28.02.2012

Kommentar

Amerika fehlt der Glaube

Von Roland Juchem

O Amerika! Vom einstigen „American Dream“, alles machen und schaffen zu können, der unternehmerischen, lebensbejahenden Grundeinstellung scheint nicht viel übrig geblieben. Der Mut, die Sehnsüchte, der Wille, etwas zu erreichen, sind den US-Amerikanern abhandengekommen. Der 11. September, der Morast in Afghanistan und im Irak, Finanzskandale, Börsenkrach, Überschuldung und Massenarbeitslosigkeit lähmen die Menschen.

Es herrschen Mutlosigkeit, Gier und Feindseligkeit. Der vermeintliche „Messias“ Barack Obama hat den Glauben an echte Änderungen nicht stärken, entscheidende Reformmaßnahmen nicht durchsetzen können. Stattdesssen beschwört die traditionalistische Tea-Party-Bewegung eine über 200 Jahre alte, goldene Vergangenheit. Die Occupy-Wall-Street-Leute zehren vom revolutionären Image der Sechziger und wissen ebenso wenig, wie es weitergehen kann. Und die politische Elite?

Wer als Europäer derzeit die parteiinternen Vorwahlen bei den Republikanern sieht, schüttelt den Kopf. Kandidatenduelle, Interviews und Wahlkampfauftritte geraten zu Castingshows mit Schlammschlachten. Unglaubliche Patzer bei Männern, die meinen, binnen eines Jahres das immer noch stärkste Land der Erde führen zu können.

Statt langfristiger Strategien gegen Arbeitslosigkeit und Bil-dungsdefizite sowie für mehr Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit dominieren kurzfristige Taktik und ideologische Grabenkämpfe, bei denen auch die religiöse Keule so geschwungen wird, wie es gerade passt. Dass die Republikaner allgemein religionsfreundlicher seien als die Demokraten, lässt sich nur an ihrer Haltung zu Lebensschutz, Sexualmoral und Familienpolitik festmachen.

Daher reitet mit diesen Tickets nun ihr erster echter katholischer Präsidentschaftskandidat Rick Santorum auf Stimmenfang durch die Lande. So hängt er sich an die Opposition der Bischöfe gegen einen Passus in Obamas Gesetzentwurf zu einer arbeitgebergebundenen Krankenversicherung, in dem es auch um Verhütungsmittel und die sogenannte „Pille danach“ geht. Über kirchliche Aussagen zu wirtschaftlicher und sozialer Gerechtigkeit, gegen die Todesstrafe, für mehr Umweltschutz und Friedensengagement ist bei ihm als auch in den übrigen Debatten wenig zu hören.

Für die US-Amerikaner wird immer schwieriger, das zu leben, was der konfessionell weniger gebundene Obama in seinem täglichen Gebet erbittet: dass „wir so zusammenleben können, dass der Glaube jedes Einzelnen sich mit dem Wohl aller versöhnen kann“.