11.01.2023

Persönliche Beziehung zu Gott

Beten kommt nicht aus der Mode

Beten ist Ausdruck von Gemeinschaft und von der persönlichen Beziehung zu Gott, sagt Pater Thomas Ferencik, Hochschulseelsorger in Hamburg. Junge Katholiken beten heute aber anders als die Gläubigen vor 50 Jahren.

Manchmal sind es die unscheinbaren Dinge des Alltags, durch die Gott mich anspricht. Das kann auch die Ruhe bei einer Kajaktour sein. Foto: Imago/Eberhard Thonfeld

In einem Buch habe ich Tipps von einem Coach gelesen, er empfahl, abends ein Dankbarkeitstagebuch zu führen und schrieb „Manche Menschen beten so-gar“, als ob dies besonders skurril wäre. Ist Beten aus der Mode gekommen?

Ich glaube, dass das Gebet auch heute in sehr verschiedenen Formen vorkommt. Oftmals wird das Gebet auf vorformulierte Sätze wie das Vaterunser oder das Rosenkranzgebet reduziert. Aber Beten ist mehr. Es ist der Ausdruck einer Beziehung zwischen Gott und dem Menschen. Und diese Beziehung umfasst nicht nur Worte, sondern auch Gefühle, Handlungen oder Gedanken. Nicht zu Unrecht gibt es den Ausdruck „Dein Leben soll ein Gebet“ sein. Möglicherweise hat sich das Bewusstsein und die Art, wie gebetet wird, ein wenig verändert. Aber aus der Mode gekommen scheint mir das Gebet nicht zu sein.

Beten die jungen Menschen noch? Was haben Sie als Leiter der Hochschulgemeinde beobachtet?

Ja, junge Menschen beten. Jedoch nicht immer in der Weise, wie wir es kennen, wenn wir traditionell katholisch geprägt sind, mit Morgengebet, Tischgebet, Abendgebet. Der liturgische Kalender oder Marienfeste – das ist für viele junge Katholiken ganz weit weg. Beim Thema Beten beobachte ich eine gewisse Freiheit bezüglich des Inhaltes, der Häufigkeit oder auch der Form. 

Und beten einige gar nicht mehr?

Es ist so, dass manche der jungen Leute beten, weil sie so aufgewachsen sind. Dann gibt es zum Beispiel auch eine andere Gruppe, die abends oder nach dem Essen nicht mehr betet. Dennoch würden sie sich nicht als ungläubig bezeichnen. Erst kürzlich sagte mir ein Student, dass er zwar den Kontakt zur Kirche verloren habe, aber den Kirchenraum als einen Ort des Friedens empfindet. Nicht selten höre ich in meinen Gesprächen, dass das Gebet sich nicht immer an einen personalen Gott richtet, sondern mehr ein Sichhinwenden zu etwas Unaussprechlichem und Unbegreiflichem ist. Da gibt es etwas, das nicht in Worte gefasst werden kann, eine letzte Hoffnung, ein Strohhalm der Sicherheit. Und dieses Etwas fängt meine Sehnsüchte auf und gibt mir Halt in verschiedenen Situationen. Erfahren wird dieses transzendente Sein zum Beispiel in einem Raum der Stille, bei dem Schein einer Kerze oder dem Anblick eines Sonnenuntergangs.

Viele beten also nicht unbedingt zu einem personalen Gott?

Das ist ja der Punkt: Was im Katechismus steht, ist das eine, und das andere ist, wie die Menschen selbst ihre Beziehung zu Gott definieren. Manche sagen, wir müssten wieder besser über unseren Glauben informieren, Kurse geben, weil die Leute die Inhalte des Glaubens nicht mehr kennen. Das mag zum Teil stimmen. Aber diese jungen Menschen sind ja katholisch geprägt. Die Leute wissen Bescheid, die haben ja Religionsunterricht gehabt. Es besteht einfach ein Dissens zu dem, was im Katechismus steht. In der Praxis spielt die reine Lehre für viele keine Rolle mehr. 

Sie feiern mittwochs in der Hochschulgemeinde gemeinsam Gottesdienste, dabei wird doch auch gemeinsam gebetet?

Ja, wir benutzen in unserem Gottesdienst verschiedene Elemente des Betens. Einen wichtigen Part nimmt das Singen ein. Durch unsere Lieder sind wir ja auch im Gespräch mit Gott. Und dann gibt es noch die vorgetragenen oder gemeinsam gesprochenen Gebete. Wichtig ist uns dabei, dass es auch immer einen Raum der Stille gibt, in dem jede und jeder sich so Gott hingeben kann, wie er oder sie es möchte. Zum Beispiel empfinde ich die lange Stille beim Taizégebet als besonders ergreifend.

Ist die Frage nach dem Beten so privat wie die Frage nach dem Gehalt?

