18.06.2015

Seelsorgeamtsleiterin Daniela Engelhard über das „Jahr des Aufatmens"

„Jetzt ist die Zeit reif"

Im September beginnt im Bistum Osnabrück das „Jahr des Aufatmens“. Alle Gemeinden, Einrichtungen, Verbände und Gemeinschaften sind eingeladen, sich daran zu beteiligen. Daniela Engelhard, Leiterin des Seelsorgeamts, hat schon heute mit den Vorbereitungen zu tun.

 

Daniela Engelhard leitet das Seelsorgeamt in Osnabrück. Foto: Ruth
Beerbom

Was ging in Ihnen vor, als Sie zum ersten Mal von der Idee des Bischofs hörten, ein Jahr der Entschleunigung, des Aufatmens anzubieten?

Ich fand den Gedanken sehr spannend. Weil es auch früher schon einmal ähnliche Überlegungen gab, dachte ich: Ja, jetzt ist die Zeit reif dafür.

Was musste passieren, damit die Zeit reif wurde?

Wir erleben in unseren Gemeinden und Einrichtungen, dass sich viele Menschen bis an die Grenzen ihrer Kräfte einsetzen. Es gibt bei Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen ein hohes Engagement für ganz verschiedene Aufgaben. Aber wir nehmen auch wahr, dass die Zeit oft knapp ist und unsere Kräfte begrenzt sind. Es gibt ein Bedürfnis, innezuhalten und darüber nachzudenken, wie es weitergehen kann. Deshalb gestalten wir mit dem Jahr des Aufatmens ein Zukunftsgespräch in unserem Bistum.

Ist das Thema nur für den kirchlichen Bereich aktuell?

Nein, natürlich betrifft es auch die Gesellschaft. Sehen Sie sich die Zeitungsauslage am Kiosk an: Da geht es immer wieder um Beschleunigung und Entschleunigung. Burnout ist nach wie vor ein Thema. Zugleich beschäftigen sich Philosophen und Soziologen mit dem Thema Zeit. Wie erleben wir Zeit, wie gehen wir mit Zeit um? Der Beschleunigungsexperte Hartmut Rosa spricht von einer „kollektiven Atemlosigkeit“.

Das heißt, das „Jahr des Aufatmens“ soll nicht nur in die Kirche, sondern auch in die Gesellschaft ausstrahlen?

Das wünschen wir uns auf jeden Fall. Wir haben ja Orte, Zeiten und Formen für die Unterbrechung des Alltags. Das ist ein Schatz, den wir in neuer Weise anbieten können.  Kirchenräume, Klöster, Gottesdienste, Orte der Stille. Wichtig ist auch der Blick auf Menschen in schwierigen Lebenssituationen. Was können wir dafür tun, damit sie aufatmen können? Zum Beispiel Flüchtlinge, die zu uns kommen. In unseren Städten und Kirchengemeinden engagieren sich viele für Flüchtlinge. Dieser Einsatz ist sehr wichtig und zu fördern.

Richten Sie sich mit Ihrem Appell zum Aufatmen auch an die Arbeitswelt?

Es geht nicht um einen Appell. Aufatmen kann man nicht verordnen. Und anderen Branchen können wir nicht vorschreiben, wie sie damit umzugehen haben. Wir sollten aber in unserem Bereich Zeichen setzen. Einiges geschieht auch schon. Das Bischöfliche Generalvikariat ist zertifiziert als Betrieb, in dem konkrete Maßnahmen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtern. Es gibt außerdem Sonderurlaub für Exerzitien und geistliche Tage oder Elemente eines Gesundheitsmanagements. Die achtsame Sorge um die Mitarbeiter und die ehrenamtlich Engagierten ist in allen Bereichen weiterzuentwickeln. In zahlreichen Einrichtungen, etwa der Alten- und Krankenpflege, arbeiten viele Angestellte unter hohem Zeitdruck. Wie können sie zu Atem kommen? Das ist eine drängende aktuelle Herausforderung.

