14.02.2019

In andere Rollen schlüpfen

Als Prinzessin zum Karneval?

Kinder lieben es, in Verkleidungen die Welt auf den Kopf zu stellen. Diese Rollenspiele machen im Karneval nicht nur Spaß, sondern stärken fürs Leben. Eltern sollten diese Erfahrungen zulassen – auch wenn der Sohn eine Prinzessin oder die Tochter ein wilder Pirat sein möchte.

„Der Junge spielt ja nur, dass er eine Prinzessin ist“, gibt die Mutter Hape Kerkeling in seiner ungewöhnlichen Verkleidung Rückendeckung vor den erstaunten Verwandten (Szene aus dem Kinofilm). Foto: Warner bros. Filmverleih

Ausgelassene Narrenstimmung prägt die Karnevalstage. Einmal jemand anderes sein, eine andere Rolle einnehmen oder sogar aus der Rolle fallen, das Leben aus einer anderen Perspektive sehen – das alles sind wertvolle Erfahrungen, die heute oft viel zu kurz kommen, betont Diplom-Psychologe Ulrich Tobergte aus Georgsmarienhütte bei Osnabrück. Für die Kirchenzeitung analysiert er verschiedene Fragestellungen rund um den Karnevalsalltag:

 

Mia (36) berichtet: „Für unsere Kinder ist eigentlich das ganze Jahr über Karneval. Muss ich mir Sorgen machen, dass sie sich ständig in anderen Rollen ausprobieren? Ist Verkleiden für die Seele gesund?“

Natürlich! Ein Rollen- und Perspektivwechsel, sich Verkleiden, das fördert Empathie, Zuversicht und Offenheit. Ich denke mich in andere Menschen hinein, ich beobachte sie, versuche, sie zu verstehen und nachzumachen. Das bereichert sehr und schützt uns davor, immer nur an uns selbst zu denken. In der Kindheit und in einer zunehmend egomanen Welt ist das einer der wichtigsten Lernbereiche überhaupt. Im Karneval, der mit einer gewissen Leichtigkeit und Lust verbunden ist, macht das besonders viel Spaß. Gestärkt mit diesen Erfahrungen können wir auch offen sein für andere Rollen, für andere Welten, andere Menschen und Kulturen und sie willkommen heißen. Es geht im Karneval ums Anderssein. Das ist ein ganz aktuelles Thema.

Das Alter, in dem sich die Kinder gerne verkleiden, ist ein ganz magisches Alter. Sich in andere Figuren hineinzudenken oder auch an das Christkind oder den Osterhasen zu glauben, das hat etwas Mystisches. Kinder brauchen diese heile Welt, in die sie dann Lust haben, sich hineinzuentwickeln.

 

Luca (6) will sich am Rosenmontag unbedingt als Prinzessin verkleiden. Die Eltern machen sich Sorgen, dass er ausgelacht wird. Was sollen sie tun?

Das ist doch wunderbar! Dieser Junge ist mutig und traut sich etwas. Die Eltern sollten ihm daher nicht ihre Bedenken überstülpen, sondern ihn unterstützen, dass er sich ausprobiert. Kinder sollten so frei wie möglich Erfahrungen sammeln können und neue Rollen und Lebensfelder erobern dürfen. Jungen als Prinzessin oder Mädchen als Cowboy lernen zum Beispiel auch, das andere Geschlecht besser zu verstehen – keine schlechte Basis für spätere Beziehungen.

Sollte der Junge wirklich ausgelacht werden oder mit seiner Verkleidung an­ecken, dann ist es wichtig, dass die Eltern, ihn unterstützen, auf seiner Seite stehen und Position beziehen. Hervorragend zu sehen ist das im aktuellen Kinofilm „Der Junge muss an die frische Luft“, als die Mutter, die auch nicht wirklich begeistert ist von der Karnevalsverkleidung ihres Sohnes, humorvoll zu den stirnrunzelnden Verwandten sagt: der Junge spiele ja nur, dass er eine Prinzessin sei. Sie sei ja auch nicht wirklich ein Fliegenpilz, sondern sie tue nur so. Das ist ein tolles Beispiel: Eltern sollten die Kinder dabei unterstützen, ihren eigenen Weg zu gehen. Das kostet oft Mut, aber die Kinder erleben dabei: Mama steht auf meiner Seite.

 

David ist erst vier Jahre alt, aber es gibt für ihn nichts Schöneres, als mit Schwertern zu kämpfen. Die Mutter ist absolut  gegen Kriegsspiele und würde ihn lieber in anderen Kostümen sehen ...

Man sollte das nicht überbewerten. Kinder müssen auch lernen, ihre Aggressionen zu kanalisieren. Dabei ist das Spiel mit den Waffen ein Stück normales Eroberungsspiel, das man aber durchaus pädagogisch – mit Regeln – begleiten sollte. Eltern sollten einen verantwortungsbewussten Umgang vorleben und ihren Kindern klarmachen, dass das nur ein Spiel ist, dass sie zum Beispiel nicht mit den Waffen auf Menschen schießen oder ihnen mit den Schwertern nicht wehtun dürfen. Solange Erwachsene zu Hause Werte und Überzeugungen vorleben und Regeln für ein gutes Miteinander betonen, ist das Spiel mit den Waffen in Ordnung und gehört vor allem für Jungen auch ein Stück weit zu einer gesunden Entwicklung dazu. Kinder, in diesem Zusammenhang Jungen, brauchen vor allem präsente Väter, die ihnen verantwortlich den Umgang mit Kraft, Gewalt und Waffen vorleben und die Kontrolle darüber immer behalten.

 

Marianne (45) fragt: „In unserer Pfarrei gibt es einen Frauenkarneval. Eigentlich verkleide ich mich ja nicht so gerne. Tut Karneval denn auch Erwachsenen gut?“

Bei aller Verrücktheit, die mit dem Karneval verbunden ist, ist es einfach auch wichtig, dass Menschen feiern, Lust am Leben haben, sich treiben lassen von dem, was jahreszeitlich so dran ist. Das ist die beste Burn-out-Prophylaxe! Bei allem Traurigen und Schrecklichen in der Welt, muss das auch einen Platz im Leben haben. Karneval hat sozusagen einen psychologischen Reinigungseffekt für die Seele. Er ist Erholung, die durch Freude, Tanz und Verkleiden ausgedrückt wird. Der eine macht das lauter, der andere leiser, der eine mit viel und der andere mit weniger Schminke. Aber es ist auf jeden Fall auch für Erwachsene eine gute Möglichkeit, einmal „den Stöpsel zu ziehen“, neue Erfahrungen zu machen und zu merken: Das Leben ist viel bunter als es der normale Alltag so hergibt.

Astrid Fleute