22.10.2015

In Bremen darf die Asche Verstorbene verstreut werden / Die Kirche reagiert mit Alternativen

Der eigene Garten ist kein guter Trauerort

Die Asche eines Verstorbenen einfach so verstreuen? Undenkbar aus kirchlicher Sicht. Der Bremer Propst Martin Schomaker und Hans-Peter Ostermair vom ökumenischen Arbeitskreis „Bestattungskultur und Trauer“ zeigen Alternativen auf.

 

In einem „Buch des Lebens“ Verstorbener gedenken: Das plant Propst Martin Schomaker in der Bremer Propsteikirche. Der Umschlag ist schon gefunden. Foto: Anja Sabel

Das geänderte Bremer Bestattungsgesetz erlaubt es, die Asche Verstorbener zu verstreuen. Wie sieht das in der Praxis aus?

Ostermair: Das neue Gesetz ist  seit dem 1. Januar dieses Jahres gültig. Seitdem gab es 13 Ausstreuungen. Das heißt, Angehörige haben jeweils die Urne abgeholt und die Asche des Verstorbenen auf ihren privaten Grundstücken verstreut. Es sind auch Aschestreufelder auf den Bremer Friedhöfen ausgewiesen. Dort kostet es allerdings Geld: 1400 Euro. Das ist verhältnismäßig teuer, hat aber einen Grund: Billigbestattungen sollen vermieden werden. Aber genau die haben wir jetzt, denn bisher wurde die Asche der Toten ausschließlich auf privaten Grundstücken verstreut – was nicht einmal eine Verwaltungsgebühr kostet.

Für das Verstreuen der Asche gelten strenge Vorgaben. Ist es überhaupt möglich zu kontrollieren, ob sie eingehalten werden?

Ostermair: Die Angehörigen müssen eine eidesstattliche Erklärung unterschreiben, die alles haarklein regelt. Dennoch gibt es eine Reihe ungeklärter Fragen: Wer überprüft zum Beispiel, ob die Asche wirklich innerhalb weniger Tage verstreut wird? Und wie lässt sich verhindern, dass der Wind die Asche auch in Nachbars Garten weht? Bedenklich finde ich auch, dass es für das Ausstreuen keines Grundbucheintrags bedarf. Die Eigentümer machen ja ihren Garten quasi zum Friedhof. Was ist, wenn sie das Haus später verkaufen? Ein Problem wäre auch, wenn die Stadt Bremen weitere öffentliche Nicht-Friedhofsflächen freigibt, wenn man die Asche – flapsig gesagt – auch vom Hochhausbalkon ausstreuen darf.

Ist das denn zu befürchten?

Schomaker: Es gibt unter anderem den Vorstoß, im Fußballstadion von Werder Bremen eine Fläche freizugeben. Man merkt, es brodelt weiter.

Die Kirchen haben das neue Bestattungsgesetz von Anfang an kritisiert. Was sind die „Knackpunkte“?

Schomaker: Wir legen Wert darauf, dass der Name des Toten erhalten bleibt, dass sein Leben geachtet wird und dass es für die Angehörigen einen Ort gibt, an dem sie trauern können. Beim Ausstreuen der Asche frage ich mich: Wird das der Würde des Verstorbenen wirklich gerecht?

Ostermair: Ein großer Kritikpunkt ist auch, dass der Tod zur Privatsache wird. Ich kann die Asche meines Opas auf dem privaten Grundstück ausstreuen und exklusiv bestimmen, wer den Garten betreten darf. Man stelle sich Patchworkfamilien vor, die zerstritten sind. Angehörige sind dann ihres Trauerorts beraubt.

Schomaker: Friedhöfe dagegen sind öffentlich zugänglich. Und sie haben ja in unserer Gesellschaft auch eine kulturelle Bedeutung. Außerdem: Der Mensch ist ein soziales Wesen. Er ist nicht einmal bei der Geburt allein. Ist es da nicht angemessen, die soziale Komponente auch über den Tod hinaus zu betonen und einen Menschen nicht einfach so verschwinden zu lassen?

Trotz allem: Das Gesetz ist in Kraft und wird eher noch ausgeweitet statt begrenzt. Mit welchen Alternativen reagiert die katholische Kirche?

