29.07.2014

Schüler lernen mit einer Simulatorpuppe

Babytraining für Teenager

Babys sind süß – ohne Frage. Dass zum Großziehen eines Kindes aber mehr gehört als nur knuddeln, können sich viele Jugendliche noch nicht richtig vorstellen. Im Projekt „Eltern auf Probe“ erfahren sie, was es heißt, rund um die Uhr die Verantwortung für einen Säugling zu tragen.

 

„Jetzt weiß ich erst, dass ein Baby wirklich viel Arbeit macht“, betonen auch die Jungen. Foto: Martha Klawitter

„Ich wollte immer vier Kinder, eines davon adoptiert“, erzählt die 16-jährige Anna Ninatschi so schnell, dass man es glatt überhören könnte. Zeit für lange Gespräche bleibt ihr nicht, denn Zoe-Jamy, wie sie ihr „Baby“ genannt hat, fängt plötzlich an zu weinen. „Vielleicht hat er Hunger“, hört man es durch den Raum flüstern, „oder du musst wieder die Windel wechseln!“

Anna besucht die Ludwig-Windthorst-Schule in Hannover. Gemeinsam mit ihren Mitschülern testet sie eine Woche lang, wie es ist, ein eigenes Kind zu haben. Seit sechs Jahren bietet die Haupt- und Realschule aus Hannover dieses aus den USA stammende Projekt an. In Amerika hat es sich bewährt bei der Prävention von Teenager-Schwangerschaften und soll der Kindervernachlässigung vorbeugen. Dank der Babysimulatoren, die mit einer empfindlichen Computertechnik ausgestattet sind, lernen Jugendlichen, was es heißt, ein eigenes Kind zu haben.

Die Puppe fühlt sich fast wie ein echtes Baby an. 3500 Gramm schwer und 53 Zentimeter groß sind die „Real Care“-Babys aus Amerika. „Die Haut ist nicht wie bei ‚Baby born‘-Puppen, die ist wie echt“, sagt die 16-jährige Aylin Lehmann, während sie ihrem Baby sanft über die Ärmchen streichelt. Das hat auch seinen Grund: Die „Babys“ sind so gemacht, dass sie auf falsche Lage, fehlende Kopfunterstützung sowie grobe Behandlung reagieren. Ein Babysitter wäre zwecklos, denn das nicht abnehmbare Armband sorgt dafür, dass die „Babys“ ihr Elternteil erkennen und folglich auch nur dann zufrieden glucksen, wenn sie von „Mama“ oder „Papa“ gefüttert werden.

„Ein Kind erziehen – was ist denn schon dabei?“

„Ich schaue mir ab und zu gerne Serien über Teenie-Mütter im Fernsehen an“, gesteht die 16-jährige Alexandra Prieß in der Klassenrunde. Zunächst schmunzeln alle, dann wird es ruhig. Alle haben diese Serien schon einmal gesehen. Vor drei Tagen noch dachten die meisten, sie würden es besser hinkriegen als „die im Fernsehen“. Ein Kind erziehen – was ist denn schon dabei? Weniger Schlaf – das kommt an Wochenenden auch schon mal vor. „Jetzt weiß ich erst, dass ein Baby wirklich viel Arbeit macht“, sagt der 15-jährige Felix Möller.

Ein Baby haben. Das stellen sich viele sehr romantisch vor, doch „wenn ein Kind da ist, geht die Freizeit flöten“. Alexandra hat nun selbst erfahren, wie viel Aufmerksamkeit ein Baby benötigt. Mit der Familienplanung lässt sie sich daher noch etwas Zeit. Ein eigenes Baby ist eben doch etwas anderes als die kleine Cousine oder der Cousin. Denn um kleine Familienmitglieder kümmern sich hier alle gern, aber eben nur ab und zu.

Abschrecken vor der Familiengründung soll das Projekt jedoch nicht. „Kinder zu bekommen, ist sehr schön“, sagt die Schulsozialpädagogin Klaudia Oroshi, die „Eltern auf Probe“ zusammen mit Religionslehrerin Katja Nolte leitet. „So eine Entscheidung sollte aber trotz allem gut überlegt sein. Das möchten wir unsere Schüler in dieser Projektwoche spüren lassen“, sagt sie. Der normale Unterricht wird während des Projekts durch sechs Unterrichtsstunden ergänzt. Referenten der Familienbildungsstätte zeigen den „Eltern“, wie man ein Baby pflegt und erklären, worauf man beim Kauf von Windeln oder Babynahrung achten muss. „Die Jugendlichen geben sich die allergrößte Mühe“, betont Nolte und ergänzt: „Schön ist auch das neu gewonnene Selbstbewusstsein, das sie am Ende des Projekts ausstrahlen.“

Stolz sind aber nicht nur die Lehrer. Die „Eltern“ selbst staunen nicht schlecht, wenn es bei der täglichen Auswertung heißt: „Prima gemacht, dein ‚Baby‘ hat von 20 Stunden nur eine geweint.“ Das zaubert selbst nach einer schlaflosen Nacht ein Lächeln ins Gesicht. „Das Projekt hat sich gelohnt“, finden Katja Nolte und Klaudia Oroshi. Ein Blick auf die Fragebögen, die die Jugendlichen vor und nach ihrer „Elternschaft“ ausfüllen durften, verrät: Kinder sind süß – ohne Frage. Zeit lassen für die eigene Familienplanung wollen sich nun aber alle noch. Ein kleiner Cousin muss also erst einmal reichen.

Martha Klawitter