04.02.2015

Was tun, wenn sich Jugendliche radikalisieren? Weiterbildung für muslimische Seelsorger

Ausgrenzung ist der falsche Weg

Ein bundesweit einmaliges Angebot: An der Uni Osnabrück werden muslimische Seelsorger für die Jugendarbeit in ihren Moscheegemeinden weitergebildet. Dabei lernen sie auch, richtig zu reagieren, wenn Jugendliche sich radikalisieren. Ein Gespräch mit Rauf Ceylan, Professor am Institut für Islamische Theologie.

 

In einem Weiterbildungsprogramm in Osnabrück lernen muslimische Seelsorger mehr über die Lebenswelt junger deutscher Muslime. Foto: Emin Albayrak/Pressestelle Uni Osnabrück

 

Inwieweit sind Seelsorger in den Moscheegemeinden mit der Lebenswirklichkeit junger deutscher Muslime vertraut?

Unter dem Dach der Moscheegemeinden arbeiten, leben und beten mehrere Generationen. Entsprechend unterschiedlich ist das seelsorgerische Personal. Wir haben Muslime, die in Deutschland sozialisiert sind und wissen, wie Jugendliche „ticken“. Sie sind allerdings nicht pädagogisch ausgebildet. Und wir haben viele Engagierte, die weder die Lebenswirklichkeit junger deutscher Muslime kennen noch pädagogische Fachkompetenz haben. Beide Gruppen nutzen unsere Weiterbildung.

Was genau lernen dort Imame und andere Seelsorger?

Unser Angebot kommt genau im richtigen Moment. Die Deutsche Islamkonferenz denkt darüber nach, einen muslimischen Wohlfahrtsverband ähnlich der christlichen Wohlfahrtsverbände aufzubauen. Dafür werden unter anderem viele Sozialpädagogen, Sozialarbeiter, Notfallseelsorger und Gefängnisseelsorger gebraucht. Da haken wir ein: Wie funktioniert ein Wohlfahrtsverband überhaupt? Wie sieht die pädagogische Arbeit der Kirchen aus und was können wir davon übernehmen? Solche Fragen beschäftigen uns.
Zugleich kommt es darauf an, die Moscheestrukturen zu verbessern. Man muss wissen, dass sich Kirchen und Moscheen strukturell, finanziell und personell nicht miteinander vergleichen lassen. Moscheegemeinden sind Vereine, gegründet von ihren Mitgliedern. Sie finanzieren sich über Spenden und Mitgliedsbeiträge. Gut ausgebildetes pädagogisches Personal für Kinder- und Jugendarbeit können sie sich nicht leisten. Allerdings engagieren sich viele Freiwillige – vom Stahlarbeiter bis zum Akademiker – vor allem in Stadtteilen mit Armut, Bildungsarmut und Kriminalität. Bisher leider ohne ausgereifte Konzepte.
 

Religionswissenschaftler Rauf Ceylan
Foto: Pressestelle Uni Osnabrück

Ein Schwerpunkt der Uni-Weiterbildung ist auch Extremismusprävention. Woran merkt man, dass sich Jugendliche radikalisieren und wie kann man gegensteuern?

So ein Wandel geschieht nicht im Geheimen. Er ist sichtbar; zum Beispiel verändern sich die verbalen Ausdrücke. Und das bekommt jeder mit: Eltern, Lehrer, Gemeindemitglieder. Die Frage ist, warum nicht sofort interveniert wird. Wir brauchen Profis, die diese Jugendlichen nicht kriminalisieren, aber trotzdem ein Frühwarnsystem entwickeln, um sofort ins Gespräch zu kommen und gegebenenfalls Sozialpädagogen einzuschalten. In Niedersachsen sind bereits zwei Präventionsstellen fest geplant, in Braunschweig und Hannover. Seelsorger, die wir an der Uni Osnabrück ausbilden, arbeiten mit diesen Stellen zusammen. Eine Ausgrenzung jedenfalls ist der falsche Weg – so wie es manche Moscheegemeinden tun, die jungen Leuten, die sich radikalisieren, Hausverbot erteilen. Man muss ihnen rechtzeitig eine helfende Hand reichen. Bei den Attentätern von Paris hat das niemand getan, obwohl man lange Zeit von ihren radikalen Gedanken wusste. Für mich völlig unverständlich. 

