02.05.2012

Wanderausstellung über „Blocklandmorde" 1945

Bremer vergibt Mördern seiner Familie

In einer aus den Fugen geratenen Welt unmittelbar nach dem Krieg ragt ein Ereignis heraus, über das alteingesessene Bremer noch heute sprechen: die „Blocklandmorde“. Zwölf Menschen sterben. Doch ausgerechnet der einzige Überlebende kann den Tätern, ehemaligen polnischen Zwangsarbeitern, vergeben. 

 

Wilhelm Hamelmann mit seiner Frau Margarete und den drei Töchtern Ruth, Martha und Lieschen vor 1945. Als die Familie ermordet wurde, waren die Töchter 17, 15 und 13 Jahre alt, der Sohn, Willi, neun Jahre alt.

 

Die Tragödie nimmt am Abend vor dem Buß- und Bettag 1945 ihren Lauf. Es ist der letzte Abend, den Wilhelm Hamelmann mit seiner Frau und den vier Kindern verbringt. Auf dem Hof Kapelle im damals ländlichen Blockland leben drei Generationen der Familien Flothmeier und Hamelmann mit Knecht und Hausgehilfin. In der Nacht überfallen mehrere Männer die Hofgemeinschaft. Sie plündern das Haus und richten fast alle Bewohner mit aufgesetzten Kopfschüssen hin. Nur einer überlebt das kaltblütige Massaker, weil er sich tot stellt: Wilhelm Hamelmann. Schwerverletzt kann sich der 43-Jährige auf einem Kinderfahrrad zu den Nachbarn schleppen.

Die mutmaßlichen Täter sind schnell gefasst: junge Polen, die zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt worden waren, kurz nach Kriegsende sogenannte „Displaced Persons“ – befreit, aber ausgegrenzt. Der Bremer Senat spricht empört vom „Polenterror“. Und das amerikanische Militärgericht setzt auf Vergeltung mit harter Hand. Vier der Männer werden zum Tod verurteilt, die anderen zu lebenslanger Haft.

Geschehenes lässt sich nicht ungeschehen machen. Aber lässt sich alles, was geschehen ist, vergeben? Ausgerechnet der einzige Überlebende des Raubüberfalls zeigt Mitgefühl für die Täter. Hamelmann ist tiefgläubiger Christ, Antifaschist mit Kontakten zu Sozialdemokraten und Kommunisten und Vorsitzender des Arbeiterhilfswerkes in Walle. Er weiß, welches Unrecht auch den Zwangsarbeitern geschehen ist. Einige von ihnen hat er in den letzten Kriegsmonaten illegal unterstützt.

„Versöhnung? Das kann nur ein Spinner sein!“ 

Der Glaube hilft ihm, über sich hinauszuwachsen. Bereits bei der Beerdigung lässt der Schwerverletzte einen Text verlesen, der für viele Menschen unglaublich klingt: „Unser Haus war stets ein Haus der Liebe, wo die Niedrigen geachtet wurden und den Ärmsten Hilfe zuteil ward. Das soll auch weiterhin in meinem Leben Leitstern sein ... Lasst uns unsere Herzen einstellen auf die Melodie der Liebe.“
 

Wilhelm Hamelmann bei seiner Zeugenaussage vor
Gericht.

Für den Bremer Journalisten Helmut Dachale steht Hamelmann exemplarisch für einen Weg, aus der Spirale der Gewalt auszusteigen. Ein außergewöhnlicher Mensch, der allerdings auch angefeindet worden sei. „Jemand, dessen Frau, Kinder und Eltern ermordet wurden, streckt die Hand zur Versöhnung aus. So jemand konnte in den Augen der Leute nur ein Spinner sein“, sagt Dachale. „Es ist schwierig, zu vergeben – und genauso schwierig, diese Vergebung zu vermitteln.“

Die Geschichte von Verbrechen, Vergeltung und Vergebung beschäftigt den Journalisten seit vielen Jahren. Beginnt sie im November 1945 – mit dem Überfall auf den Hof Kapelle im Bremer Blockland? Oder vielmehr sechs Jahre zuvor – mit dem Überfall deutscher Truppen auf den polnischen Staat? Diese Fragen haben Dachale nicht losgelassen. Er hat in Archiven recherchiert, Zeitzeugen befragt – auch Hamelmanns zweite Familie – und die Ergebnisse zu einer Wanderausstellung zusammenzutragen.

Aus heutiger Sicht wird deutlich: Was Wilhelm Hamelmann im Alleingang praktiziert hat, war beispielhaft. Der Versöhnungswille fand mit dem Kniefall Willy Brandts in Warschau 1970 seine politische Entsprechung. Ohne Versöhnung gibt es keinen Ausbruch aus dem Teufelskreis von Hass und Gewalt. Und: „Ohne Versöhnung keine Zukunft“, wie es der südafrikanische Erzbischof und Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu formulierte.

Gnadengesuche für die Inhaftierten

1967 erfährt Hamelmann, dass drei der Täter noch immer im Zuchthaus Hamburg-Fuhlsbüttel sitzen. Er schreibt Gnadengesuche und teilt ihnen mit, dass er „durch die Kraft Gottes ihnen vergeben und alle Schuld vergessen konnte“ („Weser-Kurier“ vom 10. April 1967). Zwei der ehemaligen Zwangsarbeiter – der dritte verweigert den Kontakt – holt er nach der Haftentlassung mit dem Auto ab und bringt sie zunächst nach Wildeshausen, wo er ein Altenpflegeheim eröffnet hat. Doch lange können die Männer, die auch nicht nach Polen ausreisen dürfen, nicht bleiben. Hamelmann erhält Drohbriefe und -anrufe. Eine brenzlige Situation. Daraufhin bringt Hamelmann sie an einem geheimen Ort unter. Wo das war, hat er bis zu seinem Tod im Jahr 1979 nicht verraten.

Anja Todt/Fotos: privat
 

Kontakt für Interessenten an der Wanderausstellung: Kulturhaus Walle, Achim Saur, Telefon 04 21/3 88 70 74 oder 3 96 21 01.