22.09.2011

Für Linkshänder ist die Welt oft falsch herum konzipiert

Das mache ich mit links

Malen und schreiben lernen dürfen Kinder heute mit links. Aber auch in vielen anderen Bereichen des (Schul-)Alltags gibt es Hilfe. Das war nicht immer so. Marion Schulte ließ sich jetzt als Erwachsene „rückschulen". Und damit kam auch die Freude am Musizieren wieder.

 

Miriam Schulte (l.) und ihre Mutter Marion

Es war ihr großer Wunsch. Gemeinsam mit ihrer Tochter Miriam lernte Marion Schulte vor einigen Jahren das Klarinettenspiel. Miriam konnte das Musizieren sehr schnell, die Mutter tat sich schwer. „Die Töne kamen nicht so gut raus, ich hatte zwischendurch Blackouts und Probleme mit dem rechten Arm“, erinnert sich die 47-Jährige heute. Die Spielfreude und auch ihr Selbstbewusstsein litten. Keiner wusste, warum. Im Buch „Musizieren mit links“, das sie zufällig in der Bibliothek entdeckte, erhielt sie eine Antwort: „In unserer Gesellschaft sind alle Instrumente auf rechts ausgerichtet.“

Marion Schulte aber ist Linkshänderin. In der Schule wurde sie seinerzeit zwar beim Schreiben und Malen auf rechts umgeschult, „Haare kämmen, Zähne putzen, schneiden, all diese Dinge habe ich aber immer mit links gemacht“.

Kurz entschlossen ließ Marion Schulte sich „rückschulen“ und lernte, mit einer Linkshänder-Klarinette zu spielen, die sie sich extra anfertigen ließ. „Ich fand es von Anfang an besser“, erinnert sie sich. In einer Linkshänderberatungsstelle in Münster übte sie, wieder mit links zu schreiben, zu malen, zu stricken und betont heute: „Ich bin zufriedener, es ist entspannend, endlich alles so zu machen, wie ich es will und nicht immer gegen meine Natur zu arbeiten. Wenn ich heute mit rechts schreibe, wird mir schwindelig.“

Bei Umschulung oft „Knoten im Gehirn“

Die Händigkeit eines Menschen ist schon vor der Geburt festgelegt. Sie hängt davon ab, welche Gehirnhälfte die dominante ist. Übernimmt die linke Gehirnhälfte die Führung, handelt es sich um einen Rechtshänder. Ist die rechte Gehirnhälfte dominant, ist es ein Linkshänder. Kommt es zu einer Umschulung der Händigkeit, gibt es einen „Knoten im Gehirn“. Viele Menschen können sich schlechter konzentrieren, haben Lese-Rechtschreib- und feinmotorische Probleme sowie Sprachauffälligkeiten. Nicht jeder merkt es gleich stark, weiß Marion Schulte. Sie hat sich fortgebildet, um Kindern, Eltern, Lehrern und Erzieherinnen zeigen zu können, mit welch einfachen Hilfen Linkshändern im (Schul-)Alltag geholfen werden kann. Denn die Welt ist für sie oft falsch herum konstruiert. Egal ob Bleistiftanspitzer, Flaschenöffner, Schere, Messer, Dosenöffner, Sparschäler, Wasserhähne, Füller, Strickliesel oder Spielzeug – es kommt immer wieder zu Irritationen.

„Linkshänder schneiden zum Beispiel schlechter ab, wenn sie im Textilunterricht mit rechts stricken oder häkeln lernen sollen. Andere bekommen Kopfschmerzen durch die verkrampfte Stifthaltung.“ Dabei gebe es mittlerweile fürs Schreibenlernen mit dem Füller Schreibtischauflagen speziell für Linkshänder, auf denen sie erkennen, dass sie das Blatt leicht schräg legen müssen, um eine lockere Schreibhaltung zu bekommen und die Tinte beim Schreiben nicht zu verwischen, erzählt Marion Schulte. Auch für den Sportunterricht hat sie Tipps parat: So sei Hockey für Linkshänder ungeeignet, beim Tennis- und Volleyballspielen müsste dem Sportlehrer der „Linkshänder-Aufschlag“ bekannt sein. „Auch beim Tanzen drehen sich linkshändige Kinder in die andere Richtung. Das muss bei der Auswahl der Tänze einfach beachtet werden.“ Im Sportverein beobachte sie immer wieder, dass es den Kindern sehr unangenehm sei, auf diese Art „aus der Reihe zu tanzen.“

Hockey im Sportunterricht nicht geeignet

Seit fast 30 Jahren forscht  Johanna Barbara Sattler zum Thema Linkshändigkeit, hat Unterrichtsmaterial und Lernhilfen entwickelt. Sie leitet die erste deutsche Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder und umgeschulte Linkshänder in München. „Viele Eltern und auch Lehrer stehen der Linkshändigkeit eines Kindes hilflos gegenüber. Wie zeige ich denn, wie man eine Schleife bindet, wie das Schneiden und Hantieren mit der linken Hand?“ Grundschullehr- und Bildungspläne gäben kaum Hinweise auf den Umgang mit linkshändigen Kindern, kritisiert die Psychologin und approbierte Psychotherapeutin. Noch schlimmer sei es bei der Arbeitssicherheit: „Not- und Ausstellknöpfe an Maschinen sind immer rechts zu bedienen. In Panik greift der Linkshänder aber nach links.“

Nach Sattlers Schätzungen sind 20 bis 30 Prozent der Menschen linkshändig. Zu den bekanntesten zählen Barack Obama, Paul McCartney oder Albert Einstein. Dennoch koste es auch heute noch „viel Frust und Mühe“, gute Arbeits- und Lernbedingungen sowie ein Forum zu schaffen, betont sie. Das hat auch Marion Schulte gemerkt. Als sie Firmen anrief, um sich eine Linkshänder-Klarinette bauen zu lassen, stieß sie auf viel Unverständnis. „Gehen Sie lieber zur Krankengymnastik“, lautete eine Antwort.

Astrid Fleute

 

Zur Sache

Oft ist es nicht so einfach, festzustellen, ob ein Kind links- oder rechtshändig ist. Schon im Babyalter sollten Eltern und Erzieherinnen darauf achten, Spielzeug mittig zu reichen oder anzubringen, damit das Kind selbst entscheidet, mit welcher Hand es greift. Viele Kinder beobachten ihre Umgebung jedoch sehr gut, ahmen sie nach und wechseln dann die Hände. Einfache Tätigkeiten eignen sich hier zum Beobachten, welche Hand das Kind von sich aus nimmt: zum Beispiel Blumen gießen, Zähne putzen,  kreiseln, würfeln, Perlen stecken, Streichhölzer zählen.  Hat sich bei einem Kind im Alter von vier bis fünf Jahren noch keine eindeutige Händigkeit herausgestellt, sollte fachlicher Rat eingeholt werden, damit zu Schulbeginn die Schreibhand festgelegt ist.

Eine Übersicht bietet die Homepage von J. B. Sattler: www.lefthander-consulting.org