09.12.2015

„Gegenwartskrippe" mit Menschen aus unserer Zeit

Der Propst als Verkündigungsengel

Maria trägt kein langes Gewand, sondern eine knallrote Winterjacke. Und sie sieht aus wie die stellvertretende Bürgermeisterin Annelene Ewers. In der „Gegenwartskrippe“ in Meppen findet Weihnachten heute statt – mit Menschen aus unserer Zeit.

 

Gudrun Weber zeigt vor der „Gegenwartskrippe“ die Figur eines der Drei Heiligen Könige. Ihr Sohn Marc Weber, Pfarrer in Bohmte, Hunteburg und Lemförde, stand dafür Modell. Foto: Petra Diek-Münchow

Fröhlich plaudernd flanieren die drei Frauen über den Meppener Weihnachtsmarkt in der Fußgängerzone. Mitten durch den Glühweinduft, vorbei an Würstchen-Buden und Kunsthandwerk bis zum Rathaus. Genau hier zieht eine etwas andere Hütte ihren Blick auf sich. Da gibt es nichts zu kaufen, nichts zu essen, nichts zu trinken. Nur etwas zum Gucken und Staunen. Die Freundinnen bleiben stehen und schauen durch die Glasscheibe neugierig hinein. Gudrun Weber steht drinnen und schiebt in der Krippe die Wiege mit dem Jesuskind zurecht, rückt den Verkündigungsengel an die richtige Stelle und zupft noch mal am Kostüm vom Josef. „Guck mal, der sieht ja aus wie Paul Schmidt“, sagt eine der Frauen und hat den bekannten Gastwirt aus Meppen gleich erkannt.

Sie hat recht – und auch die anderen Figuren in dieser „Gegenwartskrippe“ gleichen Personen aus Meppen: mit Gesichtern von heute, mit Kleidung von heute, mit der Botschaft von heute. Der Verkündigungsengel – das ist Propst Dietmar Blank, zwei der Könige sind Stadtbrandmeister Fritz Völker und Chefarzt Evariste Gafumbegete. Und das Jesuskind sieht aus wie Günter Tonke, Enkel einer Ratsfrau. Der Meller Ingenieur Ralf Paehl hatte die Figuren in einem aufwendigen Verfahren im 3D-Drucker aus Kunststoff Schicht um Schicht angefertigt.

Allesamt stehen sie nun nicht in einer orientalisch anmutenden Krippe, sondern in einem schlichten Zelt: mit Wäscheleine im Hintergrund, mit Küchenregal neben der Wiege, mit Einkaufskörbchen und Fahrrad statt Esel am Eingang. „Jesus lebt heute noch unter uns“, sagt Gudrun Weber. „Das soll hier deutlich werden.“

Gott begegnet uns auch als Flüchtling, kranker Nachbar oder wehrloses Kind

Die Meppenerin hat sich diese besondere Krippe ausgedacht, weil sie Weihnachten in unsere Zeit holen und den Menschen das Thema ganz bildlich zeigen möchte. Eng arbeitet sie bei dem Projekt mit der Stadtpastoral „Kirche in Meppen“ (KIM) zusammen, sie ist selbst Mitglied des Teams. Mitten in der Stadt, mitten im Trubel und Lichterglanz steht deshalb diese etwas andere Krippe. Und man kann kaum daran vorbeigehen. „Wir müssen die christliche Botschaft mit modernen Medien so präsentieren, dass sie nicht zu übersehen ist“, sagt Gudrun Weber.

Was sie damit meint, verstehen die drei Gäste sofort. Ein großer Bildschirm hinter der Krippe zeigt einen knapp zweiminütigen Film mit Texten und Fotos, die nachdenklich machen. „Gott schickt seinen Sohn zu uns“ steht da in großen Lettern. „Gott begegnet auch dir: als Flüchtling, als kranker Nachbar, als wehrloses Kind, eben als Mensch.“ Und dazu laufen vor allem Aufnahmen vom langen Marsch der Flüchtlinge über europäische Grenzen. Mehr Kommentar braucht es nicht.

Die drei Frauen gehen weiter. Nur kurz haben sie vor der Hütte gestanden, aber vielleicht mehr vom Meppener Weihnachtsmarkt mitgenommen als nur Glühweinduft und Bratwürstchen. Gudrun Weber schaut ihnen hinterher und rückt eine weitere Figur zurecht. Vielleicht mit ein bisschen mehr Sorgfalt als bei den anderen, denn das hier ist der dritte König und der sieht aus wie ihr Sohn: Marc Weber, Pfarrer in Bohmte, Hunteburg und Lemförde. „Vielleicht wollen die Leute aus diesen drei Kirchengemeinden auch mal kommen und gucken“, sagt sie.

Petra Diek-Münchow

Die „Gegenwartskrippe“ steht bis zum 27. Dezember in einer Holzhütte in der Meppener Fußgängerzone direkt neben dem Rathaus. Jeden Samstagnachmittag im Advent ist auch das Team der Stadtpastoral „Kirche in Meppen“ vor Ort. Es gibt Gespräche mit Passanten und kleine Streichholzschachteln – als Zeichen dafür, dass wir Licht brauchen und sein können.