27.07.2022

Caritas-Migrationsberatung in Bremen

Keine einzige Träne

Seit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine sind fünf Monate vergangen. Vielen Geflüchteten hat die Caritas geholfen. Migrationsberaterin Nino Adam aus Bremen erzählt von Herausforderungen und bewegenden Momenten.

Für die Hilfe, die sie auch in Deutschland erhalten, sind die Menschen aus der Ukraine sehr dankbar.

Nino Adam arbeitet seit 18 Jahren beim Migrationsdienst der Caritas; erst war sie acht Jahre in Bremen-Nord, dann wechselte sie nach Bremen. Zurzeit berät die Diplom-Sozialpädagogin vor allem Geflüchtete aus der Ukraine. Sie kommt gebürtig aus Georgien und spricht Russisch – ein großer Vorteil.

Erinnern Sie sich noch an den Moment, als Sie die Auswirkungen des Ukrainekrieges auch in Bremen zu spüren bekamen?

Die ersten Anfragen erreichten uns schon Ende Februar. Bremer, die Verwandte aus der Ukraine aufnehmen und sich informieren wollten, riefen uns an. Viele Geflüchtete – überwiegend sind es ja Frauen und Kinder – kamen anfangs privat unter und waren gut versorgt. Trotzdem gab es ein Problem: Die hilfsbereiten Verwandten sprachen zwar Deutsch, kannten sich aber mit den Behördengängen nicht so gut aus. Da waren wir gefordert. Zunächst hatten wir gar nicht so viel Zulauf, aber ab März ging es dann richtig los. 

Inwiefern?

Die Mund-zu-Mund-Propaganda wirkte. Unser Caritas-Team, wir sind zu viert, spricht mehrere Sprachen – ich zum Beispiel Russisch. Gute fachliche und muttersprachliche Beratung spricht sich herum, deshalb machte unser Angebot schnell die Runde. Es kamen auch immer mehr Geflüchtete, die keine Verwandten in Bremen hatten, die sich eine Zukunft in der Großstadt versprachen, unter anderem bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Bis Ende Juni hatte ich täglich zwischen 40 und 60 Anrufe. 

Wobei konnten Sie den Menschen bisher helfen?

Vor allem dabei, bürokratische Hürden zu überwinden. Drei Monate dürfen sich ukrainische Bürger zurzeit visafrei in Deutschland aufhalten. Danach brauchen sie, um hierbleiben zu können, einen Aufenthaltstitel. Das Sozialamt und das Migrationsamt sind die ersten Anlaufstellen: Vom Sozialamt bekommen sie Geld für ihren Lebensunterhalt, vom Migrationsamt ihren späteren Aufenthaltsstatus. Auch die Gesundheit war anfangs ein Thema. 
Können Sie das näher erklären?
Wir haben uns für kranke Kinder und Kinder mit Behinderungen eingesetzt. Dabei zeigte sich Bremen recht unkompliziert. Fehlende Krankenversicherungen konnten nachgereicht werden, und wenn ich angerufen habe, weil ein behindertes Kind unbedingt Medikamente brauchte, klappte es oft schon zwei Tage später mit einem Arzttermin.

Was empfinden Sie als besonders herausfordernd?

Die Wohnungssuche zum Beispiel – nicht leicht in einer Stadt wie Bremen. Viele Ukrainer haben auch ihre Haustiere mitgebracht, die wollten sie im Kriegsgebiet nicht zurücklassen. So viele Katzen und Hunde in den Übergangswohnheimen – das war schon ungewöhnlich.

Was hat sie noch überrascht?

Ich habe keine einzige weinende Frau erlebt. Die Ukrainer sind ein starkes Volk. Während ihre Männer kämpfen, wollen die Frauen sie von hier aus unterstützen, indem sie für sich und die Kinder eine neue Lebensgrundlage schaffen. Sehr beeindruckend, obwohl ich natürlich weiß, dass sich die Traumata irgendwann bemerkbar machen werden. 70 Prozent wollen wieder zurück in ihre Heimat, sobald keine Gefahr mehr droht. Einige Frauen sind bereits zurückgekehrt.

Caritas-Migrationsberaterin Nino Adam
Foto: privat

Welchen Vorteil hat es, dass Sie Russisch sprechen?

Viele sind glücklich, dass jemand ihre Sprache versteht und zugleich gut erklären kann, wann welche Anträge gestellt werden müssen. Manche fragen mich auch, woher ich komme – ich stamme aus Tiflis. Georgier und Ukrainer pflegen eine besondere Beziehung. Ob die Geflüchteten mir deshalb mehr vertrauen, kann ich nicht sagen, aber der Kontakt ist ihnen angenehm. Ich berate gern, auch wenn es oft anstrengend ist. Schon an den Gesichtern erkenne ich, wie dankbar die Menschen sind. Ich weiß zwar nicht, wie es ist, vor einem Krieg zu fliehen, aber ich weiß, wie schwer ein Neuanfang sein kann. Es gibt übrigens noch eine Besonderheit, die mir aufgefallen ist.

Welche?

Die meisten Geflüchteten sind sehr gut ausgebildet, haben akademische Berufe und alle ein Ziel: Sie wollen unbedingt arbeiten. Sie machen bereits Sprachkurse oder starten jetzt damit.

Wie sieht denn die Situation im Moment aus?

Die Ämter in Bremen sind überlastet, deshalb haben viele meiner Klientinnen und Klienten noch immer keinen Aufenthaltstitel. Ein Problem, denn ohne diesen Status gibt es keine Leistungen vom Jobcenter. Da haken wir zurzeit nach. Aber wir haben auch unseren Stiftungsfonds AHoi. Mit den Spendengeldern und auch mit gespendeter Kleidung können wir so manche Notsituation überbrücken. Im Großen und Ganzen beschäftigen uns gerade alle Alltagsthemen, von Schulanmeldungen bis zu Freizeitangeboten wie Sport oder Musik. Jede Beratung ist individuell, aber alle Ratsuchenden fangen bei Null an. 

Gibt es eine Geschichte, die Ihnen besonders naheging?

Vor zwei Wochen saßen eine Mutter und ihr zwölfjähriger Sohn bei mir. Die Familie war in der Ukraine gut situiert, der Vater, ein Offizier, kämpft jetzt im Krieg. In meinem Büro schaute der Junge ständig auf meine Wasserflaschen. Ich war etwas irritiert, weil ich nicht wusste, was er wollte. Die Mutter erklärte mir schließlich, dass er auf TikTok erfahren habe, dass man in Deutschland Pfandflaschen sammeln könne. Damit habe er jetzt angefangen – um etwas zum Lebensunterhalt beizutragen. Das hat mich sehr berührt, zumal ich selbst einen zwölfjährigen Sohn habe.  

Wie kann ehrenamtliche Hilfe die Fachberatung ergänzen?

Viele Geflüchtete aus der Ukraine fühlen sich zum Beispiel sicherer, wenn jemand sie auf Behördengängen begleitet. Dafür muss man kein Russisch sprechen können. Und wir freuen uns auch weiterhin über Spenden. Einige, denen wir  mit dem Stiftungsfonds geholfen haben, wollen auch gern etwas zurückgeben. Eine Juristin beispielsweise hat der Caritas ehrenamtlich ihren fachlichen Rat angeboten, falls er gebraucht wird.

Interview: Anja Sabel