15.07.2021

Frauengemeinschaft in Lohne zeigt Flagge

"Nicht tatenlos zusehen"

Die Katholische Frauengemeinschaft in Lohne zeigt „Flagge“. Auf einem Plakat fordert sie gleiche Rechte für Frauen in der Kirche und stellt sich hinter die Forderungen der Bewegung Maria 2.0.

Mit dem Banner stellt sich die Katholische Frauengemeinschaft in Lohne hinter die Thesen der Bewegung Maria 2.0: unter anderem für eine geschlechtergerechte Kirche und die Aufhebung des Pflichtzölibats. Foto:Petra Diek-Münchow


Für Gesprächsstoff sorgt eine Aktion der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) in Lohne in der Grafschaft Bentheim. Vorstandsmitglied Christiane Brink, die das Projekt mit Karin Fischer initiiert hat, erklärt die Hintergründe.

Wer jetzt durch Lohne fährt, dem fällt ein großes Plakat auf. Was hat die kfd dort gemacht?
Vor dem Pfarrzentrum in unserem Dorf hängt gut sichtbar ein Banner. Man kann das kaum übersehen, weil das Gebäude mitten im Ort steht, direkt an der Hauptstraße. Darauf sind die Gesichter von 22 Frauen und Männern aus Lohne abgebildet: der sechsköpfige Vorstand der kfd sowie Frauen und Männer, die in der Gemeinde und kirchlichen Vereinen aktiv sind. Uns war es auch wichtig, Männerstimmen abzubilden. Außerdem liest man den Spruch „Gleiche Würde – gleiche Rechte“ und den Hinweis auf die Aktion Maria 2.0.

Warum hat der Vorstand der kfd das Plakat aufgehängt? 
Wir wollen damit ein sichtbares Zeichen setzen und Solidarität mit der Aktion Maria 2.0 zeigen. Von der Initiative hatten wir aus dem Fernsehen erfahren und dort gesehen, wie aktive Frauen aus verschiedenen Gemeinden nach dem Vorbild Martin Luthers Thesen an Kirchentüren „schlugen“. Im Bericht erzählten die Frauen von ihren Erfahrungen und Wünschen an die katholische Kirche. 

Was hat das in Ihnen ausgelöst? 
Der Bericht erinnerte uns an die vielen Diskussionen bei unseren Vorstandssitzungen. Die Sorgen und Zweifel, die angesprochen wurden, bewegten auch uns. 

Was sind das für Sorgen?
Dass unsere Kirche auf wesentliche Fragen wie gleiche Rechte, Mitbestimmung, den Zugang für Frauen zu Weiheämtern, wie eine andere Sexualmoral oder die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften keine Antworten findet. Sie verschließt sich den Menschen.

Und wie haben Sie reagiert?
Wir haben mit anderen Bürgern aus der Gemeinde Kontakt aufgenommen, Briefe geschrieben, telefoniert und informiert über die Bewegung Maria 2.0. Es stellte sich schnell und unerwartet eindeutig heraus, dass wir mit vielen unserer Gesprächspartner die Sorgen teilten. 

Christiane Brink gehört dem Vorstand der
Katholischen Frauengemeinschaft in Lohne an.
Foto: Karin Fischer


Waren das nur Sorgen?
Nein, es gab auch Wut, Unverständnis, Resignation und Hoffnungslosigkeit. Wir sammelten die Stimmen im Ort und fast alle Kontakte sagten uns zu, bei der Aktion „Flagge zeigen“ dabeizusein. Man hörte bei allen den Wunsch nach Veränderungen: „Wenn man noch etwas bewegen will, müssen wir es jetzt tun“ oder „Wir können nicht tatenlos zusehen, wie unsere Kirche sich immer mehr von uns entfernt.“ Es war nicht schwer „Gesichter“ für unsere Aktion zu gewinnen.  

