26.09.2018

Wenn Menschen ausgebremst werden - Erfahrungen aus Gemeinden

Bremsen oder gasgeben?

„Mose, hindere sie“, fordert Josua. „Wir haben versucht, sie zu hindern“, erzählt Johannes. Beide wollen Menschen stoppen, die nicht zum engsten Kreis dazugehören. Diese Erfahrung gibt es manchmal auch in Gemeinden.

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Stoppen oder gasgeben? Auch in Gemeinden werden manchmal neue Ideen ausgebremst. Foto: dpa


Nicole Muke lacht, als sie die biblischen Texte dieses Sonntags hört. „Ja, das kenne ich, die Texte passen super zu meiner Arbeit!“ Muke leitet den Bereich Gemeindeentwicklung im Bistum Osnabrück. Zu ihrem Job gehört es, in die Gemeinden zu fahren und vor Ort nach neuen Formen der gemeinsamen Verantwortung zu suchen. „Da gibt es regelmäßig beide Varianten“, sagt sie. „Die, die alles Neue ausbremsen wollen, und die, die neue Ideen und neue Leute fördern.“ Der Satz des Mose trifft ihr Anliegen genau: „Wenn nur das ganze Volk des Herrn zu Propheten würde.“ Kirche der Beteiligung – so heißt das Anliegen im Theologensprech.

Nein, neu ist das nicht, dass Laien sich in der Kirche beteiligen. Das machen sie schon immer: in den Gremien, in Verbänden, im Chor, im Eine-Welt-Kreis oder im Liturgieausschuss. Neu ist eher, dass die Laien in Zukunft Aufgaben verantwortlich übernehmen – vor allem in ländlichen Regionen, wo kein Priester und kein Hauptamtlicher vor Ort ist. Gerade dort werden ehrenamtliche Gemeindeteams gebildet, die sich selbstständig um Katechese und Caritas, um Wortgottesdienste und Geburtstagsbesuche kümmern, vom Bistum eigens dafür geschult und beauftragt.


„Können die das? Dürfen die das?“

Dieser Dienst interessiert manchmal auch Leute, die sich bislang nicht groß engagiert haben. „Und da höre ich dann manchmal: Können die das? Dürfen die das? Sind die überhaupt zuständig?“, sagt Nicole Muke. Gerade, wenn diese neuen Leute neue Dinge machen, Dinge anders machen, sich von Altem trennen wollen. „Kirche ist nun mal ein Traditionsverein“, sagt Muke. „Wir sind stark darin, Traditionen zu bewahren, und das ist auch gut so.“ Nur manchmal könne diese Begabung eben auch kippen. „Es kommen Leute, die wollen sich beteiligen, aber nicht unbedingt so, wie es immer schon war. Und da fühlen sich andere manchmal angegriffen und fragen: War es denn schlecht, wie wir es gemacht haben?“

Nein, war es nicht, meint Muke. Nicht unbedingt jedenfalls. Genauso, wie nicht jede neue Idee unbedingt gut ist. „Uns fehlt eine Kultur der konstruktiven Kritik“, sagt die Gemeindeberaterin. Auch eine Kultur der Überprüfung, ob gesteckte Ziele erreicht wurden. „Wenn man mit einem Gemeindefest zum Beispiel junge Familien erreichen will, muss man hinterher fragen, ob das Ziel erreicht wurde. Oder was sich ändern muss.“ Aber an der Frage der Änderung hängt es oft. „Wir haben in der Kirche keine Kultur der Innovation, so, wie es für Start-up-Unternehmen selbstverständlich ist.“ Neues wird eher skeptisch gesehen als positiv.

Dabei müsste gerade in der Kirche das Vertrauen in ihre Mitglieder groß sein, denn: Sie alle sind Getaufte, sind vom Geist Gottes begabte Christen. Der Wunsch des Mose, der Herr möge seinen Geist auf sie alle legen – er ist in der Kirche eigentlich schon Wirklichkeit. „Wir reden gern von Charismenorientierung“, zitiert Nicole Muke wieder so ein Wort aus dem Theologensprech. Gemeint ist, dass jeder Mensch, jeder Getaufte zumal, seine Begabung hat, seine besonderen Fähigkeiten und Stärken. Und die gilt es zu fördern.

