16.12.2019

Anfrage

Ist Überbietung schon diskriminierend?

Ich habe gelesen, dass in den Gebeten nach den alttestamentlichen Lesungen in der Osternacht antijüdische Ressentiments geschürt werden. Stimmt das so? G. P., Schellerten

Wir leben in einer Zeit, in der auf der einen Seite Sprache verroht und auf der anderen Seite eine große Sensibilität dafür herrscht, was korrekte Sprache ist oder was schon diskriminierend, islamophob oder antijüdisch klingt. Auf diesem Hintergrund verstehe ich Ihre Anfrage.

Zur Sache: Der Wortgottesdienst der Osternacht ist geprägt von einer Vielzahl alttestamentlicher Lesungen, angefangen von der Schöpfungsgeschichte über den Durchzug durch das Rote Meer bis hin zu Prophetenlesungen. Die theologische Idee dahinter: Das, was im Alten Testament und in der Beziehung Gottes zum Volk Israel vorgezeichnet ist, findet in der Auferstehung Jesu seine Erfüllung, seine Vollendung.

Entsprechend sind die Gebete formuliert. Etwa nach der Exoduslesung: „Das Rote Meer ist ein Bild für das Wasser der Taufe, das befreite Volk Israel deutet hin auf das heilige Volk des Neuen Bundes.“ Oder nach Jesaja 54: „Gewähre, was du den Vätern um ihres Glaubens willen versprochen hast, und mehre durch die Taufe die Zahl deiner Kinder.“ Oder nach Jesaja 55: „Durch die Propheten hast du die Heilsereignisse angekündigt, die sich in unseren Tagen erfüllen.“

Das christliche Glaubensbekenntnis, dass Jesus alles bisher Dagewesene überbietet, kann man, wenn man möchte, so verstehen, als sei alles vor Jesus schlecht; dann wäre aber jedes Bekenntnis zu einem Glauben unzulässig, weil es Andersgläubige automatisch diskriminiert.

Ich sehe im Gegenteil in den Gebeten eine hohe Wertschätzung des Glaubens des Volkes Israel. Etwa nach Jesaja 54: „Lass deine Kirche erfahren, dass sich erfüllt, was die Heiligen des alten Bundes gläubig erhofft haben.“ Oder nach Exodus 14: „Was einst dein mächtiger Arm an einem Volk getan hat, das tust du jetzt an allen Völkern. Gib, dass alle Menschen Kinder Abrahams werden und zur Würde des auserwählten Volkes gelangen.“

Jesus war gläubiger Jude, das Christentum ist ohne Judentum nicht denkbar. Ich sehe in den Gebeten keine antijüdischen Ressentiments.

Susanne Haverkamp