30.03.2016

Das Buch der Offenbarung

Der "Anti-Paulus"

In den kommenden Wochen wird in den Sonntagsgottesdiensten oft aus dem letzten Buch der Bibel gelesen, der Offenbarung des Johannes. Geschrieben hat sie ein Autor, dem unter anderem das liberale Multikulti-Christentum des Paulus zuwider war.

Der Menschensohn beauftragt Johannes mit den Briefen an die sieben Gemeinden in Kleinasien, symbolisiert durch die sieben Leuchter. Illustration von Matthis Gerung (1500-1568) zu Offb 1,12-17 in der Ottheinrichbibel. Foto: CC4.0

Das „Buch der Offenbarung“ ist ein widersprüchliches Buch. Es will Dinge offenlegen, ist aber voller rätselhafter Bilder. Der eingedeutschte griechische Titel „Apokalypse“ klingt nach Schrecken und Katastrophe, obwohl der Autor seine Leser trösten und ihnen eine gute Zukunft verheißen möchte.

Es sind apokalyptische Zeiten am Ende des ersten Jahrhunderts nach Christus: Der Tempel in Jerusalem, die Stadt auf dem Zion sind zerstört. Für Juden, orthodoxe wie jene, die Jesus als den Messias verehren, ist das eine Katastrophe. Hinzu kommt: Unter Kaiser Domitian (81–96 n.Chr.) werden besonders in Kleinasien sogenannte Atheisten verfolgt: Juden und Christen, die die staatliche Kaiserreligion leugnen.

Dabei kommt es zu systematischen Verbannungen. Die traf auch den Propheten einer judenchristlichen Gemeinde in Kleinasien: Johannes von Patmos. Er ist sicher nicht der gleichnamige Jünger Jesu, der Sohn des Zebedäus und wohl auch nicht identisch mit dem Lieblingsjünger im Johannesevangelium oder dem Verfasser des Evangeliums und der Johannesbriefe, könnte aber aus diesem Umfeld stammen.

 

Wer sind die aus der „Synagoge Satans“?

In dieser angespannten Lage und in Erwartung der bevorstehenden Wiederkehr des Messias schreibt Johannes sein Buch. Er tut das mit einer Literaturgattung, die im Judentum seit gut zwei Jahrhunderten wohlbekannt ist, einer Apokalypse. Es besteht grob aus zwei Teilen, den Sendschreiben an die Gemeinden in Kleinasien, der heutigen Westtürkei (1,9–3,22), sowie den
Visionen (4,1–22,5). Eingerahmt und durchdrungen ist der Text von der Erwartung, dass Jesus sehr bald wiederkehren wird.

Seine Wiederkehr wird aber verzögert, auch durch Irrlehrer. In dem Schreiben an die Gemeinde in Smyrna wettert Johannes gegen „solche, … die sich als Juden ausgeben; sie sind es aber nicht, sondern sind eine Synagoge des Satans“. Das ist eine Wendung, die in innerjüdischen Polemiken dieser Zeit öfter vorkommt. Synagoge meint hier einfach eine jüdische Gemeinschaft. Wer ist diese verteufelte Gruppe?

In der Diaspora konkurrieren jesusgläubige Juden mit den traditionellen um „Gottesfürchtige“: Nichtjuden, die mit dem Glauben an den einen, unsichtbaren Gott Israels sympathisieren, am Synagogenleben teilnehmen, ohne aber alle Gebote der Tora inklusive Beschneidung zu befolgen. Bei den Christen nun werden diese Gottesfürchtigen als vollwertige Mitglieder aufgenommen.

Etliche Theologen sind daher überzeugt: Johannes von Patmos wettert hier gegen das lasche, heidenchristliche Christentum, das Paulus propagiert. „Wenn der Verfasser von der ‚Synagoge des Satans‘ spricht, meint er vermutlich … die neu aufgenommenen und von Paulus bekehrten Christen“, sagt der jüdische Theologe Moshe David aus Jerusalem. 

 

Sie verwässern die Kraft und Neuheit der Botschaft

Der italienische Theologe Edmondo Lupieri meint: „Johannes befürchtete, dass die junge Kirche in den kleinasiatischen Gemeinden sich zu sehr der Gesellschaft anpasste: zum einen an die Heiden oder an das örtliche Judentum, das sich an die Heiden verkauft hatte.“ „Er hatte Angst, dass die Jünger Jesu sich zu sehr anpassen und die Kraft und Neuheit ihrer Botschaft verwässern würden.“

Im Schreiben nach Ephesus wettert Johannes gegen „die Nikolaiten“ (2,6), von denen man annimmt, sie hielten Kompromisse mit der heidnischen Umwelt, etwa dem Kaiserkult, für „halb so wild“, weil sie Äußerliches betreffen. Zudem schimpft Johannes auf jene, „die sich Apos-
tel nennen und es nicht sind“ (2,2). Damit meint er Leute wie Paulus, der schon im Brief an die Galater viel Wert darauf legte, ein Apostel Jesu Christi zu sein.

Es ist erstaunlich, dass die Kirche zwei so widersprüchliche Traditionen wie die Briefe des liberalen Paulus und die konservativ-jüdischen Mahnungen und Visionen des Johannes in das Neue Testament aufgenommen hat. Dabei folgt sie zum einen der jüdischen Tradition, gegensätzliche Meinungen nebeneinander bestehen zu lassen. Zum anderen bewahrt die Offenbarung des Johannes in ausgeprägter Weise eine religiöse Grundhaltung, eine Angst und ein Verlangen, die sich immer wieder Bahn brechen: Wann werden wir endlich von unserem Unheil befreit, wann kommt der Erlöser, der das gute, wahre Reich (wieder)herstellt?

Von Roland Juchem