So wie im Markusevangelium. „Vielleicht gibt es in der Gemeinde jemanden, der – im übertragenen Sinn – gut darin ist, Dämonen auszutreiben, alte Gegner an einen Tisch zu bringen und alte Konflikte anzusprechen und dadurch zu vertreiben“, nennt Muke als Beispiel. Vielleicht ist so jemand noch nie gefragt worden, weil er – genau wie das Evangelium erzählt – nicht zum innersten Kreis der Jünger gehört, weil er nicht so oft in die Messe kommt und sich auch sonst eher am Rande hält. „Er folgt uns nicht nach“ – diese Vermutung des Johannes steht dann schnell im Raum.


Soll im Zweifel der Pfarrer entscheiden?

„Bremse sie!“, fordern Josua und Johannes von ihren Chefs. Diese Forderung hat Nicole Muke schon in vielen Gemeinden gehört. „Trotz aller gegenteiligen Behauptungen: Wir sind doch noch ziemlich pfarrerzentriert; wenn es zum Konflikt kommt, soll er entscheiden.“

An ein Beispiel erinnert sie sich gut. In einer Pfarreiengemeinschaft ging es um die Weihnachtsgottesdienste – ein heißes Eisen in Zeiten von weniger Priestern als Kirchen. Wer darf wann Messe feiern?, darum tobte der Streit, und am Schluss war die einhellige Meinung: Wir können uns nicht einigen, der Pfarrer soll entscheiden. „Und der hat sich geweigert“, erzählt Muke. „Er hat gesagt: Ihr seid verantwortlich, findet einen Weg, den ihr alle mitgehen könnt.“

Es hat geklappt: Die fünf Gemeinden konnten sich auf einen gemeinsamen Plan für den Advent und die Weihnachtszeit einigen. Der wurde dem Pfarrer vorgelegt. „Und soweit ich weiß, hat er ohne Änderungen zugestimmt“, sagt Muke. Das erinnert ein bisschen an die Antwort Jesu: „Lasst sie mal machen.“

Ihrer Erfahrung nach, sagt Nicole Muke, sei es genau wie in den Lesungstexten deshalb durchaus nicht immer der Chef, der bremst. Ja, klar, die Priester gebe es auch, die immer noch Leitung so verstünden, als seien sie Alleinherrscher. Aber viele seien anders. „Mir hat mal ein Pfarrer gesagt: Ich will überhaupt nicht auf den Sockel, aber die Leute stellen mich darauf.“

Vielleicht auch deshalb, weil es einfacher ist, wenn einer entscheidet. Weil man dann nicht so lange diskutieren muss. Weil man sich dann nicht mit Dämonenaustreibern und Propheten beschäftigen muss, die mit anderen Vorstellungen kommen, die andere Erfahrungen und Ideen haben. Und vielleicht auch, weil man dann einen hat, auf den man die Schuld schieben kann, wenn es Ärger gibt. „Hat der Pfarrer so entschieden – ich kann nichts dafür!“

Nicole Muke sind die Lesungstexte sympatisch. „Sie könnten eine Überschrift über unserer Vorstellung von Gemeindeentwicklung sein“, sagt sie. Weil Mose und Jesus auf den Geist Gottes vertrauen, der die Menschen erfüllt. Weil sie ahnen, dass etwas Gutes dabei herauskommt, wenn Gott am Werk ist. Weil ihr Vertrauen größer ist als ihr Wunsch nach Kontrolle. „Keiner, der in meinem Namen Wunder tut, kann so leicht schlecht von mir reden“, sagt Jesus. „Denn wer nicht gegen uns ist, der ist für uns.“

Von Susanne Haverkamp