18.02.2014

Im Märchen hat Gott eher eine strafende als barmherzige Rolle

„Als Gott auf Erden wandelte"

Märchen halten Menschen den Spiegel vor, konfrontieren sie mit ihren Schwächen. Wer gut ist und ein gottgefälliges Leben führt, bringt es zu etwas im Leben, wer nicht, wird bestraft, sagt Märchenexperte Frieder Paasche.

 

Der Gott im Märchen, wie hier auf einer Postkarte um 1900 dargestellt, hat wenig mit dem Gott im christlichen Verständnis zu tun.Grafik: privat

In einigen Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm kommt Gott selbst vor. Da heißt es zum Beispiel: „Vor alten Zeiten, als der liebe Gott noch selber auf Erden wandelte …“  Gott wird selbst zu einer Hauptfigur und greift aktiv in das Märchengeschehen ein. „Aber Gott ist dabei nicht mit unserem christlichen Gott zu verwechseln“, sagt Märchenexperte, Kommunikationswissenschaftler und Psychotherapeut Frieder Paasche aus Lehrte bei Hannover.

Die Figur Gott sei vielmehr als Richter zu sehen und verkörpere die absolute Gerechtigkeit. „Gott ist im Bewusstsein der Menschen die höchste moralische Instanz. Gegen sein Urteil gibt es keine Einspruchsmöglichkeiten mehr“, sagt Paasche. Ob direkt, durch Engel oder das Handeln der Muttergottes wie im „Marienkind“, der Gott des Märchens ist oft ein sehr harter Richter. „Mit dem barmherzigen Vater des Neuen Testaments hat er nicht viel gemeinsam, eher mit dem Gott des Alten Testaments, der nach dem Gesetz ‚Auge um Auge, Zahn um Zahn‘ handelt,“ betont der Therapeut und wirbt dafür, Märchen nicht nur oberflächlich zu lesen. „Man sollte sich die Mühe machen und die verschiedenen Ebenen betrachten.“ Dazu gehören der gesellschaftliche und zeitliche Kontext, in dem sie entstanden sind, sowie ihre religiöse und tiefenpsychologische Dimension.

Laut Paasche sollte nicht vergessen werden, dass die Märchen oft einen archaischen Ursprung haben. Schon in vorchristlicher Zeit und im Mittelalter wurden Geschichten von wundersamen Dingen, die sich die Menschen nicht erklären konnten, erzählt und weitergegeben. Sie bilden oft die Grundlage von Märchen, die später unter anderem von den Gebrüder Grimm aufgeschrieben und bearbeitet wurden.

Das Böse wird im Märchen oft hart bestraft

Noch heute erinnern die drastischen Strafen, die die Bösen erleiden müssen – Augen werden ausgepickt, Betrüger werden gevierteilt und vermeintliche Hexen sollen auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden – an gängige Strafpraktiken des Mittelalters und an die Inquisition.

Doch auch im Märchen klingt durchaus die göttliche Barmherzigkeit an. Die eigentlich Guten, die unverschuldet, vom Bösen umgarnt, Schuld auf sich laden, können auf Rettung hoffen. Sie müssen aber ihre Verfehlungen eingestehen und bereuen. Keine Chance auf Erbarmen, auch nicht auf göttliches, haben dagegen die „richtig“ Bösen, wie zum Beispiel die „böse“ Stiefmutter in „Schneewittchen“. Sie muss als Strafe bei Schneewittchens Hochzeit so lange in glühenden Eisenpantinen tanzen, bis sie tot umfällt.

Auch wenn Märchenerzählungen gern biblische Themen aufgreifen, wie zum Beispiel die Auferweckung von den Toten in „Die zwei Brüder“ oder die Vermehrung von Nahrungsmitteln in „Der süße Brei“, sollten sie nicht mit den Evangelien im Neuen Testament gleichgesetzt werden:  „Bei Märchen handelt es sich vor allem um pädagogische Texte und nicht um Glaubensverkündigung“, sagt Paasche.

Besonders Kindern, aber auch erwachsenen Zuhörern solle mit teilweise drastischen Bildern aufgezeigt werden, brav, ehrlich und fleißig zu sein. „Man muss eben auch die Zeit betrachten, in der  die Gebrüder Grimm ihre Märchen verfassten.“ Die Botschaft vieler Märchen ist ganz klar: Wer ein Gott und der Obrigkeit gefälliges Leben führt, wird am Ende glücklich und zufrieden sein.

Edmund Deppe