nur die, die auch davor schon in der Pfarrei irgendwie beheimatet waren. „Ideologisch und völlig überfordernd“ nennt Thomas Höhn, Referent für Gemeindekatechese im Erzbistum Bamberg, die bisherigen Versuche zur Bindung der Firmlinge an die Heimatpfarrei.

Nur wenige Stunden Vorbereitung

In Nürnberg soll es künftig bei diesem Thema ausdrücklich nicht um Rekrutierung gehen. Auch soll niemand gezwungen werden, ein Programm abzusitzen, damit er am Ende, wenn er genügend Punkte gesammelt hat, zur Belohnung gefirmt wird. „Gott handelt zuerst – und er handelt gratis“, lautet eine zentrale Einsicht der Seelsorgerinnen und Seelsorger. Deshalb findet die Firmung nach wenigen Stunden Vorbereitung statt – und dann wird es richtig spannend. Denn dann geht es um Vertiefung.

An die Feier schließt sich eine „Phase zwei“ an, die viel länger dauert als die Vorbereitung, nämlich sieben Monate. Grundgedanke dabei: „Du hast ein tolles Geschenk erhalten – wir helfen dir beim Auspacken“, sagt Stadtjugendseelsorgerin Schwester Magdalena Winghofer. Die jungen Leute sollen herausfinden, was die Firmung in ihrem Leben bewirken kann. Dazu können sie aus vielen Angeboten eines auswählen, das für sie passt.

„Du bist stark! – Karate zu den 7 Gaben des Heiligen Geistes“, lautet ein Workshoptitel. Andere wollen zusammen Musik machen und eine CD produzieren. Ein Kreis der Philosophen und Theologen versammelt sich unter dem Motto: „Ich hab da mal ’ne Frage“. Schwester Magdalena wird dazu einladen, vier Tage mit ihr in ihrer klösterlichen Gemeinschaft zu leben. Sie ist überzeugt, dass „für jeden etwas dabei ist“.Außerdem traue sie dem Heiligen Geist zu, „dass er in den Jugendlichen etwas bewirkt“. Am Ende dieser Phase, zu Pfingsten 2020, gibt es noch einmal einen großen gemeinsamen Gottesdienst.

Ganz klar: Eine Gemeinde allein könnte so etwas kaum stemmen. Deshalb haben sich neun Seelsorgebereiche zusammengetan. Gefirmt wird an fünf Orten – dezentral. Wo, entscheidet jeder Jugendliche selbst. Auch beim Alter geben sich die Franken flexibel. Eingeladen werden 750 Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren. So kann sich jeder überlegen, wann das Thema für ihn dran ist. Im Zweifelsfall bekommt er die nächsten drei Jahre immer wieder eine neue Einladung.

„Vielleicht scheitern wir auch“

Mit ihrem Konzept wollen die Seelsorger realistisch auf die Situation in ihrer Großstadt eingehen: Sehr viele Nürnberger Katholiken haben einen Migrationshintergrund, zusammen sind sie in einer gesellschaftlichen Minderheit. Es kostet sie Überwindung, zu ihrem christlichen Glauben zu stehen. Und sie stehen nicht nur in Schule oder Ausbildung unter einem starken Leistungsdruck. In dieser Lage sollen sie als Einzelne vor und nach der Firmung in ihrem individuellen Glaubensweg bestärkt werden. 

Ob das so klappt? „Wir haben keine Garantie, dass das funktioniert“, sagt Thomas Höhn. „Vielleicht scheitern wir auch“, fügt er hinzu. „Aber wenn, dann mit Lust.“ Eines jedenfalls haben die Pioniere jetzt schon erreicht: In den Nachbargemeinden und auch in anderen deutschen Diözesen spüren sie große Neugier auf diesen alternativen Umgang mit einem wichtigen Sakrament.

Christoph Renzikowski