30.08.2013

Nach dem Giftgaseinsatz in Syrien

Christen warnen vor Militärschlag

Christliche Geistliche und deutsche Hilfsorganisationen haben vor einem westlichen Militärschlag gegen Syrien gewarnt.

Die Generalsekretärin von Pax Christi, Christine Hoffmann, äußerte am Donnerstag in Berlin die Befürchtung, dass dies die Situation in dem Bürgerkriegsland weiter verschlimmern werde. Eine politische Lösung müsse absoluten Vorrang haben. Pax Christi forderte von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ein klares Bekenntnis gegen einen Militärschlag. Die Kanzlerin müsse sich auch entsprechend bei den Nato-Partnern dafür einsetzen.

Caritas international sieht bei einem Militärschlag die humanitäre Hilfe in Syrien gefährdet. Unterstützung der Zivilisten sei schon jetzt gefährlich; ein internationaler Konflikt mit Luft- und Raketenangriffen aber mache jede Risikoanalyse unmöglich, erklärte das katholische Katastrophenhilfswerk in Freiburg.

Der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Fouad Twal, mahnt in der Krise zur Klugheit. Die Verantwortlichen dürften den menschlichen Aspekt und die Stabilität in der Nahost-Region bei ihren Entscheidungen nicht aus den Augen verlieren, warnte das Oberhaupt der römischen Katholiken im Heiligen Land in Jerusalem.

Die Auswirkungen eines solchen Krieges für Syrien wie für seine Nachbarländer müssten mitbedacht werden. Ein solcher Angriff enthalte das Risiko einer Eskalation im ganzen Nahen Osten, betonte Twal in einem über Radio Vatikanverbreiteten Appell. Ganz sicher würde ein Angriff die Zahl der bislang 100.000 Toten deutlich erhöhen. Er erlebe das Leid dieser Menschen direkt durch die vielen syrischen Flüchtlinge, die in die Diözesen seiner Kirche in Jordanien gekommen seien. Ein Militäreinsatz wäre nach Meinung Twals höchst fragwürdig; die UN-Experten hätten noch keine Angaben zur Art des Giftgas-Einsatzes und zu dessen Urheberschaft gemacht. Die gegenwärtige Entwicklung erinnere an die Kriegsvorbereitungen im Irak 2003, so Twal. Er forderte ein Abwarten der Untersuchungsergebnisse der UNO zum mutmaßlichen Chemiewaffengebrauch in Syrien.

Die «Komödie der Massenvernichtungswaffen im Irak», die de facto nicht existierten, dürfe sich nicht wiederholen, betonte der Patriarch und verwies auf die heute sehr kritische Situation im Irak. Der Westen sei von Präsident Baschar al-Assad nicht angegriffen worden; es stelle sich somit die Frage nach der Legitimität eines Angriffs. Twal: «Wer hat sie zu Polizisten der Demokratie im Nahen Osten ernannt?»

Jürgen Grässlin von der «Deutschen Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen» (DFG-VK) verlangte ein Waffenembargo gegen alle Konfliktparteien. Er übte scharfe Kritik an der deutschen Rüstungsexportpolitik und forderte ein sofortiges Verbot von Waffentransfers in die Golfregion und an «alle Repressionsstaaten des Arabischen Frühlings».

Der katholische Moraltheologe Eberhard Schockenhoff hält einen Militärschlag dann für ethisch gerechtfertigt, wenn eindeutig nachgewiesen ist, dass die syrische Regierung Giftgas eingesetzt hat. «Die internationale Völkergemeinschaft hat auch eine Verpflichtung, Menschen, die das Opfer ihrer eigenen Regierung werden, zu schützen», sagte der Vizevorsitzende des Deutschen Ethikrates auf DeutschlandRadio Kultur. Es dürfe in Syrien nicht um einen Vergeltungsschlag in der Logik des «Auge um Auge, Zahn um Zahn» gehen, sondern «darum, deutlich zu machen, dass mit dem Einsatz von Giftgas ein grober völkerrechtlicher Verstoß vorliegt».

Der Generalbischof der koptisch-orthodoxen Kirche in Deutschland, Anba Damian, sagte, mehr Christen aus dem Nahen Osten wären ein Segen für Deutschland. Der Bischof rief die Bundesrepublik auf, noch mehr Christen aus Syrien und Ägypten aufzunehmen. Einen möglichen Militärschlag der USA und Großbritanniens wertete Damian als «kriminell». Damit werde man den Islamisten in die Hände spielen.

Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte und der Vertreter der Assyrischen Kirche des Ostens, Emanuel Youkhana, betonten, eine Flucht von Christen aus Syrien würde die Situation verschlechtern. «Wenn wir an der Zukunft des Landes mitwirken wollen, müssen wir bleiben und aktiv werden», so der Geistliche.

kna