29.01.2020

Gebetsschule

Gott ist immer da

Beten kann man auch nebenbei, wenn man die kleinen Pausen des Alltags dafür nutzt. Die geistliche Begleiterin Lucia Zimmer erklärt, wie das geht und wie man dadurch eine Beziehung zu Gott aufbauen und pflegen kann.

Foto: imago images/biky
Da ist Warten angesagt: Über Unterbrechungen im Alltag kann man sich ärgern – oder die Zeit nutzen. Foto: imago images/biky


17,46 Euro zeigt der Bildschirm an der Supermarktkasse. Der Kunde vor mir räumt in aller Ruhe die Einkäufe in seine Tasche. Erst dann zieht er das Portemonnaie aus seiner Hosentasche. Während ich auf die Uhr schaue, weil ich zum nächsten Termin muss, sucht er in seinem Portemonnaie noch nach einzelnen Cents, um schließlich passend zu bezahlen. Solche ungeplanten Wartezeiten nerven, weil unser Tag häufig voller Aufgaben ist. Dabei können wir diese winzigen Pausen in unserem stressigen Alltag auch nutzen, um zu beten. 

„Aufmerksamkeit ist das Stichwort“, sagt Lucia Zimmer, Pastoralreferentin und geistliche Begleiterin im Bistum Osnabrück. Gott sei immer bei uns, auch bei der Arbeit, in unserer Freizeit und bei den täglichen Aufgaben im Haushalt und in der Familie. „Wir leben in Gottes Gegenwart. Das vergessen wir im Alltag aber leicht“, sagt Zimmer. „Darum ist es wichtig, sich die Gegenwart Gottes im alltäglichen Tun auch bewusst zu machen.“ Konkret geht das, indem man die winzigen Pausen des Alltags nicht als Problem, sondern als Chance begreift und nutzt, um innezuhalten. 

Eine kurze Gebetsformel: „Gott, du bist jetzt da"

Nicht nur in der Kirche oder bei festen Gebetszeiten ist Gott bei uns, sondern auch in alltäglichen Momenten an der Supermarktkasse, vor einer roten Ampel, beim Bügeln oder beim Gespräch mit einem Kunden auf der Arbeit. Eigentlich ist das jedem Christen klar – nur eben nicht in jeder Situation bewusst. Um das zu ändern, kann man eine kurze Formel wie beispielsweise „Gott, du bist jetzt da“ zu sich selbst sagen. 

Diese kurzen Unterbrechungen kann man sich im Alltag auch selbst nehmen, zum Beispiel bevor man mit Hausarbeiten wie Bügeln beginnt. Eine halbe Minute reicht schon, um sich zu besinnen, sagt Zimmer. „Wie bei einer Notenzeile kommt es auf die Vorzeichen an. Die haben Einfluss auf die gesamte Melodie und die Tonart.“ 

Soll heißen: Egal ob man gerade das Bad putzt oder an der Supermarktkasse wartet, man sollte innehalten und mit der inneren Haltung beginnen, dass Gott in diesem Moment gerade da ist. Das heißt aber nicht, dass man bei seinen Aufgaben ständig an Gott denken und sich ausschließlich darauf konzentrieren muss. „Nicht jedes Bügeln muss einen frommen Anstrich kriegen“, sagt Zimmer. „Das wäre ja auch eine maßlose Überforderung.“ 

Sie rät, sich für das Gebet nicht gleich vorzunehmen, besonders große und wichtige Gedanken zu machen und jede Alltagspause durchzubeten, beispielsweise im Wartezimmer beim Arzt. Das erzeugt schnell Druck. Besser ist es vor allem für ungeübte Beter, erst mit einem kurzen Gebet anzufangen. So wie man übt, wenn man Sport macht oder ein neues Instrument lernt, sollte man auch das Innehalten und die Aufmerksamkeit auf Gott üben und trainieren.

Je öfter man im Alltag innehält, desto eher entwickelt sich eine Beziehung zu Gott durch das Gebet. Er schenkt uns seine Zuwendung, man muss aber auch offen sein und die Beziehung zu ihm pflegen, sagt Zimmer. Dazu gehört es auch zuzuhören. „Dafür braucht es Momente der Stille, in denen ich wahrnehme, was sich in mir tut. Gott spricht auch durch mein Inneres“, sagt sie. Gerade bei der Hausarbeit bietet es sich deshalb an, das Radio und Fernsehgerät ausgeschaltet zu lassen und darauf zu achten, ob man Gottes Anwesenheit spürt.

In der Mittagspause oder am Abend kann man sich die Zeit nehmen, auch  etwas länger innezuhalten und sich zu fragen: Was war bislang? Was kommt nun? Wie fühle ich mich gerade? Wie müht sich Gott um mich? Wo hat sich Gott mir heute gezeigt? 

Einfach ist diese Form des Gebets nicht. Es kostet Überwindung, im Alltag immer wieder auf diese Momente des Innehaltens zu achten. Manchmal muss man dafür die eigene Bequemlichkeit überwinden. Das lohnt sich, sagt Zimmer: „Es tut gut zu wissen, dass Gott immer an mich denkt – und zwar liebevoll.“ Und das sogar bei so profanen Dingen wie einkaufen, bügeln oder putzen. 

Christoph Brüwer