09.06.2016

Bistum schult Dialogbegleiter / Dazu gehören Argumente gegen Stammtischparolen

Der Ton wird schärfer

Dialogbegleiter – so heißen die Frauen und Männer, die im Bistum Osnabrück das Miteinander von Christen und Muslimen noch stärker fördern sollen. Unter anderem lernen sie, sich gegen Stammtischparolen zur Wehr zu setzen. 

 

„Flüchtlinge – alles Terroristen!": Stammtischgerede ist oft polemisch,
rassistisch und verletzend. Foto: imago

Der Mann, der sich gerade Bier und Korn bestellt hat, lehnt sich zurück und verschränkt die Arme. „Habt ihr gesehen? Schon wieder ist ein großer Bus mit Flüchtlingen angekommen. Wo sollen die alle hin?“ Eine Frau pflichtet ihm bei: „Wir haben doch gar keinen Platz mehr. Und überhaupt: Wer soll das bezahlen?“ Eine weitere Frau schimpft: „Also, von unserer Rente wird da nicht viel übrig bleiben!“ Die  Szene könnte sich so in jeder Kneipe abspielen, ist aber in diesem Fall gestellt. Der Mann und die Frauen sind in ihre Rollen als Sprücheklopfer am Stammtisch geschlüpft, drei andere Seminarteilnehmer sollen dagegenhalten. Nur: Sie kommen kaum zu Wort.

Jürgen Schlicher, der das Seminar „Argumentieren gegen Stammtischparolen“ leitet, kennt solche Situationen. Und er ist nicht überrascht, wie sich die Rollenspieler danach fühlen. „Wenn Widerspruch kam, wurde ich immer fieser.“ „Wir wollten unbedingt gewinnen. Es hat sogar Spaß gemacht.“ Sagen die Sprücheklopfer. „Der Blutdruck ist gestiegen. Es geht mir schlecht. Ich habe keinen Anknüpfungspunkt gefunden.“ Sagen die anderen.

Stammtischparolen – jeder kennt sie: festgefahrene Meinungen, unreflektiert, rassistisch, verletzend, polemisch. Der Ton hat sich verschärft, vor allem beim Thema Migration. Eine sachliche Diskussion? Oft unerwünscht! Es geht darum, Dampf abzulassen, zu provozieren. Und man muss auch gar nicht so viel wissen, um mithalten zu können. Kommunikationstrainer Schlicher rät davon ab, wohlüberlegt gegen Leute anzureden, denen sachliche Begründungen sowieso egal sind. Er fordert dazu auf, sich mutig und nervenstark gegen rechtsradikale Zumutungen zur Wehr zu setzen. Er möchte Menschen in die Lage versetzen, überhaupt Argumente anzubringen, sich nicht mehr ohnmächtig zu fühlen, wenn pauschale Sätze fallen wie: „Der Islam ist gewalttätig.“ Oder: „Diese Araber, das sind doch alles Terroristen.“

Das hat auch viel mit Körpersprache zu tun. Nicht nur der Inhalt zählt, sondern auch, wie man auftritt. Deshalb: sich Platz verschaffen, sich bei hartnäckigen Nachfragen nach vorne lehnen – Haltung zeigen. Und tatsächlich: Die Seminarteilnehmer entwickeln sich von Rollenspiel zu Rollenspiel und lassen sich nicht mehr so in die Defensive drängen.

Als Ärztin erschöpfte Flüchtlinge versorgt

Das „Argumentieren gegen Stammtischparolen“ im Osnabrücker Priesterseminar ist Teil einer neuen interreligiösen Schulung. Das Bistum Osnabrück bildet Dialogbegleiter aus, die in den Kirchengemeinden und Dekanaten den Kontakt zu Moscheegemeinden aufbauen, in ihrem kirchlichen Umfeld über Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Christentum und Islam informieren und die Haltung der katholischen Kirche zum Islam darstellen.

„Ich nenne es: den Dialog des Lebens fördern“, sagt Katrin Großmann, Beauftragte des Bistums für den interreligiösen Dialog und Ideengeberin. „Ich wünsche mir, dass sich Gottesdienstbesucher und Moscheebesucher normal begegnen. Dafür wollen wir Katholiken, Hauptamtliche und Ehrenamtliche, ermutigen, den Weg des Gesprächs mitzugehen und Ängste zu überwinden.“

Unter den ersten Dialogbegleitern sind Krankenhausseelsorger, Lehrerinnen und etliche Ehrenamtliche, die mit Flüchtlingen zu tun haben. Wie Mechthild Wortmann. Die Allgemeinmedizinerin aus Ankum behandelt die Neuankömmlinge nicht nur in ihrer Praxis, sondern betreut auch privat eine Familie aus dem Irak. Vorurteile? „Ja, die gibt es“, sagt sie. Und diffuse Ängste, zum Beispiel die Angst, „dass ich andere Patienten vernachlässigen könnte, wenn im Wartezimmer mehrere Flüchtlinge sitzen“.

Als künftige Dialogbegleiterin möchte sie oberflächliche Argumente entlarven und Partei ergreifen für Menschen, die sich nicht wehren können. Letzteres tut sie ohnehin schon, denn die Ärztin engagiert sich seit Jahren ehrenamtlich in der internationalen Nichtregierungsorganisation Humedica. So reiste sie im Dezember und März an die mazedonisch-serbische Grenze, wo Tausende Flüchtlinge ausharrten. „Die Menschen waren so getrieben, dass sie ihren gesundheitlichen Zustand verdrängten. Es hieß immer nur Yalla, yalla! Vorwärts!“ Wortmann kümmerte sich um die Erschöpften, um fiebernde Kinder ebenso wie um unterkühlte Erwachsene. Sie verteilte Getränke, Medikamente, versorgte schlecht verheilte Kriegsverletzungen.

„Manche meinen, ich allein könne nichts bewegen“, sagt die Ärztin. Sie selbst denkt darüber anders. „Und wenn es nur darum geht, jedem Menschen, dem ich begegne, etwas Hoffnung zu geben.“ Auch ihre neue Aufgabe als Dialogbegleiterin bestehe nicht darin, „Integration in Siebenmeilenstiefeln voranzutreiben“. Gefragt sind kleine Schritte. So hat Wortmann in ihrer Kirchengemeinde Firmbewerber und junge Flüchtlinge zusammengebracht. Ein Spielenachmittag. „Das Eis war schon gebrochen, als die Firmlinge ihre Vornamen in arabischer Schrift auf Namensschildern vorfanden.“

Anja Sabel