28.08.2014

Eichstätter hilft seit 35 Jahren gegen Lepra in Brasilien

Der Mann der ersten Stunde

Vier Wochen stand Brasilien zur Weltmeisterschaft im Licht der Aufmerksamkeit – und die sozialen Probleme waren nicht zu übersehen. Noch immer gibt es dort jährlich die höchste Rate an Lepra-Neuerkrankungen weltweit. Die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) ist seit 35 Jahren vor Ort tätig. Einer der Mitarbeiter der ersten Stunde ist der heute 60-jährige Manfred Göbel.

 

Manfred Göbel arbeitet seit 35 Jahren in
Brasilien mit Leprapatienten. Foto: kna-bild

In Brasilien verdanken ihm und seinem Team mehr als 200.000 Menschen, dass sie wieder ein normales Leben führen können. Eigentlich wollte der Eichstätter nie nach Brasilien und sich schon gar nicht mit Lepra beschäftigen. Doch: "Gott hatte wohl einen anderen Plan für mich als ich selbst", sagt Manfredo, wie ihn seine Mitarbeiter und die Patienten nennen.

Göbel war 25 Jahre alt und fertig ausgebildeter Krankenpfleger. Mit den erworbenen Fähigkeiten wollte er als Entwicklungshelfer nach Afrika. Dann aber kam das Angebot der DAHW, in Brasilien tätig zu werden, und er griff zu. Als der Oberbayer ankam, herrschte noch die Militärjunta. Der Kriegsdienstverweigerer mit langen Haaren und Bart hatte anfangs keinen einfachen Stand. Für seinen ersten Einsatz schickten ihn die Verantwortlichen auf eine Station mit Leprakranken.

Es war Karneval, und der junge Deutsche wurde von einer Patientin zum Tanz aufgefordert. "Ich hatte schon Angst", erinnert sich Göbel, "aber ich sagte mir, wenn ich das nicht mache, werde ich die Menschen, für die ich da sein soll, niemals erreichen". Später habe ihm dann die junge Frau erzählt, dass dieser Tanz tatsächlich seine Bewährungsprobe gewesen sei.

Schnell sprach sich herum, dass es einen Mann aus Deutschland gibt, der sich um Lepra-Kranke kümmert. "Die Menschen haben mir vertraut, und so erzählten sie mir auch von Lazaro", so Göbel. Lazaro da Silva lebte in der Nähe von Rondonopolis, einer Großstadt im Süden, in einer armseligen Hütte. Er war stark von Lepra gezeichnet, konnte auf seinen Füßen nicht stehen und mit seinen Händen nicht greifen. Die Familie hatte ihn versteckt, damit er nicht in die damals übliche Lepra-Kolonie musste. Gerade einmal am Tag bekam er Essen.
 

Fachliche Expertise nach wie vor gefragt

"Ich hatte in den ersten Monaten schon viel erlebt, aber das schlug mir auf den Magen", weiß Göbel noch. Die Hütte sei total verwahrlost gewesen. Die Enkelin stellte dem Opa seine Mahlzeit vor die Tür. "Lazaro kam auf allen Vieren heraus. Wie ein Hund musste er essen." Manfredo reinigte und renovierte die Hütte und bat alle Bekannten, ihm dabei zu helfen.

Die Unterstützung einer jungen Frau, der Schönheitskönigin von Rondonopolis, machte seinen Einsatz für die Lepra-Patienten bekannt und erfolgreich. Ihre Botschaft lautete: "Wenn Manfredo seine Heimat verlassen hat, um hier zu helfen, dann müssen wir es in unserem Land doch erst recht tun." Der Eichstätter versorgte Lazaro da Silva mit Medikamenten und Physiotherapie, ließ orthopädische Schuhe und weitere Hilfen anfertigen, damit er auch ohne Finger greifen konnte.

Vor allem die fachliche Expertise der DAHW ist es, die nach wie vor gefragt ist. An den meisten Universitäten steht die Krankheit Lepra nicht auf dem Lehrplan. Diverse Regierungen Brasiliens haben sich bereits darin versucht, das Problem kleinzureden: Von der Militärjunta mit ihren Zwangsdeportationen über sozialistische wie bürgerliche Politiker mit geschönten Zahlen oder durch das Verschweigen der Krankheit. Offiziell darf nicht von Lepra gesprochen werden, sondern nur von "Hansenease". War es doch Gerhard Armauer Hansen, der die Krankheit einst entdeckte.

Göbel setzt weiter auf Aus- und Weiterbildung des medizinischen Personals: Nur wenn die Lepra frühzeitig diagnostiziert werden könne, sei es möglich, die Zahl der Infektionen zu senken. Mehrfach ausgezeichnet, unter anderem als "Mann des Jahres", wird Göbels Arbeit honoriert. Nach Afrika möchte er übrigens immer noch einmal: vielleicht im Ruhestand, um dort Urlaub zu machen.

kna