01.07.2012

Menschen mit Behinderungen machen besonderes Konzert

Das Leben rockt in Lingen

Haben Sie am 10. Juli schon was vor? Falls nicht, lohnt sich ein Besuch im Lingener Jugendzentrum. Denn ab 19 Uhr rocken dort drei Bands, was das Zeug hält. An Gitarre, Bass und Mikrophon stehen Menschen mit Behinderungen.

Wie zum Beispiel Kai Rolfes und Andrea Puhl. Sie singen für die Gruppe „Shit Happens“ (Foto), die sich im vergangenen Jahr im Lingener Christophorus-Werk gegründet hat. Zehn Männer und Frauen zwischen 17 und 44 Jahren gehören dazu, spielen vor allem deutsche Rock- und Popsongs von „Rosenstolz“ oder Frida Gold. Jede Woche treffen sie sich mehrere Stunden zum Üben – auf Gut Hange in Freren, weil es leider (noch) keinen anderen Raum direkt in Lingen dafür gibt. Kurz vor dem Konzert mit dem bezeichnenden Titel „Rock das Leben“ darf keine Probe ausfallen – selbst das Pressegespräch muss vorher stattfinden. „Das ist eben unser erster großer Auftritt“, sagt Andrea Puhl und verschweigt gar nicht, dass sie gehörig Lampenfieber hat.

Ein Konzert als Brückenschlag

Das verwundert nicht, denn so ein Festival gab es im Jugendzentrum „Alter Schlachthof“ noch nie. Das Christophorus-Werk (CW), sein Projekt LinaS (Lingen integriert natürlich alle Sportler) und die Stadt Lingen stehen gemeinsam dahinter. „Wir wollen zeigen, dass auch Menschen mit Behinderungen richtig gute Qualität abliefern können, zum Beispiel in der Musik“, sagt Stefan Höge, der sich als CW-Mitarbeiter besonders um „Shit Happens“ kümmert. Er sieht das Konzert als ganz praktischen Auftakt zum großen Thema Inklusion, das für Menschen mit Behinderungen Teilhabe in allen Bereichen des Lebens anstrebt. „Wir bauen eine Brücke in die Gesellschaft und hoffen, dass von der anderen Seite jemand kräftig mitbaut. Und dass sie auf Dauer tragfähig wird.“ Denn Höge wünscht sich auch, dass solche Konzerte künftig regelmäßig stattfinden.

„Shit Happens“ stehen am 10. Juli aber nicht allein auf der Bühne. Mit von der Partie sind „The Mix“ aus Neuerkeroder und als Stargäste vor allem die Gruppe „Rudely Interrupted“, in der ebenfalls Menschen mit Behinderungen Rockmusik machen. Auf diese Band sind Andrea Puhl und Kai Rolfes besonders gespannt. Gerade touren die Australier quer durch Deutschland, legen nach einem glücklichen Zufallskontakt mit LinaS-Leiter Frank Eichholt extra eine Station in Lingen ein. „Die sind schon echt toll“, sagt Andrea Puhl über „Rudely“ und erzählt, dass die Rockformation bereits vor den Vereinten Nationen in New York aufgetreten und beim Filmfestival in Cannes für ein Video ausgezeichnet worden ist. Der Clip ist tatsächlich sehr beeindruckend, weil die Kamera die Musik(er) und nicht die Behinderung in  den Mittelpunkt rückt.

Genau das wünschen sich Andrea Puhl und Kai Rolfes auch von ihrem Publikum. Beide erzählen mit leiser Bitterkeit, wie schwer das Leben mit einem Handicap ist und wie oft sie dadurch ausgegrenzt werden. Auf der Bühne können sie nun zeigen, was sie drauf haben und einfach nur gute Musik machen. „Da müssen wir uns nicht verstecken“, sagt die 30-Jährige mit neuem Selbstbewusstsein. Müssen sie auch gar nicht, wie die Besucher im „Alten Schlachthof“ hören werden.

Das Konzert „Rock das Leben“ findet am 10. Juli ab 19 Uhr im Jugend- und Kulturzentrum „Alter Schlachthof“ am Konrad-Adenauer-Ring 40 in Lingen statt. Die Tickets kosten sechs Euro. Karten gibt es unter anderem im Christophorus-Werk, bei der Stadt Lingen und unter der Tickethotline 05 91/9 14 41 44. Unterstützt wird das Rockkonzert durch die Lingener Unternehmen „EMP“ und „Free Connection“.
Die Band „Rudely Interrupted“ hat mit einem Video einen Preis in Cannes gewonnen.
Hier können Sie den Clip sehen.

Petra Diek-Münchow

Fotos: Stefan Höge/Jugendzentrum Lingen