03.05.2016

Ideologien setzen Mütter unter Druck

Auch mal fünf gerade sein lassen

Bin ich eine gute Mutter? Diese Frage bewegt Frauen – nicht nur am Muttertag. Eine perfekte Antwort gibt es nicht. Aber einen Rat, der gut tut und entschleunigt: Es reicht, genügend gut zu sein, sagt Psychologin Birgit Westermann aus Osnabrück.

 

Kinder aufzuziehen, kostet Energie. Jede Mutter sollte deshalb gute Kraftquellen haben. Foto: R_K_B_by_Lupo_pixelio.de

Gibt es eine Grundvoraussetzung, um eine gute Mutter zu sein?

Eine Mutter sollte Freude an ihren Kindern haben. Klar sind Kinder nicht immer nur nett, sie sind auch laut, nervig, mitunter schwierig, sie fordern Kraft. Um das auszuhalten, braucht man diese positive Grundeinstellung. Ich muss innerlich zustimmen, Vater und Mutter zu sein. Natürlich hat jede Mutter gute Absichten, aber die Freude und die Akzeptanz helfen, Kinder auch genießen zu können.

Die Zeit des Genießens wird für viele Mütter heute immer knapper ...

Das liegt unter anderem an den familienunfreundlichen Arbeitsbedingungen bzw. der Doppelbelastung von Frauen. Umso wichtiger sind gute Beziehungskreise und Netzwerke, die zeitlich und seelisch unterstützen.
Jede Mutter sollte gute Kraftquellen haben, die ihr helfen aufzutanken, denn Kinder aufzuziehen ist etwas, das hohe Energie kostet. Zum Genießen gehört aber auch, mal fünf gerade sein zu lassen und die Ansprüche nicht zu hoch zu schrauben. Wir müssen nicht perfekt sein, es reicht, eine genügend gute Mutter zu sein. Wir sollten Spaß am Leben haben, ohne immer alles optimieren zu wollen.

Nehmen Kinder heute einen zu hohen Stellenwert ein?

Es gibt eine Tendenz, dass Eltern ihre Kinder zum Ideal des eigenen Selbst machen. Das nennt man Narzissmus. Sie ermöglichen ihnen alles und setzen selten Grenzen. Andererseits haben diese Eltern oft auch sehr hohe Erwartungen. Beides erzeugt Stress und macht es den Kindern schwer, gute Erwachsene zu werden.

Setzen Mutter­-Ideologien Frauen unter Druck?

Mutterideologien sind scheußlich, sie nehmen uns die Luft zum Atmen. Ich bin absolut für eine Enttabuisierung dieses total überhöhten Mutter-Ideals, an dem übrigens über den Marienkult auch die katholische Kirche einen hohen Anteil hat. Wenn der Muttertag dazu beiträgt, dass dieses Ideal hochgehalten wird, dann sollte man ihn eher abschaffen. Wir brauchen Normalität.

Wie sollte Frau den Muttertag denn feiern?

Wenn man jüngere Kinder hat, sollte es auf jeden Fall ein Familientag sein. Die vorbereiteten Basteleien und Überraschungen gehören unbedingt dazu. Ich finde auch nichts Falsches daran, dass einmal gewürdigt wird, was Mütter alles leisten, dass Kinder merken, was sie von ihr bekommen und Väter sehen, worauf sie tagtäglich bauen können. Wir sollten den Tag schon pflegen. Übrigens gerechtigkeitshalber und zukunftsorientiert den Vatertag auch etwas größer machen – nicht unbedingt als Trinkgelage unter leidgeprüften Männern, sondern ebenso als Familientag, an dem besonders die Väter gefeiert werden.
Im Anschluss an beide Ereignisse würde ich einen Partnerschaftstag einführen, an dem alle Männer und Frauen, die für ihre Kinder sorgen, sich selbst und gegenseitig schöne Unternehmungen gönnen.

Interview: Astrid Fleute