Die Attentate von Islamisten in Paris, wachsende Fremdenfeindlichkeit, Pegida: Wer begleitet junge deutsche Muslime in dieser aufgeheizten Stimmung?
 

Junge Muslime besuchen Altenheimbewohner: Der Verein Muslimische
Jugendcommunity Osnabrücker Land (MUJOS) bietet muslimischen
Jugendlichen die Gelegenheit, sich ehrenamtlich sozial für die Gesellschaft
einzusetzen. Foto: privat

Das ist ganz schwierig. Die jungen Muslime werden ständig mit den Ereignissen konfrontiert und stehen unter einem Rechtfertigungsdruck. Die Fragen, die an sie herangetragen werden, überfordern sie aber. Plötzlich sollen sie sich zu Syrien, Paris und anderen Konflikten äußern, die sie überhaupt nicht durchschauen. Wenn dann auch noch der Klassenlehrer die muslimischen Schüler als Botschafter der islamischen Welt wahrnimmt, ist das eine große Last, da entstehen Ängste. Eine wichtige Diskussionsplattform ist derzeit das Internet. Wir merken, dass sich viele Jugendliche informieren, wer im Namen des Islam spricht – auch auf unserer Uni-Facebookseite. Viele lesen unsere Beiträge, fragen, schreiben Kommentare. Darüber hinaus brauchen wir aber auch in den Moscheegemeinden mehr kompetente Leute, die mit den Jugendlichen diskutieren.

Wer sich wie Sie als Islamexperte öffentlich und qualifiziert zu Wort meldet, wird auch angefeindet. Dagegen hat die Uni Osnabrück jetzt öffentlich protestiert. Wie gehen Sie mit verbalen Angriffen um?

Die Kommentare zu meinen Interviews lese ich ohnehin nicht. Wer sich aber zu muslimischem Extremismus äußert, bekommt „Fanpost“ auch per E-Mail, sehr beleidigend, sowohl aus der extremistischen muslimischen Ecke als auch von Pegida-Anhängern. Diese Randgruppen wollen Angst machen, Druck ausüben und am liebsten einen Maulkorb verpassen. Das muss man ertragen. Ich bin aber dankbar, dass sich die Universitätsleitung hinter uns stellt, und es tut gut, dass auch die Kollegen aus der katholischen und evangelischen Theologie Rückhalt und Unterstützung geben und motivieren.

Interview: Anja Sabel

 

 

 

Weiterbildung

„Jugendarbeit in Moscheegemeinden und Extremismusprävention“ – so heißt ein neues Weiterbildungsprogramm an der Universität Osnabrück. Es richtet sich an Imame und seelsorgerisches Personal in Moscheegemeinden. Das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur unterstützt dieses Angebot zunächst mit 100 000 Euro. Die einjährige Fortbildung vermittelt Infos über Geschichte, Politik, Recht und Gesellschaft der Bundesrepublik; außerdem pädagogische Kenntnisse für die Jugend- und Gemeindearbeit sowie den interreligiösen Dialog.

 

Protest gegen Anfeindungen

Die Universität Osnabrück protestiert gegen die zunehmenden Anfeindungen der muslimischen Dozenten und Mitarbeiter des Instituts für Islamische Theologie. Im Zusammenhang mit den Attentaten in Paris und den „Pegida“-Demonstrationen seien die Experten immer wieder gefordert, öffentlich Stellung zu nehmen, sagt Präsident Wolfgang Lücke. Das veranlasse einige Bürger mangels Argumenten zu „wüsten Beschimpfungen, Beleidigungen bis hin zu Drohungen“ gegen die muslimischen Kollegen. Dieses Vorgehen bedrohe die Freiheit der Wissenschaft und sei nicht hinnehmbar. Die islamfeindlichen Bewegungen der vergangenen Wochen seien Sinnbild einer menschenverachtenden und wissenschaftsfeindlichen Einstellung, betont der Präsident. Dem stelle sich die Universität als „Stätte der Toleranz und des friedlichen Miteinanders sowie als Ort des freien Denkens, Forschens, Lehrens und Lernens entschieden entgegen“. Das Institut für Islamische Theologie mit sieben Professoren und mehr als 20 wissenschaftlichen Mitarbeitern vermittle islamische Theologie an künftige Imame, Seelsorger und Religionslehrer.