03.06.2014

Wie Bischof Berning auf den Beginn des Ersten Weltkriegs reagierte

„Gott ist auf unserer Seite"

Als Deutschland im Sommer 1914 in den Krieg zog, standen die Zeichen im Bistum Osnabrück gerade auf Wechsel: Bischof Hubertus Voß war gestorben, sein Nachfolger bereits gewählt, aber noch nicht ins Amt eingeführt.

 

Wilhelm Berning im September 1914. Im Mai hatte ihn das Domkapitel zum Bischof gewählt. Foto: Bistumsarchiv

Nach der Ermordung des österreichischen Thronfolgers in Sarajevo erklärte das Kaiserreich Österreich-Ungarn dem Königreich Serbien am 28. Juli den Krieg. Dabei konnte es auf Unterstützung des Deutschen Reiches bauen, das seinerseits Russland und Frankreich den Waffengang ankündigte. Kaiser Wilhelm II. und sein Militär setzten auf einen schnellen Sieg.

Für die Katholiken im Bistum Osnabrück ist das Jahr 1914 zunächst durch den Tod ihres 73 Jahre alten Bischofs Hubertus Voß geprägt, der am 3. März an einer Blutvergiftung stirbt. Bereits am 26. Mai wählt das Domkapitel den 37-jährigen, in Lingen geborenen Wilhelm Berning zu seinem Nachfolger, dessen Name den wartenden Gläubigen – vorbehaltlich der Zustimmung durch den Papst – unmittelbar nach dem Wahlgang im Dom bekanntgegeben wird.

In jene Wochen spannungsvollen Wartens auf den neuen Oberhirten fällt der Kriegsbeginn, der Amtsträger und Gläubige in einen Konflikt zwischen Vaterlandstreue und Loyalität zum Papst führt. Dies wird deutlich im Kirchlichen Amtsblatt für das Bistum Osnabrück vom 18. August 1914, in dem die Redaktion den dramatischen Friedensappell Papst Pius X. dem Kriegsaufruf Kaiser Wilhelms II. gegenüberstellt.

Der Papst prognostiziert den „Strudel eines überaus unheilvollen Krieges“, „an dessen Verwüstungen und Folgen niemand denken kann, ohne sich von Schmerz und Entsetzen bedrückt zu fühlen“ und der bei ihm selbst tiefen „Kummer bei dem Gedanken an das Wohl und das Leben so vieler Bürger und Völker“ auslöse. In den angeordneten Kriegsgebeten und -andachten möge der Klerus erbitten, „daß Gott zum Mitleid bewegt, baldigst die unheilvolle Kriegsfackel abwende und den obersten Leitern der Nationen Gedanken des Friedens, nicht der Betrübnis gebe“. 18 Tage vor seinem Tod wird dieser eindringliche Appell Pius X. zu einem pazifistischen Vermächtnis, das dessen Nachfolger Benedikt XV. nach seiner Wahl bekräftigt.

Bischofsweihe am Tag des Erzengels Michael

Kaiser Wilhelm II. preist den Krieg dagegen als „kraftvolle Entwicklung“ gegen seine die deutschen Erfolge neidenden Gegner und spickt seine Formulierungen mit patriotischer Propaganda wie „jedes Zögern wäre Verrat“, „Sein oder Nichtsein unseres Reiches“ oder „wehren bis zum letzten Hauch von Mann und Roß“. Betrachtet der Papst Christus als übernationalen „Friedensfürsten“, so vereinnahmt der Kaiser ihn als Sieggaranten für die eigene Nation: „Noch nie war Deutschland überwunden, wenn es einig war! Vorwärts mit Gott, der mit uns sein wird, wie er mit den Vätern war.“

Nachdem der Kölner Kardinal Felix von Hartmann Anfang September die päpstliche Wahlbestätigung Bernings am Rande des Konklaves nach dem Tod Pius X. entgegennimmt und mit nach Deutschland bringt, zieht das Domkapitel für die Weihe und Inthronisation des neuen Bischofs den 21. September in Betracht. Dieser favorisiert jedoch den Michaelistag (29. September), denn der Erzengel gilt ihm nicht nur als „Schutzpatron der gesamten Kirche“, sondern insbesondere auch des deutschen Volkes. Ihm gedenkt er Nation und Kaiser anzuempfehlen.

Die Weihe Bernings steht im Zeichen des Krieges: Das Domkapitel beschränkt „das Programm auf die rein kirchliche Feier“ und nimmt „von jeder äußeren weltlichen Festlichkeit Abstand“. Mit seinem ersten Hirtenwort legt der neue Bischof ein Bekenntnis zu Kaiser, Volk und Vaterland ab und verteidigt den Krieg als gerecht und notwendig: der Kriegseintritt Deutschland entspreche dem Recht auf Selbsterhaltung und sei unausweichlich gewesen: „Geliebte Diözesanen! Auf unserer Seite ist das Recht. Und darum ist auch Gott auf unserer Seite. […] Wie schwer die letzten Wochen auch waren, so groß und heilig waren sie auch! Welch’ ein Gottvertrauen zeigte sich allenthalben.“ Eine solche Haltung war durchaus zeittypisch und mündete in eine breite kirchliche Unterstützung jener Politik, die neben der Kriegs- auch die „Heimatfront“ mobilisierte.

Hermann Queckenstedt

 

Zur Sache

„Eine deutsche Stadt im Ersten Weltkrieg“ zeigt das Museum Industriekultur Osnabrück in einer Sonderausstellung bis zum 28. September. Dabei richtet sich der Blick vor allem auf die „Heimatfront“: die Militarisierung der Gesellschaft, die Mobilmachung und Kriegsbegeisterung der jungen Generation, die Ernährungssituation, verwundete Soldaten in den Lazaretten, Frauen als Arbeitskräfte in der Rüstungsproduktion oder die Lager für Kriegsgefangene. Neben Fotografien, Tagebüchern und Plakaten sind Uniformen, Waffen, medizinische Geräte oder Kriegssouvenirs zu sehen. Viele Leihgaben stammen von Privatpersonen aus der Region.

www.industriekultur-museumos.de