10.06.2015

Studientag bildet Einstieg in das bistumsweite „Jahr des Aufatmens"

Bibeltexte gegen Atemlosigkeit

Das Buch Exodus ist eine Steilvorlage für Gespräche und Veranstaltungen im „Jahr des Aufatmens“. Warum? Weil sich die alten Bibeltexte auch auf unseren Alltag beziehen: was es heißt, nicht atemlos, sondern sinnerfüllt zu leben und zu arbeiten.

 

Was hat das Buch Exodus mit unserem Leben zu tun? In kleinen Gruppen tauschen sich die Teilnehmer des Studientages in Haus Ohrbeck über Bibelstellen aus und stimmen sich so auf das „Jahr des Aufatmens“ ein. Fotos: Anja Sabel

Das Volk Israel, befreit nach langer Gefangenschaft, zieht durch die Wüste, es hat einen weiten anstrengenden Weg vor sich. Schon nach kurzer Zeit murren die ersten und sehnen sich nach den „Fleischtöpfen“ Ägyptens zurück. Freiheit will eben gelernt sein. Aber Gott lässt sein Volk nicht hungern, schickt täglich Manna, das „Himmelsbrot“. Es muss vor den Zelten nur noch eingesammelt werden. Am sechsten Wochentag gibt es die doppelte Menge, denn am Sabbat, dem Feiertag, soll keine Arbeit verrichtet werden.

Andrea Schwarz, Autorin und pastorale Mitarbeiterin im Bistum Osnabrück, führt mit eigenen Worten in die Geschichte aus dem Buch Exodus ein. Sie hebt die Stimme, senkt sie, erhöht die Spannung und zieht ihre Zuhörer somit in das Geschehen hinein. Sie lässt sie in biblische Rollen schlüpfen: „Was denkst du, Israelitin, wenn du am Sabbat kein Brot vor dem Zelt findest?“ Etwas schräg klingt schließlich die Frage, wie sich wohl ein Brotkorb fühlt, der am Ruhetag ungenutzt herumsteht. Doch die Studientagsteilnehmer in Haus Ohrbeck machen mit: „Endlich kann ich entspannen, ich werde sonst immer so vollgepackt, dass meine Henkel fast reißen“, antwortet jemand. Ein anderer: „Niemand braucht mich, mir ist langweilig.“

Bibliolog nennt sich diese spannende Art, biblische Texte zu entdecken. Sie geht davon aus, dass jeder etwas zu diesen alten Texten zu sagen hat, weil die Bibel etwas mit unserem Leben zu tun hat. So ist die Erkenntnis des Brotkorbes nicht unwichtig: zur Ruhe kommen, mal frei haben und diese Freiheit sinnvoll gestalten – Diese Idee findet sich zum Beispiel im christlichen Einsatz für den freien Sonntag wieder. Und sie passt gut zum bistumsweiten „Jahr des Aufatmens“ (siehe „Hintergrund“), auf das sich jetzt Priester, Diakone, Gemeinde- und Pastoralreferenten bei einem Studientag in Haus Ohrbeck bei Osnabrück eingestimmt haben. Bibeltexte aus dem Exodus-Buch bilden die Grundlage dieses Innehaltens, denn sie beschreiben das Ziel: dass wir und alle, mit denen wir zu tun haben, nicht atemlos, sondern sinnerfüllt leben und arbeiten. Sie machen zudem deutlich, was es heißt, sich auf Gott einzulassen und ein Leben in Gottes Freiheit zu gestalten.

Zwölf Texte aus Buch Exodus als Leitfaden

Was hält uns in Atem? Das Buch Exodus gibt viele
Anregungen. Referentin Uta Zwingenberger stellt
passende Literatur vor.

Der Studientag gibt einen Überblick über Inhalt und Theologie des Exodus-Buches, widmet sich zentralen Texten und sperrigen Passagen, verrät, wie man Zugang dazu findet: durch Bibelteilen, „Bible walk“ (Bibeltext „auslegen“) oder eben Bibliolog. Uta Zwingenberger, Diözesanbeauftragte für biblische Bildung, hat mit einem Vorbereitungsteam zwölf Bibeltexte ausgewählt, über die in den Kirchengemeinden von September 2015 bis September 2016 diskutiert werden kann.

In einer beschleunigten Gesellschaft brauche jeder Mensch Resonanzerfahrungen, die in die Tiefe gingen, zitiert Seelsorgeamtsleiterin Daniela Engelhard den Soziologen Hartmut Rosa. Solche Momente können Spaziergänge, Musik, Gartenarbeit oder ein gutes Buch sein, sie schützen uns in einer atemlosen Welt vor Erschöpfung. Auch in der Bibel, sagt Engelhard, „begegnen wir der Sehnsucht der Menschen nach Resonanzerfahrungen“.

Anfangs war vom „Jahr des Innehaltens“ die Rede. Doch diese Idee war schnell vom Tisch. „Es geht nicht nur darum, ,Stopp‘ zu sagen und sich auf private Wellness zu besinnen“, erklärt Uta Zwingenberger. „Die Gemeinden sind eingeladen zu reflektieren, was sie aufatmen lässt, was sie in Atem hält – was sie ausmacht.“

Das Buch Exodus ist eine Steilvorlage. In diesen Texten finden wir uns wieder, sie haben auch mit unserem Alltag zu tun. Die Kampfansage des Pharao an die Israeliten, Gott, der sein Volk rettet – Geschichten von Macht und Unterdrückung, vom Fremdsein in einem Land, Geschichten eines Konflikts um Leben und Tod. Was heißt das heute? Wie gehen wir mit Leben und Tod um? Wo erfahren wir, dass Gott uns rettet? Uta Zwingenberger ist sich sicher: „Mit Exodus sind wir für das ,Jahr des Aufatmens‘ bestens gerüstet.“

Anja Sabel

 

 

Hintergrund

Auf Initiative von Bischof Franz-Josef Bode und des Gemeinsamen Rates sind alle Gemeinden, Verbände und Einrichtungen im Bistum, aber auch jeder Einzelne eingeladen, beim „Jahr des Aufatmens“ mitzumachen – in welcher Weise, bestimmen sie selbst. Das Zukunftsgespräch wird ein geistlicher Weg sein, geprägt von Formen des Dialogs, von Gebet und vom Lesen der Bibel. Das Buch Exodus, dem auch der Titel des Zukunftsgesprächs entnommen ist, ist biblischer Impulsgeber für diesen Weg.

– Den diözesanen Auftakt und Abschluss bilden zwei Versammlungen vom 25. bis 26. September 2015 im Lingener Ludwig-Windthorst-Haus und am ersten Septemberwochenende 2016 in Haus Ohrbeck.

– Die Glaubenswoche der Jugend im November greift das Thema unter der Überschrift „Denkpause“ auf. Material dazu kann angefordert werden bei Susanne Giersig, Telefon 05 41/31 82 39; E-Mail: s.giersig@bistum-os.de

– Ein Studientag zum Thema „Unterscheiden und entscheiden“ findet am Donnerstag, 9. Juli, in Haus Ohrbeck statt. Infos bei Karin Illgen, Telefon 05 41/31 82 24.

– Am 9. März 2016 feiert Bischof Franz-Josef Bode um 19 Uhr einen Vigil-Gottesdienst im Dom, in dem weite Teile des Buches Exodus vorgetragen und liturgisch gestaltet werden. Eine Gottesdienstvorlage für Feiern an anderen Orten ist ab März 2016 in Haus Ohrbeck erhältlich.

Weitere Informationen: www.zu-atem-kommen.de