27.06.2018

Verantwortungsvoll Urlaub machen

Ist Urlaub in der Diktatur in Ordnung?

Die Deutschen reisen gern. Doch manche ihrer Lieblingsländer haben mit Menschenrechten ein Problem. Sind sie damit tabu? Eine Expertin erklärt, warum die Antwort darauf gar nicht so einfach ist – und wie wir heutzutage verantwortungsvoll reisen können.

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„Es ist so schön hier!“ Manch ein Tourist übersieht gern, dass es in seinem Urlaubsland nicht nur romantisch ist. Foto: imago


Jetzt beginnt in Deutschland die Ferienzeit, und viele überlegen: Wohin soll’s gehen? Die globalisierte Welt bietet Reiseziele ohne Ende, aber die Frage ist: Ist alles gut, was geht? Darf ich auch in einer Diktatur Urlaub machen? In einem Land, das die Menschenrechte missachtet? Darf ich etwa nach Ägypten und in die Türkei reisen, nach Thailand, Kuba und in die Dominikanische Republik? Antje Monshausen beantwortet diese Frage mit einem Jein. Sie leitet die Arbeitsstelle Tourism Watch beim evangelischen Hilfswerk Brot für die Welt, und sie sagt, ein Tourist müsse abwägen, was sein Urlaub in einer Diktatur bewirkt: Profitiert eher das Regime – oder haben eher die Bürger etwas davon?

Natürlich kann jeder für sich entscheiden, dass bestimmte Länder für ihn wegen ihres Umgangs mit Menschenrechten nicht als Reiseziele infrage kommen. Wer so denkt, „muss sehr, sehr viele Länder von der Liste streichen“, sagt Monshausen. Sie selbst findet: „Boykotts im Tourismus sind nicht der richtige Weg, denn sie treffen die Falschen.“ Entscheidend sei nicht, wohin jemand reist – sondern, wie er reist.

Das geht schon bei der Planung los. Im Internet kann sich heute jeder über jedes Land informieren, etwa auf den Seiten von Amnesty International und Human Rights Watch. Im Urlaub dann kann der Tourist das Gespräch mit den Einheimischen suchen: mit dem Kellner im Restaurant, mit dem Händler auf dem Markt, mit dem Eisverkäufer am Strand. Er kann hinter die touristischen Kulissen schauen und sich ein eigenes Bild von der Wirklichkeit machen. Ein Bild, das er in den Nachrichten zu Hause so nicht sieht.

Der Tourist kann, wie Monshausen sagt, für die Einheimischen „ein Sprachrohr zur Welt sein, das sie sonst nicht hätten“. Er kann dazu beitragen, dass man sich besser versteht. Ein Tourist kann die Menschen in Diktaturen aber auch in Gefahr bringen, wenn er mit ihnen redet – weil sie vielleicht überwacht werden. Er sollte sie nicht drängen, über das politische System zu sprechen.


Möglichst viele Menschen sollen vom Besuch profitieren

Natürlich nützt der Tourismus in einer Diktatur auch den Herrschern. Manche von ihnen sind selbst in der Reisebranche aktiv und kassieren ab. Andere profitieren indirekt, indem sie ihr Image aufpolieren. Weil ihre Länder in den Nachrichten als undemokratisch benannt werden – dann aber Urlauber ihre Strandbilder im Internet hochladen und dazu einen hübsch harmlosen Kommentar schreiben: „Es ist so schön hier! Ich weiß gar nicht, wo das Problem sein soll.“

Wer verantwortungsvoll reisen will, muss also mitdenken. Er darf nicht vergessen, dass auch in einer Diktatur nie alle Bürger für die Regierung sind. Er sollte dafür sorgen, dass von seinem Besuch möglichst viele Menschen wirtschaftlich profitieren – also nicht alles Geld im Hotel ausgeben, sondern auch auf Basars, auf dem Markt, in kleinen Restaurants. Und er sollte im Kopf haben, dass die Einheimischen ihn brauchen. Etwa in der Türkei. Durch den Tourismus seien dort über Jahrzehnte Kontakte zu Europa aufgebaut worden, sagt Monshausen. Viele Türken wollten, dass diese Kontakte nicht in Gefahr geraten.

Von Andreas Lesch