19.11.2014

Wertvoller Codex Gisle in Osnabrück zu sehen

Blättern im Faksimile

Um das Jahr 1300 herum leben sechs Ordensfrauen im Zisterzienserinnenkloster Rulle bei Osnabrück. In dieser Zeit entsteht dort ein geistliches Buch, der Codex Gisle. Das Buch ist heute unbezahlbar, obwohl das Kloster damals recht arm gewesen sein dürfte. Eine Ausstellung im Diözesanmuseum zeigt das wertvolle Stück.

 

Blick ins Original: Unter der Darstellung der Geburt Christi sind die sechs
Ordensfrauen abgebildet. „Gisle", die Stifterin des Codex, ist namentlich
gekennzeichnet. Foto: Hartwig Wachsmann/Bistumsarchiv

Der Codex enthält 53 Initiale und ist damit so reichlich bebildert wie kaum ein anderes vergleichbares Buch. Die Schwestern stellten den Codex aber nicht in den Bücherschrank, sondern nutzten ihn täglich für die Feier der Messe. Aufgeschrieben sind sämtliche Texte, die die Schwestern damals in der Liturgie beteten. Der Codex Gisle ist deshalb nicht einfach ein Buch, das schön aussieht. Wenn es gezeigt wird, dann steht auch immer sein Gebrauch im Mittelpunkt.

Jeden Sonntagabend wird im Osnabrücker Dom die Vesper gebetet, je nach Anlass im Kirchenjahr mal mehr, mal weniger feierlich. An diesem Sonntag (23. November) wird zur Eröffnung der Ausstellung aus dem Codex gesungen. Dabei wird allerdings nicht das Buch selbst benutzt – anders als im 14. Jahrhundert. Denn dann würde der Codex unweigerlich beschädigt. Geblättert wird im Gottesdienst ebenso wie in der anschließenden Ausstellung ausschließlich in einem Faksimile (siehe „Zur Sache“), das der Quaternio Verlag Luzern in den zurückliegenden Monaten hergestellt hat. Knapp 9000 Euro kostet ein Faksimile des Codex Gisle in den ersten Wochen, die Auflage liegt bei etwa 500.

Drei Wunder machen Rulle zum Wallfahrtsort

Unter welchen Umständen der Codex Anfang des 14. Jahrhunderts für das Kloster „Marienbrunn“ entstanden ist, lässt sich heute nicht genau sagen. Erstaunlich ist aber, dass er so reichhaltig ausgestattet ist, obwohl das Kloster sehr arm gewesen sein muss. Als 1344 die Schwesternkirche eingeweiht wird, ist nicht einmal Geld für einen Dachreiter da. Den finanzieren die Schwestern mit Geld des örtlichen Seelsorgers, das sie in den nächsten Jahren abstottern. Größere Bedeutung erhält das Kloster erst, nachdem sich rund um das Gebäude drei Wunder ereignen und Rulle so zum Wallfahrtsort wird. Mit den Pilgern kommt dann auch Geld in die Kasse.

Die Ausstellung, die ab dem 25. November im Osnabrücker Diözesanmuseum zu sehen ist, widmet sich gleich mehreren Aspekten. Da ist zum einen die Geschichte des Klosters, das 1802 im Zuge der Säkularisierung aufgehoben wurde. Zum anderen werden Gesänge aus dem Codex zu hören sein, die die Choralschola des Osnabrücker Jugendchores aufgenommen hat. Schließlich wird gezeigt, wie im Mittelalter Bücher produziert wurden: mit den Arbeitstechniken eines Skriptoriums sowie der Herstellung von Pigmenten und Farben. Natürlich ist auch zu sehen, wie überhaupt ein Faksimile entsteht. Und in diesem Faksimile darf dann auch ausdrücklich geblättert werden. Der Codex selbst, das Herzstück der Ausstellung, wird nur hinter Glas zu sehen sein. Die Organisatoren versprechen aber, regelmäßig andere Seiten zu zeigen – je nach Verlauf des Kirchenjahres.

Vortragsreihe und viele Angebote für Kinder

Ein mehrmaliger Besuch der Ausstellung könnte sich also lohnen – und wäre mit der Jahreskarte für Erwachsene auch finanzierbar. Kinder und Jugendliche haben ohnehin freien Eintritt ins Diözesanmuseum. Die Ausstellungsmacher rechnen mit reichlich Zulauf, denn der Codex Gisle war in den 1960er-Jahren in Osnabrück zum letzten Mal richtig zu sehen. Lediglich 2001 wurde er für einen Tag hervorgeholt.

Begleitend zur Ausstellung gibt es museumspädagogische Angebote für Kinder sowie eine Vortragsreihe, die am 13. Januar beginnt. Dann spricht Museumsdirektor Hermann Queckenstedt über „Jungfrauen, die ihr Leben Gott geweiht hatten“. Führungen sind nach Vereinbarung möglich.
Es gibt Fragen zum Codex, die nicht eindeutig zu beantworten sind, aber die Fakten zeigen in eine Richtung. So ist nicht sicher belegt, dass das Buch auch wirklich in Rulle entstand, allerdings ist dort auf jeden Fall ein Skriptorium gewesen. So ist auch unklar, wie viele Hände wirklich an dem Buch gearbeitet haben – man geht von mindestens drei Schwestern aus, eine dürfte Gisela gewesen sein.

Auch eine weitere Frage ist noch offen: Stammt das Pergament vom Schaf oder von der Ziege? Schaf ist wahrscheinlicher, weil die Tiere größer sind und ihre Haut deshalb besser verwendet werden kann. Wenn das stimmt, dürfte die Haut von etwa 40 Tieren verwendet worden sein.

Matthias Petersen

Ausstellungseröffnung mit einem liturgischen Impuls am Sonntag, 23. November, 17 Uhr, im Dom, mit Bischof Franz-Josef Bode, der Benediktinerin Eva-Maria Kreimeyer sowie der Choralschola des Diözesanmuseums Osnabrück. Öffnungszeiten (ab 25. November): Dienstag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr. Mehr Infos hier

Zur Einstimmung auf die Ausstellung wird der Buchbinder Hans-Jörg Steinbrenner aus Österreich am Samstag, 22. November, seine Handwerkskunst von 10 bis 15 Uhr im Forum am Dom demonstrieren und den Besuchern erläutern, wie er die einzelnen Papierbögen zu einem eindrucksvollen, ganz am Original orientierten Faksimile zusammenbindet. Der Eintritt ist frei.

 

 

Zur Sache

Wenn ein Blatt Papier kopiert wird, entsteht auf der Kopie das gleiche Bild oder der gleiche Schriftzug. Ein Faksimile ist aber nicht einfach eine Kopie. Es stellt möglichst nahe das Original nach, also im Fall des Codex Gisle auch den Einband sowie den Zustand der Erhaltung. Sind Löcher in einem Pergament des Originals, finden sich diese auch im Faksimile. Wurde im Original Gold auf die Seite aufgetragen, passiert das auch im Faksimile. Ein solches Produkt heute herzustellen, braucht ebenso viel künstlerisches und handwerkliches Können wie im Mittelalter.
www.quaternio.ch