18.01.2023

Anfrage

War das Ja Marias wirklich freiwillig?

In Auslegungen zu Lukas 1,38 wird davon ausgegangen, dass Maria zugestimmt hat, schwanger zu werden. Für mich klingt die Formulierung „Ich bin des Herren Magd“ aber ein wenig resignativ. Wer könnte sich auch Gottes Beschluss verweigern? 

Es ist immer wieder irritierend, wie wenig sich das Neue Testament für die Mutter Jesu interessiert. Markus erwähnt sie einmal im Nebensatz; Johannes zweimal – als (namenlose) Mutter Jesu in Kana und unter dem Kreuz; Matthäus nennt Maria viermal – doch immer passiv und ohne einen einzigen eigenen Satz.
 
Einzig Lukas räumt Maria breiteren Raum ein. Zehnmal nennt er sie in der Geburtsgeschichte und einmal als Teil der betenden Jüngerversammlung nach der Himmelfahrt Jesu. Nur bei Lukas ist Maria aktiv: spricht, denkt, fühlt.
 
Allerdings: Auch bei Lukas steht nicht Maria im Mittelpunkt. Schaut man sich die von Ihnen erwähnte Verkündigungsszene an, bemerkt man, dass der Hauptakteur der Engel Gabriel ist. Und dass die ganze Szene eingebettet ist in die Verbindung zu Johannes dem Täufer und dessen ebenfalls wunderbarer Geburt. Gott und sein Wirken stehen im Mittelpunkt, nicht die Mütter. Und Jesus ist wichtig. Lukas spricht in dieser Szene vor allem über ihn: Jesus ist von Anfang an Sohn Gottes. Aber immerhin: Lukas gibt Maria eine eigenständige Rolle.
 
Sie schreiben, in Ihren Ohren klinge der Satz „Ich bin die Magd des Herrn“ etwas resignativ – wer will schon Magd sein? In biblischen Ohren klingt das aber ganz anders. Denn im Alten Testament ist vom „Knecht Gottes“ häufiger die Rede – etwa in den sogenannten „Gottesknechtliedern“ bei Jesaja.
 
Der Knecht Gottes ist ein Auserwählter, jemand, der in der besonderen Gunst Gottes steht. Dessen Schicksal nicht einfach ist, nein, aber heilsnotwendig. Der für einen besonderen Auftrag von Gott erwählt wurde und dazu Ja sagt. Aus Gehorsam und Überzeugung. Genauso versteht Maria sicher auch den Begriff der Magd. Als Auserwählte Gottes, als, wie Gabriel sagt, Begnadete. Das ist eine Ehre, zu der sie Ja sagt. Aus Gehorsam und aus Überzeugung. Eher mit Stolz als mit Resignation.
 
Von Susanne Haverkamp