05.12.2016

Anfrage

Das "Ave Maria" und die Sprache

Ich habe eine Frage zum Gebet des „Ave Maria“: Ist es richtiger, wenn man betet „Du bist gebenedeit unter den Frauen“ oder „Du bist gebenedeit unter den Menschen“? Karl Heinz Weyermann, Kreuzau-Stockheim

Für das „Ave Maria“ kann man ihre Frage sehr kurz beantworten. Das Gebet ist ein Zitat aus dem Lukas-evangelium (1,42). Dort preist Elisabet ihre Cousine Maria wegen des Kindes, das Maria im Leib trägt. Das Gebet geht weiter: „... und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.“

Naturgemäß sind nur Frauen schwanger und daher ist die Übersetzung des griechischen Wortes mit „unter den Frauen“ auch heute noch gültig. Mir ist auch nicht bekannt, dass irgendjemand – auch nicht die überzeugtesten Vertreterinnen oder Vertreter einer „geschlechtergerechten Sprache“ – diese Übersetzung jemals angezweifelt hat.

Gleichwohl berührt Ihre Frage einen höchst umstrittenen Aspekt der modernen Sprache: Wie sollen alte Texte übersetzt werden? Sollen alte Liedtexte verändert werden, um Männer und Frauen gleichermaßen anzusprechen? Oder ist es weiterhin normal, dass Frauen unter dem Wort „Brüder“ „mitgemeint“ sind?

Auch in der Kirche sind Übersetzer inzwischen der Meinung, dass Sprache „geschlechtergerecht“ sein sollte. Deshalb ist beispielsweise das Lied „Lasst uns loben, Brüder, loben“ im neuen Gotteslob (Nr. 489) umgetextet worden in „Lasst uns loben, freudig loben“. Oder die Strophe „Er lasse uns wie Brüder sein ...“ (GL 487) in „Er lasse uns Geschwister sein“. 

Ebenso übersetzt die neue „Einheitsübersetzung“ die paulinischen „Brüder“ an Stellen, wo eindeutig die gesamte Gemeinde gemeint ist, mit „Brüder und Schwestern“ (etwa: Philipperbrief 4,1; Hebräerbrief 13,22).

Diese angepassten Texte werden natürlich nur dort eingesetzt, wo es inhaltlich sinnvoll ist. Und bei Maria, der gepriesenen Schwangeren, wäre es sinnlos. Deshalb ist sie weiter „gebenedeit unter den Frauen“.

Von Susanne Haverkamp