Was können die Gemeinden von der Bistumsleitung im „Jahr des Aufatmens“ erwarten?

Alle Gemeinden, Einrichtungen, Verbände und Gemeinschaften sind eingeladen, sich an ihren Orten am Zukunftsgespräch zu beteiligen. Der Bischof hat in seiner Silvesterpredigt Fragen formuliert. Sie bieten einen guten Leitfaden für Dialog und Beratung während des Jahres. Der Bistumsleitung ist es wichtig, nicht Aufgaben zu stellen, die es zu bearbeiten gilt. Aber die Gemeinden können Tipps und Anregungen erwarten, die sie nach eigenen Möglichkeiten auswählen und umsetzen können. Der „Zugbegleiter“, eine Handreichung mit Impulsen und methodischen Anregungen, wird im August erscheinen. Daran haben Personen aus der Pastoral, der Caritas und der Öffentlichkeitsarbeit mitgearbeitet. 

Und was erwarten Sie von den Gemeinden?

Ich wünsche mir, dass viele sich die Zeit nehmen, in Gremien und Gruppen die Fragen zu beraten: „Was hält uns in Atem? Was ist unbedingt wichtig und fordert unseren Einsatz – vielleicht in neuer Weise? Und was gilt es zu lassen?“ Es geht nicht um zusätzliche Aktionen. Es geht vielmehr um die Frage: Wie können wir das, was wir tun, einmal anders gestalten? Zum Beispiel, indem wir der Bibel mehr Raum geben und uns mit dem Buch Exodus beschäftigen, das uns als Grundlage dient. Ich vertraue darauf, dass Gemeinden und Gruppen gute eigene Ideen entwickeln, wie sie das Jahr gestalten wollen.

Warum ist das Buch Exodus die Grundlage für das Jahr?

Es erzählt die Geschichte des Volkes Israel, das aus der Knechtschaft des Pharaos befreit wird. Auch wir Christen sind darin als Volk Gottes angesprochen. Die Geschichten sind 2500 Jahre alt, aber enthalten Lebens- und Glaubenserfahrungen, die auch heute aktuell sind. Sie sprechen von Macht und Ohnmacht, Befreiung aus Zwängen, Aufbruch und Wüstenerfahrungen und von dem Vertrauen auf Gott, der sein Volk in die Zukunft führt. Das Buch kann uns wichtige Wegweiser bieten für unseren weiteren Weg in die Zukunft.

Steht schon fest, was das Ergebnis des Jahres sein soll?

Nein, und das würde auch gar nicht zu unserem Ansatz passen, denn wir laden zu einem offenen Prozess ein. Aber wir sind sehr interessiert, von Gemeinden und Gruppierungen zu hören, welche Erfahrungen sie in dem „Jahr des Aufatmens“ gemacht haben. Möglichst viele Erfahrungen wollen wir gegen Ende des Jahres einsammeln. Bei einer zweiten Versammlung der diözesanen Räte im September 2016 werden wir miteinander beraten, welche Konsequenzen sich daraus ergeben für den weiteren Weg in unserem Bistum.

Gibt es etwas, das im „Jahr des Aufatmens“ auf keinen Fall passieren sollte?

Es sollte möglichst keine großen, zusätzlichen Events geben, die dem Charakter des Innehaltens widersprechen. Auch die Bistumsleitung hat deshalb schon einige Anfragen von außen abgelehnt oder gebeten, Dinge zu verschieben.

Wie gestalten Sie selbst Ihren Alltag, damit er entspannt bleibt?

Die Zeit, die ich mit meiner Familie verbringe, ist mir sehr kostbar, auch weil diese Zeit oft knapp ist. Außerdem versuche ich, im Alltag kleine Zeiten des Innehaltens zu pflegen mit persönlichem Beten und Lesen in der Bibel.

Interview: Matthias Petersen

„Aufatmen“ heißt ein Wochenende für junge Erwachsene vom 18. bis 20. September in der Landvolkhochschule Oesede. Infos: Telefon 0 54 01/8 66 80. Weitere Termine finden Sie hier