07.10.2016

Kommentar

Ablehnung macht ratlos

Woher kommt die Ablehnung? Woher kommt der Hass? Und wie soll man mit den Menschen umgehen, die das politisch-gesellschaftliche System in Deutschland ablehnen. Ein Kommentar von Ulrich Waschki nach den Eindrücken von der Einheitsfeier in Dresden.

Was bleibt, ist Ratlosigkeit. Wie soll man auf die Menschen reagieren, die bei der Einheitsfeier in Dresden so aggressiv ihren Hass auf unser politisches System und die politisch-gesellschaftlichen Eliten herausgeschrien haben? Woher diese Ablehnung? Woher der Hass? 

Wir leben in einem gelobten Land: Niemand muss sich vor Bomben oder Giftgas eines wild gewordenen Präsidenten fürchten, Märkte, Konzerte und Einkaufszentren kann man weitgehend ohne Angst vor Terroranschlägen besuchen. Man darf auf die Straße gehen und lautstark der Regierungschefin und anderen Mächtigen „Volksverräter“, „Lügenpack“ oder „Merkel muss weg“ ins Gesicht schleudern.

Die Arbeitslosigkeit lag zur Jahresmitte auf dem niedrigsten Stand seit 25 Jahren, die Beschäftigung ist auf Rekordniveau, ein Mindestlohn sichert das unterste Lohnniveau. Obwohl im vergangenen Jahr so viele Flüchtlinge wie noch nie in unser Land gekommen sind, stellen selbst sparsamste Politiker wie der Bundesfinanzminister Steuersenkungen in Aussicht. 

Auch eine Islamisierung droht nicht: Von den 82 Millionen Menschen in unserem Land sind vielleicht fünf Millionen muslimischen Glaubens. Dagegen sind noch immer fast 46 Millionen Mitglied der katholischen oder evangelischen Kirche. 

Uns geht es gut. Mit der tatsächlichen Lage im Land hat die Wut von Dresden nichts zu tun. Sie aber als unbegründet wegzuwischen, geht nicht. Auch, wenn es sich hier wahrscheinlich um eine zwar lautstarke, aber eben doch kleine Minderheit handelt – diese Gefühlslage hat Spaltpotenzial. Doch wie reagieren? 

Wehrhaft: Diejenigen, die Grenzen der Meinungsfreiheit überschreiten, die gewalttätig werden, die andere bedrohen, müssen konsequent belangt werden. Die bislang eher stille Mehrheit muss sich zu Wort melden und widersprechen, wo immer möglich. 

Im Dialog: Da, wo ein Gespräch möglich ist, muss man es führen. So schwierig und anstrengend das ist. Wo nur Geschrei und Parolen kommen, darf man das Gespräch ruhig beenden. 

Aber als Vorbild: Mit gleicher Münze zurückzuzahlen, also selbst ausfällig und beleidigend zu werden, hat keinen Sinn, sondern vertieft die Gräben. Ebenso wirken Angstreden von Politikern, die das Vokabular und die Angstszenarien von Pegida und AfD übernehmen. Schwarzmalerei schadet. Stattdessen brauchen wir Differenzierung und Besonnenheit. Auch, wenn es angesichts der Bilder aus Dresden schwerfällt.

Von Ulrich Waschki