Schomaker: Wir überlegen, St. Elisabeth in Bremen-Hastedt zur Kolumbariumskirche umzugestalten, also besondere Plätze für Urnen zu schaffen. Das ist auch schon mit dem Bistum abgestimmt. Aber es wird natürlich noch eine Zeit dauern, bis das Projekt umgesetzt werden kann. Keinesfalls tun wir das gegen den Willen der Gemeinde. Wir müssen diskutieren und auch Bedenken zulassen. Viele Menschen sorgen sich um die Grabpflege. Das müssen wir ernst nehmen. Oft wohnen die Kinder weit weg, es ist niemand da, der sich um das Grab kümmert. Viele wollen anderen auch nicht zur Last fallen. Da ist die Kolumbariumskirche eine gute Lösung: ein Raum, an dem Menschen ihrer Verstorbenen gedenken und der mit ihrem Namen verknüpft ist.
Ein weiteres Experiment: Voraussichtlich ab Herbst kommenden Jahres wollen wir in der Propsteikirche etwas Ähnliches anbieten wie im Erfurter Dom. Dort gibt es ein „Buch des Lebens“, verbunden mit einer Feier für Verstorbene. Wir haben sogar schon den passenden Buchumschlag: ein ehemaliges Evangeliar, wunderschön gestaltet. In das Buch selbst können Namen eintragen werden. Welche das sind, kontrollieren wir nicht. Es kann sein, dass eine Frau nach Jahrzehnten noch einmal an ihre Fehlgeburt denkt oder dass ein Student aus Peru, der in Bremen Musik studiert, nicht zur Beerdigung seiner Oma in die Heimat reisen kann. Wir haben auch Flüchtlinge, die Verwandte auf der Flucht verloren haben und vielleicht deren Namen eintragen wollen.
Dieses „Buch des Lebens“ wird nur während der liturgischen Feiern geöffnet sein, ansonsten liegt es sichtbar, aber verschlossen unter Plexiglas hinten in der Kirche aus. Wir wollen verhindern, dass Namen gestrichen oder Seiten herausgerissen werden. In Erfurt finden solche Gedenkfeiern monatlich statt, wir überlegen noch, was in Bremen angemessen ist.

Wie wichtig ist ein solcher Trauerort?

Schomaker: Es gibt viele Menschen, die nicht zu den Gräbern ihrer Angehörigen gehen können – aus welchen Gründen auch immer. Es gibt auch Menschen, die damit hadern, dass sich Angehörige anonym haben bestatten lassen. Wir wollen einen zentralen Trauerort anbieten, offen für alle, unabhängig von Konfession oder Religion. Außerdem haben wir ja als Kirche eine Botschaft zu verkünden: Wir reden angesichts des Todes vom Leben.

Ostermair: Das neue Bestattungsgesetz macht uns unsere eigenen Rituale wieder bewusster. Eine Bestatterin sagte auf einer Konferenz, wir sollten uns als Kirche darauf besinnen, welchen Schatz wir da haben. Wir brauchen uns also nicht zu verstecken, müssen aber auch erspüren, was die Leute bewegt und ihnen wichtig ist. Da sind solche alternativen Angebote ganz gut.

Interview: Anja Sabel

 

 

Zur Sache

In Bremen darf die Asche Verstorbener auf dem privaten Grundstück verstreut werden – das ist seit dem 1. Januar 2015 erlaubt. Das kleinste Bundesland hebt damit als erstes in Deutschland den Friedhofszwang auf. Allerdings gibt es sehr strikte Auflagen. So muss beispielsweise die verstorbene Person ihren Hauptwohnsitz in Bremen gehabt haben, um eine Art „Aschetourismus“ zu verhindern. Die verstorbene Person muss außerdem schriftlich einen Ausstreuungsort und einen Totenfürsorgeberechtigten bestimmt haben, der die Ascheverstreuung spätestens nach zwei Wochen gegenüber der zuständigen Behörde eidesstattlich versichert. Außerdem muss der Grundstückseigentümer der Verstreuung schriftlich zustimmen, und die Ausbringung darf nicht entgeltlich sein.