12.02.2016

Kommentar

Das Treffen in Havanna

Ein historisches Treffen: Papst Franziskus und der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill I. treffen sich in  Havanna auf Kuba. Es ist das erste Treffen der beiden Kirchenoberhäupter. Ein Kommentar von Roland Juchem.

An diesem Freitag treffen sich auf Havannas Flughafen zwei Männer: Franziskus, Bischof von Rom, Papst und Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche mit rund 1,2 Milliarden Mitgliedern sowie Kyrill I., Patriarch von Moskau und ganz Russland, Oberhaupt von knapp zwei Dritteln der weltweit rund 200 Millionen orthodoxen Christen. Es ist das erste Treffen überhaupt der Oberhäupter der großen Kirchen des Westens und des Ostens.

Bedeutsam ist das Treffen nicht nur, weil es auf Kuba stattfindet, wo vor 54 Jahren die Konfrontation zwischen Ost und West die Welt an den Rand eines Atomkrieges brachte. Das Treffen könnte positive Folgen haben für die Ukraine und Syrien, wo russische und westliche Interessen sowie Militärinterventionen aufeinandertreffen. So verschafft Franziskus sich Gehör bei vielen westlichen Regierungen, Kyrill hingegen pflegt gute Beziehungen zu Wladimir Putin. Die Spannungen zwischen Moskau und dem NATO-Mitglied Türkei machen das Treffen der Kirchenführer noch einmal dringlicher.

Vorbereitet wurde die Begegnung über viele Jahre. Johannes Paul II. und Benedikt XVI. hatten mehrfach gesagt, sie seien zu einem Treffen bereit. Fast wäre schon vor 20 Jahren ein Treffen zwischen Johannes Paul II. und Alexij II. zustandegekommen. Lange hat vor allem Moskau sich geziert und gezögert. Einzelne orthodoxe Geistliche wie etwa Metropolit Hilarion, heute Außenminister seiner Kirche, haben dennoch darauf hingearbeitet.

Wie die katholische Kirche zuvor muss sich auch die Russisch-Orthodoxe Kirche an Ökumene gewöhnen. Als einst mächtige Nationalkirche des Russischen Reiches, die durch die Hölle des Stalinismus gehen musste, fällt ihr das nicht leicht. Hinzu kommen Verletzungen aus der Geschichte. Seit dem 16. Jahrhundert sorgt die Existenz der unierten Kirche in der Ukraine für Missstimmung. Verstärkt wird diese durch die angebliche und tatsächliche Mission westlicher Christen in Russland.

Zwei Stunden lang wollen Kyrill und Franziskus miteinander sprechen. Am Ende soll es eine gemeinsame Erklärung geben. Das Schicksal der Christen im Nahen Osten wird sicher ebenso ein Thema, wie der Einsatz für Menschenrechte und grundlegende Werte der Familie sowie das Ende des fast 1000-jährigen Schismas zwischen der Kirche des Ostens und der des Westens. Der weitere gemeinsame Einsatz fürs Evangelium verlangt auf orthodoxer Seite weniger Nationalismus und auf katholischer Seite Bereitschaft, von der Frömmigkeit orthodoxer Christen und ihren Erfahrungen in der Verfolgung zu lernen.

Von Roland Juchem