13.05.2020

Lockerungen in der Coronakrise

Es geht um alle

Wochenlang war unser Leben wegen des Coronavirus stark eingeschränkt. Jetzt wird nach und nach wieder mehr erlaubt. Wenn die neue Normalität funktionieren soll, werden wir uns auf Werte besinnen müssen. Auf Vertrauen und Vergebung, Gemeinsinn und Geduld.

Foto: kna/Harald Oppitz
Marktbesuch mit Maske: Fühlt sich anfangs vielleicht etwas komisch an. Aber man gewöhnt sich dran. Und ein Lächeln hilft auch jetzt. Foto: kna/Harald Oppitz


Was wir gerade erleben, ist ein gesellschaftliches Experiment, das es so noch nie gegeben hat: Jeder kann dazu beitragen, dass es gelingt – oder eben nicht. Deutschland hat die erste Phase der Corona-Pandemie überstanden, die Politik lockert die Einschränkungen in unserem Leben. Geschäfte und Restaurants öffnen wieder, Kinder kehren in Schulen und Kitas zurück, Gottesdienste werden wieder gefeiert. Alles reglementiert, aber immerhin. Die Lockerungen bedeuten Freude und Erleichterung, aber sie sind auch riskant: Jederzeit droht eine zweite Infektionswelle.
Die neue Normalität wird nur funktionieren und die gerade zurückgewonnenen Freiheiten werden nur von Dauer sein können, wenn wir uns alle auf Werte besinnen. Auf Werte, die auch uns Christen wichtig sind: Vertrauen und Vergebung, Gemeinsinn und Geduld. 

Die Bürger werden den Wissenschaftlern vertrauen müssen, die unter Hochdruck das Coronavirus erforschen und immer neue Erkenntnisse verarbeiten – was zwangsläufig dazu führt, dass sich ihre Positionen ändern und auch mal widersprechen. Vertrauen müssen sie auch den Politikern, die aus der Forschung Entscheidungen ableiten, hoffentlich nach bestem Wissen und Gewissen.

Vergeben werden viele müssen: Eltern ihren meckernden Kindern, Supermarktkunden der gestressten Kassiererin, Chefs den auch mal unkonzentrierten Mitarbeitern – weil alle in dieser Ausnahmesituation überfordert sind, Fehler machen, dazulernen.

Muss ich sofort alles tun, was ich wieder darf?

Jeder sollte sich bewusstmachen, dass es gerade nicht nur um ihn geht, sondern um alle. Jeder kann sich fragen, wo er sich zurücknehmen und anderen den Vortritt lassen kann: Hat vielleicht jemand anderes die ersten Friseurtermine, die Reservierung im Restaurant, den Platz im Gottesdienst nötiger als ich? Riskiere ich durch mein Verhalten womöglich zu viel, für mich, für meine Angehörigen, für die Gesellschaft? Muss ich sofort alles tun, was ich wieder darf? Sind meine Vorsicht und meine Rücksicht nicht gerade jetzt, in der allgemeinen Aufregung, besonders gefragt?

Zuletzt haben sich in Deutschland berechtigter Frust und absurdes Luxusgejammer gefährlich gemischt: Viele fürchteten um ihre Existenz, andere beklagten es schon als Freiheitsberaubung, dass sie ein paar Wochen nicht bei ihrem Lieblingsitaliener speisen konnten. Klar ist: Wir werden bis zum Ende der Pandemie noch viele Zumutungen und Unsicherheiten aushalten und viel Geduld haben müssen – bis hin zur erlösenden Antwort auf die Frage, wann es einen Impfstoff geben wird, der das Virus besiegt. Am besten können wir den Weg zu diesem Ziel gemeinsam bewältigen. Jeder trägt dabei Verantwortung, jeder ist systemrelevant, auf seine Art, an seinem Ort.

Andreas Lesch