24.07.2015

Hilfe für Griechenland

"Athen, du Freud' der Welt"

Auch wenn die Gelder Richtung Griechenland wieder fließen - viele Menschen leiden weiterhin Not. Die orthodoxe Kirche versucht zu helfen.

Griechische Rentner vor einer Bank: Zuletzt konnten 480 Euro pro Person in einer Woche abgehoben werden. Foto: kna-bild

Bei glühender Sommerhitze steht Jorgos Sakellaris vor der Pfarrküche von Hagios Lukas für ein warmes Essen an. Waldbrände rund um Athen schicken Glutwellen und Rauchschwaden bis ins Zentrum der Hauptstadt. Vor der Bank gegenüber der Kirche hoffen Menschen, dass ihnen der Geldautomat ein paar Euro ausspuckt: Der Geldumlauf ist fast ausgetrocknet, Tauschhandel breitet sich aus. "Als ich ein Kind war", erinnert sich der unrasierte 46-Jährige, "hieß es in einem Lied: Athen, du Freud' der Welt! Heute ist hier alles Leid versammelt. Ohne unsere orthodoxe Kirche wären wir sogar Hunger und Krankheit schutzlos ausgeliefert."  

Jorgos packt Reis mit Hackfleisch in seinen Plastikbehälter, legt ein paar Tomaten drauf, die ihm eine Pfarrhelferin zuschiebt. "Geht es deiner Mama gut?", fragt sie. Wie viele griechische Männer wohnt er seit dem Scheitern seiner Ehe wieder bei seiner Mutter. Die Tochter wächst mit griechischen Verwandten in Deutschland auf. Seit vier Jahren arbeitslos, muss Jorgos von der Rente der Mutter mitleben. Ihr stehen rund 1.000 Euro im Monat zu, zuletzt wurden aber nur 480 Euro in wöchentlichen Raten ausgeschüttet.  

In Griechenland mit seinen meist verheirateten Popen wirken bis zu einem halben Dutzend Priester an jeder Kirche. Jüngst hat die Zahl etwas abgenommen, da infolge der Sparprogramme auch zahlreiche Klerikerposten gestrichen wurden. Die Geistlichkeit der Orthodoxen Kirche von Griechenland wird vom Staat bezahlt. Das ist eine alte Verpflichtung nach der Enteignung von umfangreichem Kirchenbesitz.  
 

Erste diakonische Handlung der orthodoxen Kirche

Unter türkischer Herrschaft war in den griechisch-orthodoxen Gemeinden des Orients und Balkans das Fürsorgewesen für Bedürftige gut geregelt. Als vor nahezu 200 Jahren Griechenland als eigener Staat entstand, musste sich die orthodoxe Kirche unter dem aus Bayern importierten König Otto I. von Wittelsbach auf kultische Aufgaben beschränken. Das Bildungs- und Sozialwesen übernahmen öffentliche Einrichtungen.

Ihre erste große diakonische Handlung vollzog die griechische Kirche 1922. Damals stiftete sie 98 Prozent ihrer Liegenschaften zur Aufnahme der Bedürftigsten von zwei Millionen aus der Türkei vertriebenen orthodoxen - aber auch evangelischen und griechisch-katholischen - Christen.  

In der Zeit zwischen den Weltkriegen und danach begann Griechenlands Orthodoxie aus ihrer Rolle als staatliche Kultusdienerin auszubrechen. Vorbild wurden die evangelischen Kirchen in Deutschland: Theologen formierten sich zu Reformbruderschaften. 1936 wurde die "Apostolische Diakonie" ins Leben gerufen, "Orthodoxe Akademien" entstanden im Geist des 1945 gegründeten Bad Boll. Auch eine kirchliche Hochschule für Diakonissen "Hagia Barbara" nahm in Athen ihre Tätigkeit auf. Während der griechischen Militärdiktatur von 1967 bis 1974 vollzog sich ein Rückfall ins Staatskirchentum. Diakonisches Engagement wurde zu einer "linken" Angelegenheit.  
 

Nachbarschaftshilfe der Pfarreien funktioniert

Erst mit der großen Finanz- und Sozialkrise seit 2009 besannen sich zunächst einzelne Gemeinden, dann Bistümer und schließlich die Gesamtkirche auf ihre christliche Verantwortung.  

Das kirchliche Verpflegungs- und Medikamentenwesen ist inzwischen gut ausgebaut, im Winter werden warme Kleidung und Heizmaterial verteilt. Doch angesichts der ausufernden Not wirkt das oft nur als Tropfen auf den heißen Stein. Das liegt auch an einer noch immer fehlenden übergreifenden Organisation von Hilfsaktionen.  

Gut funktioniert indes die Nachbarschaftshilfe durch die Pfarreien. Nach ihrem Vorbild sind das Solidaritätswerk "Zusammen Helfen" von Radio Skai oder die betont weltliche Bewegung "Teile deinen Einkauf" mit Sammelboxen in vielen Geschäften entstanden.  

Jorgos kann sich nicht mehr erinnern, wann er und seine Mutter zuletzt Miete zahlen konnten oder beim Arzt waren. Sie nehmen ihre gewohnten Medikamente einfach weiter. Auch hier bekommen sie Nachschub von Pfarrgemeinden, da die Apotheken nichts mehr auf Krankenschein abgeben. Mit seinem Proviantbeutel und einem uralten Rezept stellt sich Jorgos bei dem bärtigen Pfarrer an und erhält das Benötigte.

kna