09.09.2012

Bischöfe gelobten Armut

Der Pakt in den Katakomben

Den Glauben frei halten „von jedem Ansehen der Person“? Und „die Armen als Erben des Königreiches“? Wer immer den Jakobusbrief geschrieben hat, er hatte radikale Ansichten. Wie jene 40 Bischöfe, die sich im November 1965 in einer Katakombe vor den Toren Roms versammelten.

Domitilla-Katakombe

Die Basilika in den Domitilla-Katakomben. Hier unterschrieben im
November 1965 vierzig Bischöfe eine Selbstverpflichtung zu einem
armen Leben. Foto: kna-bild

Die Domitilla-Katakomben sind die größte Anlage ihrer Art. Unterirdische Gänge, Grabanlagen, ja sogar eine unterirdische Basilika gibt es. Hier feiern am 16. November 1965 vierzig Bischöfe aus mindestens 15 Ländern eine Messe. Die Predigt hält Bischof Charles Marie Himmer von Tournai in Belgien. Er spricht über das Konzil, das in diesen Tagen zu Ende geht, über das, was die Bischöfe dort erfahren haben. Und er spricht über die Bedeutung der Armen für die Kirche.

Am Ende der Messe wird ein Dokument auf den Altar gelegt. Alle anwesenden Bischöfe setzen ihre Unterschrift darunter: Unter ihnen Erzbischof Helder Camara von Recife und neun weitere Bischöfe aus Brasilien, Bischöfe aus Peru, Mexiko, Kanada, Israel und dem Libanon, aus Jugoslawien, Italien, Spanien und Frankreich, aus Tansania und Singapur, Vietnam und Indonesien. Aus Deutschland ist Julius Angerhausen dabei, Weihbischof in Essen und früherer Nationalkaplan der Christlichen Arbeiterjugend. Er war Sekretär dieser Gruppe, zu der auch Bischof Hugo Aufderbeck aus Erfurt-Meiningen gehörte. Ob Aufderbeck in der Katakombe dabei war, ist unsicher.

„Als Bischöfe, die sich zum Zweiten Vatikanischen Konzil versammelt haben; die sich dessen bewusst geworden sind, wie viel ihnen noch fehlt, um ein dem Evangelium entsprechendes Leben in Armut zu führen; die sich gegenseitig darin bestärkt haben, gemeinsam zu handeln, um Eigenbrötelei und Selbstgerechtigkeit zu vermeiden“ unterzeichnen sie eine Selbstverpflichtung, die insgesamt 13 Punkte enthält.

„Wir verzichten darauf, reich zu sein“

Unter anderem diese: „1. Wir werden uns bemühen, so zu leben, wie die Menschen um uns her üblicherweise leben, im Hinblick auf Wohnung, Essen, Verkehrsmittel und allem, was sich daraus ergibt. 2. Wir verzichten ... darauf, als Reiche zu erscheinen wie auch wirklich reich zu sein, insbesondere in unserer Amtskleidung (teure Stoffe, auffallende Farben) und unseren Amtsinsignien, die nicht aus kostbarem Metall ... gemacht sein dürfen, sondern ... dem Evangelium entsprechen müssen.“  Für den Dienst an den Armen wollen sie „Zeit, Gedanken und Überlegungen, Mitempfinden oder materielle Mittel“ einsetzen. Sie wollen sich dafür einsetzen, dass „Werke der Wohltätigkeit in soziale Werke“ umgewandelt werden. Dass Regierungen der Gerechtigkeit der Menschen dienen. Dass Armut international bekämpft wird. Und sie selbst wollen in ihren Diözesen „vom Heiligen Geist inspirierte Animateure werden, anstatt Chefs nach Art dieser Welt zu sein“.

Vielleicht dachten die 40 an das, was Papst Paul VI. zwei Monate zuvor in der Katakombe gepredigt hatte: „Hier war die Kirche entkleidet von menschlicher Macht, hier war sie arm, war sie demütig, war sie fromm, war sie unterdrückt, war sie heldenhaft.“

Dies war das Anliegen der „Bruderschaft der kleinen Bischöfe“, wie sie in Anspielung auf Charles de Foucaulds „kleine Brüder“ genannt wurden: das Evangelium Jesu Christi, seine Kirche und die Armen. Der Pakt in den Katakomben war das Ergebnis ihrer vierjährigen Gespräche, Gebete und Erfahrungen.
Oft hatten sie nachmittags im Belgischen Kolleg zusammengesessen, hatten ihre Eindrücke aus der Konzilsaula vertieft, diskutiert und gebetet. „Christus sagt: ‚Das ist mein Leib.‘ Und wir glauben an seine Gegenwart im Brot“, berichtete später einer von ihnen, der brasilianische Bischof Antônio Fragoso. „Ebenso sagt Jesus aber auch: Der Hungrige, der Kranke, Gefangene, Verlassene – das bin ich. Aber diese Identität, die Gegenwart Christi im Armen, die haben wir theologisch nie vertieft. Daraus haben wir nie Konsequenzen für unsere Seelsorge, unsere Spiritualität gezogen.“

Beim Konzil haben sich die Oberhirten aus fünf Kontinenten erstmals überhaupt als Weltkirche erfahren. Als arme Bischöfe aus Ländern mit schreiender Ungerechtigkeit neben wohlhabenden Bischöfen aus reichen Ländern saßen. Welche Folgen hat das Konzil für mich als Bischof und meine Diözese? Das war ihre Leitfrage. Und die Selbstverpflichtung, zu der sich – so heißt es – später 500 weitere Bischöfe bekannt haben, sollte sie gegenseitig stärken, den als gottgewollt erkannten Weg weiterzugehen.

Der Pakt blieb lange unbekannt

Allmählich erst wird der Katakombenpakt wiederentdeckt, da Historiker zum 50. Jahrestag  das Konzil unter die Lupe nehmen. Lange blieb er weitgehend unbekannt. Die erste deutsche Übersetzung der Selbstverpflichtung erscheint 1969 – in der DDR. In Westdeutschland wird der Text erst 1977 in der Zeitschrift „Concilium“ veröffentlicht. Zu dem Zeitpunkt hat andernorts die Selbstverpflichtung längst ihre Wirkung getan. Die „Option für die Armen“, die die Bischöfe Lateinamerikas bei ihrer Generalversammlung 1968 im kolumbianischen Medellín formuliert hat – und die inzwischen weltkirchlich anerkannt ist, wäre ohne die Gespräche im Belgischen Kolleg und den Katakombenpakt so kaum getroffen worden.

Der vollständige Wortlaut des Katakombenpakts findet sich hier.

Roland Juchem