13.10.2017

Generation Kriegskinder

„Schweigen kann ein Weg sein"

Kindern, die Schreckliches erlebt haben, wird der Neuanfang erleichtert, wenn sie einen Menschen haben, der sie begleitet. Der Theologe Christoph Hutter leitet das Psychologische Beratungszentrum in Lingen und spricht am Dienstag, 17. Oktober, zum Thema „Schweigen – das Erbe der Kriegskinder“.

Ein Kind vor einem Trümmerberg: So sah es nach dem Zweiten Weltkrieg in vielen deutschen Städten aus. | Foto: pa

Welche Jahrgänge zählen Sie zu den Kriegskindern? Wer bei Kriegsende zwei Jahre alt war, wird sich doch nicht mehr erinnern, oder?

Ich gehe an das Thema als Berater heran. Im Mittelpunkt der Beratung stehen die Geschichten, die in den Familien erzählt oder auch jahrelang nicht erzählt wurden. Darum kann man ganz pragmatisch sagen, dass die Menschen, die in der Kriegszeit schon geboren waren, Kriegskinder sind. In der Tat erinnern wir uns erst an relativ späte Ereignisse aus unserer Kindheit. Alles was sich vor dem dritten bis vierten Lebensjahr abgespielt hat können wir im Normalfall nicht mehr benennen. Erinnerungen, die weiter zurückreichen, speisen sich zumeist aus Erzählungen, die wir später gehört haben und die wir als Wissen übernommen haben.
Ältere Erinnerungen, die vor dem Sprechvermögen eines Kindes abgespeichert wurden, haben dennoch eine große Bedeutung. Sie werden direkt im sogenannten „Körpergedächtnis“ abgespeichert. Dort sind Gerüche, Berührungen, Bewegungen, Töne und anderes unmittelbar mit den entsprechenden Gefühlen, also mit Angst, Lust, Wut oder Gefühlslagen von Bedrohung abgespeichert. Deshalb reicht manchmal ein Ton, der wieder gehört wird, oder ein vertrauter Geruch aus, um körperlich massiv zu reagieren.

Nächte im Bunker, Tote auf den Straßen: Kinder in den Städten  haben oft noch Schlimmeres erlebt als die Kinder auf dem Land. Leiden diese mehr unter ihren traumatischen Erlebnissen?

Ich finde es ganz wichtig, dass keine Konkurrenz um das größte Leiden entsteht. Das eigene Leid lässt sich durch das Leid anderer nicht relativieren, weil jeder Mensch damit konfrontiert ist, wie er selbst eine Situation erlebt hat und wie massiv er oder sie selbst in der Situation gelitten hat. Nach dem Krieg war der Satz „Andere haben ja viel mehr durchmachen müssen“ oft zu hören. Heute wissen wir, dass dieser Satz zumeist ein Ausdruck der Traumatisierung war. Um den eigenen Schmerz nicht spüren zu müssen, hat man abgelenkt auf das Schicksal der anderen. Wenn man die Geschichten in den Mittelpunkt stellt, die Menschen erlebt haben, oder die sie von ihren Eltern erzählt bekommen haben, dann wird deutlich, dass oft ein einzelnes Detail eine große Rolle bekommt, weil das Grauen als Ganzes ohnehin nicht verstehbar war.
In den meisten Fällen geht es heute nicht mehr um die großen posttraumatischen Symptome. Das Thema ist vielmehr, dass sich das Lebensgefühl der Kriegskinder und der Kriegsenkel verändert hat. Menschen wurden ängstlicher und es ist schwer für Menschen, sich um sich selbst zu kümmern. Fluchtgeschichten setzten sich manchmal in einem Gefühl von Rastlosigkeit und Eile fort.

Theologe Christoph Hutter, Leiter der Psychologischen Beratungsstelle
des Bistums in Lingen. Foto: Nadine Vogelsberg

Flucht und Vertreibung waren eine besondere Belastung für Erwachsene und Kinder. Sind in dieser Gruppe die posttraumatischen Störungen am schlimmsten?

Auch hier ist es wichtig, nicht in eine Konkurrzenz des Leidens zu kommen. Glücklicherweise gibt es in Deutschland eine starke Lobby dafür, dieses Thema nicht zu verdrängen und sich dem Leiden, das in Flucht und Vertreibung erlebt wurde, zu stellen. Das bedeutet aber nicht, dass sich anderes Leid dadurch relativiert. Jede einzelne Geschichte hat das Recht, erzählt, erinnert und betrauert zu werden.  

Haben Betroffene mehr Verständnis für Flüchtlinge?

Gerade jetzt, wo so viele geflüchtete Menschen zu uns kommen, werden zwangsläufig die Geschichten berührt, die wir aus unseren eigenen Familien kennen. Die Einquartierung im Haus der Urgroßeltern, die Fluchtgeschichte der Großeltern, die Erinnerung an Verwandte, die nie in einer neuen Heimat angekommen sind. Die Familiengeschichten über den Verlust der Existenzgrundlage und die unendlichen Mühen des Neuanfangs. Viele Menschen bringen die Bilder, die sie heute sehen, nicht bewusst mit ihrer Familiengeschichte in Beziehung. Aus psychologischer Perspektive ist aber völlig klar, dass hier ganz wirkmächtige Bilder aus den Familiengeschichten erwärmt werden. Deshalb reagieren viele Menschen mit heftigen Emotionen.

Was hat Kindern nach dem Krieg geholfen, ihre Zukunft zu meistern? Ist Verdrängen und Schweigen nicht auch eine Überlebensstrategie?

Es gibt in der Psychologie eine Strömung, die darüber nachdenkt, was Menschen hilft, schreckliche Situationen zu überleben: Die Resilienzforschung. Zentrale Befunde daraus sind, dass Menschen, die einen anderen Menschen haben, der sie begleitet und zu ihnen hält, viel größere Chancen auf einen guten oder zumindest erträglichen Neuanfang haben, als Menschen, die „mutterseelenallein“ sind.
Andere Faktoren sind, dass resiliente Menschen einen Weg gefunden haben, die Situation, in der sie sind, zu begreifen und sie minimal mitzugestalten. Schließlich macht es Menschen widerstandskräftig, wenn sie ihrem Leben und auch der misslichen Lebenslage einen Sinn geben können.
Die Frage nach Schweigen und Verdrängen liegt dagegen auf einer anderen Ebene. Schweigen kann kurzfristig der einzige Weg sein, eine Situation auszuhalten. Manche Lebenslage ist so unerträglich, dass sie sich der Beschreibung entzieht. Aus therapeutischer Sicht ist es wichtig, irgendwann den Preis des Schweigens in den Blick zu bekommen, den die Betroffenen, aber auch deren Kinder, für das Schweigen zahlen.

Interview: Andrea Kolhoff

Die Veranstaltung mit Christoph Hutter am 17. Oktober beginnt um 19.30 Uhr im Forum am Dom in Osnabrück, Domhof 12.