02.05.2018

Pater Titus Brandsma

Widerstand aus Liebe

„Bleibt in meiner Liebe“, sagt der Evangelist Johannes. Für den niederländischen Kapuzinerpater Titus Brandsma bedeutete das, gegen die Tötungsmaschinerie der Nazis aufzubegehren. Er liebte bis zum eigenen Tod in Dachau.

Foto: wikimedia
Der niederländische Kapuzinerpater Titus Brandsma wurde 1942
im KZ Dachau ermordet. Das Foto entstand um 1920. Foto: wikimedia

„Er ist tatsächlich von charakterfester Überzeugung, er ist sehr gefährlich!“ Zu dieser Überzeugung kommt Gestapo-Hauptscharführer Hardegen 1942 nach wochenlangen Verhören des Karmeliterpaters Titus Brandsma. Noch aus dem Gefängnis heraus erklärt dieser, sein niederländisches Volk lache über die „aufgeblasenen“ Nazis und wolle von ihren menschenfeindlichen Ideen nichts wissen. Wenig später wird er im KZ Dachau ermordet.

Wahrscheinlich war Brandsma der mutigste und wirkungsvollste Nazi-Gegner unter den niederländischen Katholiken. Aber zuallererst war er ein Ordensmann, der es als seine Berufung ansah, die Liebe zu leben, ganz schlicht und ganz radikal, wie es im ersten Johannesbrief heißt: „Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt; denn Gott ist Liebe.“

Anno Sjoerd Brandsma wird 1881 geboren. Mit 17 Jahren tritt er bei den Karmeliten ein, deren intensive Gottesliebe und mystische Spiritualität ihn begeistern. Für einen zeitlebens kranken, körperlich schwächlichen Menschen entfaltet Pater Titus – wie er sich jetzt nennt –  sagenhafte Aktivitäten. Er gründet eine Zeitschrift, setzt die Gründung einer höheren Schule, einer Bibliothek, eines Lesesaals durch.


Die Diskriminierung von Juden empört ihn

In den 1920er Jahren macht sein Orden ihn zum Chef der niederländischen Provinz und zum Philosophieprofessor an der neu gegründeten Katholischen Universität Nijmegen. Nebenher gehört er zu den Pionieren der ökumenischen Bewegung.

Im Mai 1940 marschieren die Nazi-Armeen in Holland ein. Die Bischöfe haben schon zwei Jahre zuvor alle Katholiken exkommuniziert, die für die niederländischen Nazis Propaganda machen. Brandsma hat 1935, nach Erlass der Nürnberger Rassegesetze, in einem Zeitungsartikel gegen die Judendiskriminierung Stellung bezogen – obwohl er theologisch kein freundliches Bild vom Judentum hat. Die Grundmelodie seines Lebens, die Liebe, sprengt diese Grenzen.

Ein Jahr lang hält er Vorlesungen über die verhängnisvollen weltanschaulichen Grundlagen des Nationalsozialismus. Als die katholischen Lehranstalten 1941 ihre jüdischen Schüler entlassen müssen, protestiert Brandsma im zuständigen Ministerium.

Bald werden katholische Tageszeitungen verpflichtet, Anzeigen der Besatzer aufzunehmen, und man versucht, die Chefredakteure durch Parteigenossen zu ersetzen. Brandsma besucht sämtliche Redaktionen, um möglichen Widerstand zu erörtern. Eine lebensgefährliche Mission. Denn ein wachsamer SS-Mann informiert die Gestapo und empfiehlt, den Pater „wegen systematischer Vorbereitung einer gegen die deutsche Besatzungsbehörde gerichteten oppositionellen Bewegung“ in ein KZ zu schicken.


Feige Flucht kommt nicht infrage

Am 19. Januar 1942 steht die Gestapo vor der Klosterpforte. Empört hat er den Rat eines Mitbruders zurückgewiesen, mit einem falschen Personalausweis unterzutauchen. Im Den Haager Gefängnis für niederländische Widerstandskämpfer wird er wochenlang verhört.

