14.02.2020

Seelsorge für LKW-Fahrer

Endlich mal nicht einsam

Mit dem preisgekrönten Projekt „Lenkpause“ zeigen Seelsorger Gianfranco Rizzuti und sein Team Lkw-Fahrern, dass sie sie schätzen. Sie sprechen mit ihnen über ihre Nöte – und spüren, wieviel allein diese Nähe bewirken kann.

Foto: Jan Deichner
Ganz im Vertrauen: Ein Lkw-Fahrer zeigt einer Helferin des Lenkpausen-Teams etwas auf seinem Smartphone. Foto: Jan Deichner


Die Geschichte von Bogdan hat Gianfranco Rizzuti beeindruckt. Bogdan, ein Lkw-Fahrer aus der Ukraine, war oft sieben, acht Wochen am Stück unterwegs. Seine Familie sah er dann nur einmal am Tag – abends, bei einem Videoanruf über sein Tablet. Dieser Anruf war alles für ihn. 

Dann aber fiel sein Tablet herunter und ging kaputt. Er wollte ein neues kaufen, er war schließlich für den Abend mit seiner Familie verabredet. Er wollte diese Verabredung keinesfalls verpassen. Aber da gerade Wochenende war, durfte er seinen Lkw nicht bewegen. Also ging Bogdan zu Fuß zum nächsten Elektromarkt, 15 Kilometer hin, 15 Kilometer zurück. Er zahlte für das neue Gerät fast 200 Euro; viel Geld für ihn.

Rizzuti denkt an Geschichten wie diese, wenn er sagt: „Einsamkeit ist für die Fahrer das größte Problem.“ Sie mühen sich auf überfüllten Autobahnen quer durch Europa – und sind in ihrem Fahrerhaus ganz allein. Rizzuti (61), Referent für Arbeitnehmerseelsorge im Erzbistum Freiburg, versucht ihre Einsamkeit zu lindern. Er hat das Projekt „Lenkpause für Körper und Seele“ initiiert. Dreimal hat es bisher stattgefunden, in diesem Frühjahr folgt Teil vier.

Bei der Lenkpause bieten Rizzuti und rund 50 Ehrenamtliche ein Wochenende lang an einer Autobahnkapelle in der Nähe des Bodensees den Lkw-Fahrern Gespräche und Beratung, Essen und Getränke, Duschcoupons, Gebete und einen Gottesdienst, zuallererst aber: Wertschätzung, Zuwendung, Nähe. 

„Die meisten Leute sehen die Lkw-Fahrer nur als Staufaktor“, sagt Rizzuti. „Sie sehen ihre riesige Maschine, die uns auf der Straße oft behindert. Aber sie denken nicht an die Menschen, die in der Maschine drinsitzen.“ Genau deshalb haben einige Fahrer skeptisch reagiert, als Rizzuti und seine Kollegen auf sie zugekommen sind. „Sie sind es nicht gewöhnt, angesprochen zu werden“, sagt er. „Erst haben viele gedacht, dass wir was von ihnen wollen.“

Foto: Fabian Biasio
Gianfranco Rizzuti, Seelsorger im 
Erzbistum Freiburg
Foto: Fabian Biasio

Dann aber haben die Fernfahrer nach und nach gemerkt, dass die Leute von der Lenkpause ihnen nichts nehmen, sondern dass sie ihnen etwas geben wollen – als Dank dafür, was sie leisten. „Was wäre ohne diese Fahrer, die unsere Geschäfte jeden Tag mit Waren füllen?“, fragt Rizzuti. „Und was wäre unsere Industrie, wenn die Fahrer nicht täglich das Material dorthin transportieren würden?“

In den Dialog mit ihnen, sagt Rizzuti, versuchen er und seine Helfer nicht mit Bibelsprüchen zu kommen, sondern über die Frage nach den Problemen, die sie drücken. Haben sich die Fahrer erst geöffnet, erzählen sie: von ihren Kindern und ihrer Frau, von Stress und Müdigkeit und mieser Bezahlung. Und eben von der Einsamkeit. Einmal hat Rizzuti zwei Rumänen kennengelernt, die ihm berichteten, dass sie auch nach mehreren Jahren von ihrem Arbeitgeber nicht mit ihren Namen, sondern nur mit einer Nummer angesprochen worden sind: „Das hat sie wahnsinnig verletzt.“

Die Lenkpause hilft, solche Verletzungen zu lindern. Die beiden Rumänen, erzählt Rizzuti, seien nicht kirchlich verbunden gewesen. Aber nach einem Gespräch hätten sie die Lenkpausen-Leute um ein Holzkreuz gebeten und sogar darum, ihren Lkw zu weihen. Am nächsten Tag, im Gottesdienst, hätten sie eigens vorbereitete Fürbitten gesprochen. 

„Wir wollen den Fahrern zeigen, dass sie etwas wert sind“, sagt Rizzuti. Ob sie katholisch sind und regelmäßig zum Gottesdienst gehen, ist den Helfern egal. Diese Offenheit motiviere gerade auch die Ehrenamtlichen, betont er. Bei Einsätzen  wie der Lenkpause spüren sie, dass die Kirche nicht auf sakrale Räume reduziert ist, sondern auch an anderen Orten wirken kann. 

Die Ehrenamtlichen sind wichtig, damit das Projekt funktioniert; besonders die Dolmetscher, die die Gespräche mit den überwiegend osteuropäischen Fahrern übersetzen. Spätestens seit dem vergangenen Jahr wissen sie, dass ihr Engagement ausgezeichnet ist; 2019 hat das Projekt den innovatio-Sozialpreis von Caritas und Diakonie gewonnen, Preisgeld: 10 000 Euro. 

„Da sind Leute, die an mir interessiert sind“

Rizzuti sagt, diese Auszeichnung habe ihm und seinem Team Mut gemacht, die Lenkpause weiterzuentwickeln. Sie lernen ständig dazu. Etwa, dass viele Fahrer ihren Lkw nur ungern verlassen. Deswegen erwarten sie sie nun nicht mehr nur bei ihrem Stand an der Kapelle, sondern sprechen sie direkt auf dem Parkplatz an. 

Der Seelsorger Rizzuti hofft, dass das Projekt Nachahmer findet und dass es künftig auch auf anderen Autobahn-Parkplätzen Lenkpausen gibt. Denn er hat erlebt, was dieses Angebot bei den Fahrern bewirken kann. 

Bogdan, der Ukrainer, hat sein neues Tablet  bei der Lenkpause sogar in den Gottesdienst mitgebracht. Er hat damit gefilmt und sich auch filmen lassen – wie er ein Gebet und eine Fürbitte auf Ukrainisch gesprochen hat. Bogdan habe das Video am Abend seiner Familie schicken wollen, erzählt Rizzuti. Er habe gesagt: „Dann kann sie sehen, dass ich geschätzt werde unterwegs. Dass da Leute sind, die an mir interessiert sind. An mir als Mensch.“

Andreas Lesch