21.11.2012

Stolpersteine erinnern an ermordete Waisen

„Warum konnten wir die Kinder nicht schützen?"

Mit kleinen Stolpersteinen aus Messing wird in Osnabrück der von den Nationalsozialisten verfolgten und ermordeten Menschen gedacht. Von acht neu verlegten Steinen erinnern drei an Kinder, die im damaligen Waisenhaus St. Johann lebten.

 

Pflastersteine mit einer Messingplatte, die die Namen und das Geburts- und Sterbedatum der Menschen nennt, werden zur Erinnerung an Opfer des Nationalsozialismus verlegt. Foto: Hermann Pentermann

Drei neue Stolpersteine vor dem Gebäude in der Osnabrücker Johannisstraße 39 erinnern an ihr Schicksal: Annelore Juliane Benning, Norbert Herwald und Reinhold Heinrich Franz Katthöfer lebten zu Beginn der 1940er Jahre im damaligen Waisenhaus St. Johann. Von dort wurden sie in die Kinderfachabteilung der Landesheil- und Pflegeanstalt in Lüneburg gebracht und im nationalsozialistischen Rassenwahn ermordet.

Die Patenschaft für die drei Erinnerungssteine vor der Einfahrt zum Haus der St. Johann Behindertenhilfe übernahm Bischof Franz-Josef Bode, denn der Bischöfliche Stuhl war und ist Träger dieser ältesten noch bestehenden Sozialeinrichtung des Bistums.

Warum konnten wir die Kinder nicht schützen? Diese Frage stellte Generalvikar Theo Paul in einem geistlichen Impuls, der sich in der Kirche St. Johann an die Verlegung der Steine für die drei Minderjährigen anschloss. Dabei zitierte er Passagen aus der Predigt des Münsteraner Bischofs Clemens August von Galen vom 3. August 1941, die sich gegen das NS-Tötungsprogramm richten: „Nie, unter keinen Umständen darf der Mensch außerhalb des Krieges und der gerechten Notwehr einen Unschuldigen töten. Eine furchtbare Lehre, die die Ermordung Unschuldiger rechtfertigen will, die die gewaltsame Tötung der nicht mehr arbeitsfähigen Invaliden, Krüppel, unheilbar Kranken, Altersschwachen grundsätzlich freigibt!“, hatte der „Löwe von Münster“ gemahnt. Bei den „nach dem Urteil irgendeines Amtes, nach dem Gutachten irgendeiner Kommission als ‚lebensunwert’ eingestuften Opfern handele es sich – so predigte von Galen – „um Menschen, unsere Mitmenschen, Brüder und Schwestern!“.

Musik zum Nachdenken

Sodann schlug der Generalvikar die Brücke zum Markusevangelium, in dem Christus auf die Frage nach seiner Mutter und seinen Brüdern auf die Menschen um ihn herum weist und bekennt: „Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“

Während er sprach, hatte Theo Paul die Stola seines Onkel Wilhelm angelegt, der als Kaplan in der Osnabrücker Pfarrei St. Josef Predigten von Galens vervielfältig hatte und deshalb vom Regime verfolgt und im Fronteinsatz in den Tod geschickt wurde. Mit Improvisationen von Frank Martin aus dem Jahr 1944 regte der Organist Christian Joppich musikalisch zur Nachdenklichkeit an.

Weitere Stolpersteine wurden an dem Tag in Osnabrück verlegt, und zwar für Wilhelm Johann Küsters,  Peter Jankowski, Berta Glombik, Anna Hellmann und Johannes Heinrich Laumann.  Moderiert wurde die dreistündige Aktion von der Historikerin Urszula Ornat vom Diözesanmuseum Osnabrück, die das Bistum im Arbeitskreis „Stolpersteine“ der Stadt Osnabrück vertritt.

Mit bewegenden Worten hinterfragte Urszula Ornat, Enkelin polnischer Zwangsarbeiter, wie ihr eigenes Schicksal angesichts der perfiden NS-Rassenlehre wohl ausgesehen haben könnte. Den Paten der jeweiligen Stolpersteine sowie den Mitstreitern im Arbeitskreis dankte sie ausdrücklich und sagte: „Sie geben den Opfern ihre Würde zurück.“

Hermann Queckenstedt