Diese Frage erinnert mich an die Beobachtung, dass der Glaube an Gott bei jungen Menschen immer mehr als privat, also losgelöst von kirchlichen Lehren, gesehen wird. Ähnlich kann man dieses Phänomen auch auf das Beten übertragen. Ich denke, das Beten hat zwei Dimensionen. Zum einen ist es ein Ausdruck von Gemeinschaft. Als Gruppe beten wir zum Beispiel das Vaterunser als ein Zeugnis der Zugehörigkeit, das uns nicht nur verbindet, sondern auch klarmacht: Wir sind gemeinsam mit Gott unterwegs. Zum anderen ist, wie ich eingangs schon sagte, das Gebet auch Ausdruck einer persönlichen Beziehung zu Gott. Er kennt meine Schwächen und Fehler, mein Versagen und meine Grenzen. All das kann beim Beten zur Sprache kommen. Es gibt kein richtiges oder falsches Beten, es kommt auf die richtige Beziehung zu Gott an.  

Beten wird manchmal mit Bitten gleichgesetzt, zum Beispiel um Gesundheit, Gerechtigkeit oder Frieden. Gilt noch das Motto „Not lehrt beten“?

Generell heißt es: „Bittet und es wird euch gegeben; sucht und ihr werdet finden; klopft an und es wird euch geöffnet!“ Aber Gott hat uns auch Freiheit geschenkt, viele Dinge des Alltags selbst in die Hand zu nehmen. Um dieser Freiheit gerecht zu werden, sollten wir verantwortlich mit ihr umgehen. Es reicht nicht, um Gerechtigkeit und Frieden zu beten. Wir selbst sollten uns mit aller Kraft für Gerechtigkeit und Frieden einsetzen. Dem Gebet müssen auch Taten folgen. Als Gläubige brauchen wir eine Art Emanzipation, die uns zu selbstbewussten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Weinberg Gottes werden lässt.

Beten ist kein Monolog; Gott spricht auch uns an, sagt
Pater Thomas Ferencik ofm, Hochschulseelsorger und
Franziskanerpater in Hamburg. Foto: privat

Ich kann ja auch beten, wenn alles prima läuft und Gott für alles Gute danken.

Wie gesagt, möchte ich beten nicht nur auf bitten reduzieren. Beten heißt auch danken, loben und vor allem lieben. „Liebe Gott und den Nächsten wie dich selbst“, hierin besteht das Wesen des Gebetes. Diese Liebe versetzt uns in die Lage, für unser Gegenüber die richtigen Worte und Gefühle zu finden – sei es Gott, unser Nachbar oder wir selbst. Wenn unser Leben zu einem Gebet werden soll, dann soll es ein Gebet der Liebe sein. Wenn dem nicht so wäre, würden wir – was in diesen Tagen leider auch vorkommt – um Waffen beten oder darum, dass Menschen vernichtet werden. Wir würden egoistische Gebete formulieren und den Blick für die anderen verlieren.

Und geht Beten auch beim Segeln oder Wandern?

Ja. Wenn wir mit der Hochschulgemeinde unterwegs sind, feiern wir auch Gottesdienst und beten gemeinsam. Allerdings ist das nichts Exklusives, vielmehr soll beides in den restlichen Alltag inkludiert sein. Oftmals werden Liturgie und Gebet als etwas Autonomes, vom Alltag Abgeschnittenes verstanden. Man geht am Sonntag für eine Stunde zum Gottesdienst und anschließend wieder nach Hause. Bei uns in der Hochschulgemeinde sind diese Elemente Teile eines großen Puzzlebildes. Dazu gehören das gemeinsame Essen, Vortragsabende, Ausflüge oder Abende der Begegnung.

Gott weiß doch eigentlich, was ich ihm sagen will, oder? Wozu noch das Beten?

Beten heißt Gott begegnen. Das ist wie im wirklichen Leben. Wenn ich alle Menschen ignorieren würde, von denen ich weiß, dass sie mich bereits kennen – dann wäre ich am Ende ein einsamer Mensch. Es geht nicht nur darum, etwas mitzuteilen – es geht darum, sich mitzuteilen: sein Leben zu teilen.

Wenn ich den Dreh zum Beten nicht mehr kriege – was kann helfen?

Das Gebet, als Gespräch mit Gott verstanden, ist kein Monolog. Nicht nur ich spreche zu Gott, umgekehrt ist das ebenso der Fall. Gott spricht zu uns. Um mit ihm ins Gespräch zu kommen, sollte ich mich zuerst von ihm ansprechen lassen. Für mich sind das die kleinen, oft unscheinbaren Dinge des Alltags, durch die Gott mich anspricht. Das kann die Ruhe bei einer Kajaktour auf der Elbe sein, zufriedene Gesichter nach einer gelungenen Veranstaltung, der Humor und das Lachen von Menschen, die Begegnung mit früheren Mitgliedern der Hochschulgemeinde nach einer längeren Zeit der Kontaktlosigkeit oder die Auferstehungssymphonie von Gustav Mahler. Oftmals ist es nur ein Danke, das über meine Lippen kommt, nur ein Wort, aber von ganzem Herzen.

Interview: Andrea Kolhoff