Brandsma gibt sich hart: Das niederländische Volk wolle von den Zielen der braunen Herrenmenschen nichts wissen, und die Kirche könne Verordnungen nicht befolgen, wenn sie gegen ihre Überzeugungen verstießen. Der Priester kommt in Isolierhaft und später in das KZ Amersfoort. Der inzwischen 60-jährige kranke Mann muss Bäume fällen, wird geschunden und verhöhnt, steht stundenlang bei eisiger Kälte auf dem Appellplatz stramm. Und doch nennen ihn seine Mithäftlinge später den „liebenswertesten Mann aus dem Lager“. Für jeden hat er ein tröstendes Wort, er macht Mut, spricht von Gott und einer besseren Zukunft. Gegen das deutsche Volk hegt er keinen Groll. „Gott segne die Niederlande, Gott segne Deutschland“, hat er aus seiner Gefängniszelle geschrieben. „Gebe Gott, dass beide Völker bald wieder in vollem Frieden und in Eintracht nebeneinanderstehen!“

Die bittere Endstation seines Lebens heißt Dachau. In dieser Hölle lebt der Häftling mit der Nummer 30492 noch drei qualvolle Monate, von vier Uhr früh bis acht Uhr abends auf den Beinen, bewacht von Folterknechten mit Ochsenziemern und Bluthunden. Den ganzen Tag muss er Unkraut jäten und Sand schaufeln. Seine Füße in den harten Holzschuhen sind eine einzige blutende Wunde. Wenn die Bewacher beim abendlichen Appell den Schmutz und Eiter entdecken, gibt es eine Extraportion Schläge wegen Unsauberkeit.


„Auch sie sind Kinder des lieben Gottes“

Titus Brandsma ist ein ausgemergeltes, blutig geprügeltes Skelett, als er ins Krankenrevier kommt. An dem sterbenden Körper führt man noch medizinische Experimente durch. Schon bei seiner Ankunft in der Krankenabteilung habe er auf der Todesliste gestanden, berichtet eine Krankenschwester, die jeden Befehl des Lagerarztes so gehorsam ausführte, dass ihr überall Hass entgegenschlug und die Häftlinge sie mit Schimpfwörtern traktieren. Aber Pater Brandsma habe sie wie ein Vater behandelt, aufmerksam und respektvoll. „Einmal hielt er meine Hand fest und sagte: Was bist du für ein armes Mädchen, ich bete für dich!“ „Auch sie sind Kinder des lieben Gottes“, hatte Pater Titus über seine Folterer gesagt, „vielleicht bleibt in ihnen noch irgendetwas …“ Es war eine scheinbar verrückte Treue gegenüber seinem Leitwort aus dem
Johannesevangelium: „Bleibt in meiner Liebe!“

Am 26. Juli 1942 löscht die Krankenschwester mit einer tödlichen Injektion den letzten Rest Leben aus. Das hat sie schon öfter tun müssen, aber dieses Sterben geht ihr nicht aus dem Kopf und wandelt ihr ganzes Leben. „Er hatte Erbarmen mit mir!“, sagt sie später beim Seligsprechungsprozess – immer noch fassungslos und immer noch voll Reue.

Der Familie teilt die Gestapo mit, Titus Brandsma sei an „Darmkatarrh“ gestorben und man möge kein Aufsehen machen. Vergeblich. Flugblätter machen die Runde. In der Tageszeitung „De Tijd“ erscheint eine verschlüsselte Betrachtung über Menschen, die plötzlich sterben, still und verborgen, und deren Einstehen für Recht und Wahrheit doch zum leuchtenden Beispiel wird. Jeder weiß, wer gemeint ist. Jeder weiß, wer den Rat Jesu mit der denkbar stärksten Konsequenz befolgt hat: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“

Von Christian Feldmann