Sie unterstützen damit auch die Bewegung Maria 2.0. Warum?
Maria 2.0 stellt genau die Fragen, die wir uns schon oft gestellt haben. Die Initiative beschreibt Forderungen, die wir oft diskutiert, aber selten ausgesprochen haben. Die Bewegung gibt sozusagen unseren Gedanken eine Stimme. Wir sind Mütter, Ehefrauen, Alleinerziehende, Arbeitnehmerinnen, ehrenamtlich engagierte Frauen und gläubige Christinnen. Wir leben und wirken in einer offenen, pluralistischen Gesellschaft – in einer Gesellschaft, in der kritische Fragen erwünscht sind, wir aber auch ehrliche Antworten erwarten. Besonders von unserer Kirche, der wir uns alle über viele Jahre verbunden fühlen. 

Was erhoffen Sie sich von der Aktion?
Realistischerweise wird unsere Aktion wahrscheinlich keine bahnbrechenden Veränderungen in der katholischen Kirche hervorrufen. Aber sie ist eine Möglichkeit, unseren Protest sichtbar zu machen. Wir können die von uns wahrgenommenen Missstände damit öffentlich machen. 

Warum finden Sie das wichtig?
In den vergangenen Jahren haben sich immer mehr gläubige Christen von der Amtskirche entfernt. Die Zahl der Kirchenbesucher geht rapide zurück, auch die ehrenamtliche Arbeit in Gremien wird weniger. Es wird immer schwerer, Menschen für die Kirche zu gewinnen. Auf der anderen Seite suchen Menschen aber nach Antworten und haben das Bedürfnis nach Sinnfindung, Ruhe und Gemeinschaft. 

Suchen und finden sie das denn bei der Kirche?
Nicht immer. Die Antworten suchen wir auch beim Yoga, beim Fasten, im Fitnessstudio, bei Spaziergängen, beim Kochen, in der Familie oder bei Freunden. Wo aber bleibt die Kirche? Wie lauten die Antworten der Kirche?  

Fehlt da etwas?
Ja. Uns fehlt es an Glaubwürdigkeit, wenn grundlegende Werte wie die Gleichberechtigung von Mann und Frau oder wenn gleichgeschlechtliche Partnerschaften nicht anerkannt werden. Eine Kirche, die auf unsere Fragen keine Antworten findet, verschließt sich den Menschen. Aber die Menschen erwarten eine lebendige, offene und ihnen zugewandte Kirche. Sie suchen einen Platz, in dem sie wahrgenommen und ernstgenommen werden und auch die Seele ein zu Hause finden kann.

Wie muss es Ihrer Ansicht nach nun in der Kirche weitergehen?
Sie muss einen Weg finden, die Menschen wieder für sich zu gewinnen. Das geht nur mit Glaubwürdigkeit, Vertrauen und Authentizität. Es darf nicht in erster Linie um Ämter, Strukturen, Verwaltung von Gütern, Gebote und Verbote gehen. 

Sondern?
Die Sorge um jeden Menschen muss mehr in den Mittelpunkt gerückt werden. Um die Menschen mit der frohen Botschaft von Jesus zu erreichen, muss die Kirche auf die Menschen zugehen: bei der Arbeit, in Schulen und Kindergärten, in den Familien, in schwulen oder lesbischen Lebensgemeinschaften, bei Geflüchteten oder Einsamen, bei Verheirateten oder Geschiedenen. Wir brauchen eine Kirche, die weniger urteilt, verwaltet und dogmatisiert, sondern vielmehr Heimat bietet. Und andererseits müssen alle Menschen die Möglichkeit haben, in dieser Kirche mitzuwirken. Vor Gott ist jeder Mensch gleich – auch in der Kirche?

Petra Diek-Münchow

Die Katholische Frauengemeinschaft in Lohne/Grafschaft Bentheim zählt 840 Mitglieder. Der Vorstand will auf das Thema „Gleiche Würde – gleiche Rechte“ bei einem Gottesdienst in der Kirche am 18. Juli um 9 Uhr eingehen. Für die Messe sind derzeit noch Anmeldungen notwendig, die Formulare dafür liegen im Schriftenstand der Kirche aus.