03.12.2014

Was Naturkatastrophen uns über Gegenwart und Zukunft zu sagen haben

Der Himmel brennt

Der Himmel wird „prasselnd vergehen“, die „Elemente werden verbrannt“. An diesem Sonntag liefert der Petrusbrief Bilder von Megakatastrophen. Die gab es tatsächlich – und kann es auch morgen geben. Die Menschheit könnte sie überleben. Aber das ist keine Entwarnung.

Meteoriteneinschlag: Szene aus dem Film "Deep Impact" (1998) Foto: pa/Mary Evans picture library

Am frühen Morgen des 25. Januar 1995 schießen Forscher im nordnorwegischen Andøya eine Rakete in den dunklen Polarhimmel. Sie trägt Messgeräte in die Atmosphäre, um das Farbspiel der Polarlichter zu untersuchen. Was sie nicht ahnen: In diesem Moment bringen sie die Welt an den Rand eines Atomkriegs.

Kurz darauf gehen einige Tausend Kilometer östlich in russischen Radarzentralen die Sirenen los. Die USA haben eine nukleare Trident-Rakete gezündet, melden die Systeme. Die Offiziere alarmieren Präsident Boris Jelzin. Der berät sich mit Generälen und anderen Experten und entscheidet – auf Entwarnung. Dies ist nur einer von mehreren Zwischenfällen auch nach Ende des Kalten Krieges, durch die unsere Welt in einen Atomkrieg hätte schliddern können.

Von Nuklearwaffen haben die Verfasser biblischer Schreckensbilder nichts gewusst. Dennoch ähnelt, was sie schildern, jenen Szenarien, die Physiker und Klimaforscher zu einem Atomkrieg zeichnen: Eine Bombe mit einer Sprengkraft von 100 Kilotonnen, gezündet über einer Großstadt, zerbirst in einem Feuerball von 320 Metern Höhe, der binnen Sekunden alles im Umkreis von fünf Kilometern in Flammen setzt; die Druckwelle von bis zu 460 Stundenkilometern zerfetzt Gebäude, tötet Hunderttausende – und verstrahlt auf Jahrzehnte.

 

Eine Atombombe würde das Weltklima zerstören

 

 

Käme es sogar zu dem früher oft zitierten und heute noch möglichen mehrfachen „Overkill“, würde das Weltklima auf den Kopf gestellt. Aufgewirbelter Staub und die Asche unzähliger Brände steigt in die obere Atmosphäre – und blockiert auf Jahre die Sonnenstrahlung. Die Erde fällt, so berechneten Wissenschaftler an der Rutgers University in New Jersey/USA, in einen „nuklearen Winter“: Die Durchschnittstemperatur sinkt um acht Grad, wie bei einer Eiszeit. Ernten fallen aus; wen die Bomben nicht getötet haben, der verhungert. Ähnliche Folgen hätte der Einschlag eines Meteoriten: Feuerball, Erdbeben, Sturm.

Doch auch die Natur selbst zerstört. Am 15. Februar 2013 detonierte über Tscheljabinsk in Russland ein rund 20 Meter großer Meteorit in der Luft, beschädigte Tausende Gebäude und verletzte Menschen. Seine Sprengkraft entsprach der von etwa 25 Hiroshima-Bomben. Alle 10 000 Jahre – statistisch gesehen – trifft ein etwa fünfmal so großer Brocken die Erde. Ginge er auf Frankfurt nieder, wäre das Rhein-Main-Gebiet ein Trümmerfeld; Millionen würden ihr Leben verlieren.

Etwa alle 100 Millionen Jahre schließlich kann kommen, was vor etwa 65 Millionen Jahren einen Großteil irdischen Lebens auslöschte: ein Meteorit von 10 bis 15 Kilometern Durchmesser. Er verdampft explosionsartig in einem Feuerball von über 10 000 Grad. Noch 1500 Kilometer entfernt fängt Kleidung Feuer. Staub und Ascheregen führen ebenfalls erst zu einem langen, trockenen Winter. Jahre später brennt die Sonne um so stärker, weil die Ozonschicht vom Staub zerstört ist.

Mit seinen Katastrophenbildern verbindet der Verfasser des Petrusbriefes nun keine naturwissenschaftlichen, sondern moralische Anliegen: „Wenn sich das alles in dieser Weise auflöst: Wie heilig und fromm müsst ihr dann leben?“, mahnt er. Und erhofft „einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen die Gerechtigkeit wohnt“. In der Bibel wie im Altertum überhaupt sind Naturkatastrophen, Seuchen und Kriege Anzeichen des göttlichen Gerichts.

 

Die Menschen könnten überleben – irgendwo

Französischer Atomtest auf dem Mururoa-Atoll. Foto: pa/dpa

Die meisten Menschen heute würden einen Meteoriteneinschlag, so verheerend er wäre, kaum als himmlische Strafe sehen. Eher warnen moralische Zeigefinger vor Atomkriegen und anderen von Menschen gemachten Katastrophen wie Ozonloch, Waldsterben und Klimawandel. Mitunter ist ihnen Erfolg beschieden: Ozonloch und Waldsterben sind weitgehend gebannt, weil die Menschheit reagiert hat.

Aber auch globale Katastrophen könnte die Menschheit überleben, jedenfalls ein Teil der Menschheit. Davon ist etwa der Münchner Ökologe Josef H. Reichholf überzeugt. In einem Interview mit der Zeitschrift „Bild der Wissenschaft“ führt er dazu drei Gründe an: „Menschen leben fast in jedem Winkel der Erde, mag er auch noch so unwirtlich sein. … Nach einer großen Katastrophe mit stark veränderter Umwelt wäre diese Fähigkeit ein unschätzbarer Vorteil.“ Zudem seien Menschen Allesesser. Sie „nutzen zur Ernährung fast alles, was organische Stoffe enthält“. Schließlich seien „Menschen … genetisch so vielfältig, dass Seuchen den Bestand der Art nicht bedrohen können.“

Die Spezies „Homo sapiens“ also könnte überleben – evolutionstechnisch. Für Millionen einzelne Menschen bedeuten Seuchen, Kriege und Naturkatastrophen aber den Tod. So bleiben sie eine Mahnung, auf den neuen Himmel und die neue Erde zu warten und sich um das Reich der Gerechtigkeit zu mühen, wie es im Zweiten Petrusbrief heißt: „Weil ihr das erwartet, liebe Brüder, bemüht euch, von ihm ohne Makel und Fehler und in Frieden angetroffen zu werden.“

Von Roland Juchem